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sven1421

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15

Samstag, 15. September 2012, 08:45

Episode 15: Nur Schach oder doch schon Matt?

Im Dunkel ihres - nach dem Erlöschen der Kerze - nun gänzlich düsteren und kalten Kellerverlieses erinnerte sich Yelena, in einem Anflug von klarem Bewußtsein, bruchstückhaft an alles, was zuletzt geschah ...

Kowarno hatte ihr bei ihrem Zwischenstop im Bunker nahe Moskau erläutert, worum es bei seinem verbrecherischen Unternehmen wirklich ging und auf die Spur welches lang verschollenen Schatzes er durch den Tip eines alten Bekannten aus Zeiten des Kalten Krieges gestoßen war. Yelena brauchte er als Sachverständige, da sie während ihrer Ehe in einer Sonderabteilung des KGB bereits jahrelang gemeinsam nach jenem legendären Kunstobjekt gesucht hatten. Die Vertrautheit und die Anzüglichkeiten Kowarnos gegenüber Yelena führten dabei dazu, daß sich ihr Ex wieder und wieder mit der immer eifersüchtiger werdenden Katja in die Haare bekommen hatte. Irgendwann war er schließlich durchgedreht und hatte sie mit einem gezielten Schuß in den Hinterkopf kaltblütig hingerichtet. Yelena aber hatte er unter vorgehaltener - aus der Mündung des Laufes noch qualmender - Pistole gezwungen, einen verzweifelten Hilferuf an Lukas auf Band zu sprechen. Dann war sie von Boris per Injektion erneut betäubt worden, und man hatte sie in den Frachtraum eines olivgrünen Kleintransporters der Marke Barkas geworfen. Das Letzte, was sie dort wahrgenommen hatte, bevor das Airethin sie schlafen schickte, war die Verabschiedung Kowarnos von seinem Kumpan Boris. Iwan meinte, Boris solle Yelena schon mal an den Bestimmungsort fahren, auf den das merkwürdige Gekritzel hindeutete, welches Yelena zuvor bei ihren Nachforschungen im Bunker entdeckt hatte. Er selber müßte hier noch drei kleine Störenfriede erledigen. Und auf Boris verdutzte Nachfrage dazu hatte Kowarno nur noch gemeint, daß er sich dabei auf einen Tip aus dem Telefonat stütze, welches er kurz nach der Landung des entführten Flugzeugs nahe Moskau erhalten habe. Wie lange Boris daraufhin ihren schlafenden Körper im Innern des Barkas durch die Landschaft geschaukelt hatte un wo ihre Reise dabei genau endete, konnte Yelena nur vermuten. Mehrfach hatte er unterwegs ihre schwindende Betäubtheit an verschiedenen Rastplätzen wieder aufgefrischt, was sie spontan auf eine Fahrdauer von zwischen 12 und 24 Stunden schließen ließ und damit auf eine Strecke von vermutlich mehr als 1000 Kilometern. Auf alle Fälle aber waren sie am Ende der Reise hier in diesem modrigen Keller gelandet ...

Yelenas Atmung wurde mit einem Male schwerer, die Erinnerungen verblaßten, ihr Bewußtsein schwand - und vor ihren Augen wurde es schwarz. Mit letzter Kraft aber hauchte ihre dünn gewordene Stimme noch einmal ein leises: "Lukas, Hilfe! Bitte Du mich retten!".

Der aus der Tiefe ihrer Seele Angeflehte aber stand im selben Moment regungslos in jenem gottverlassenen ehemaligen Militärbunker, in dem er die Spur seiner Angebeteten für immer verloren zu haben glaubte. Durch seinen Kopf spukten dabei die wirren Bilder einer unglücklich zuende gegangenen Schachpartie. In ihr sah er sich am Beginn selbst als weißer König, in Begleitung seiner zwei ebenso strahlendweißen Bauern Timmy und Derrik, die sich munter Zug um Zug und Schritt für Schritt auf die Suche nach seiner aus den Augen verlorenen weißen Dame Yelena machten. Dabei hatte er zu seinem Entsetzen erkennen müssen, daß sie wohl von seinem Widersacher, dem schwarzen König namens Iwan Kowarno, entführt worden zu sein schien und daß sie in einer früher abgebrochenen Partie aus ungeklärten Gründen als dessen schwarze Königin fungiert hatte. Einige Schachzüge lang hatte es schließlich gedauert, bis er sie am Rande des riesig erscheinenden Schachbretts gefunden zu haben glaubte, wo sie im Dunkeln geopfert lag. Erst als König Lukas mit seinen beiden Begleitern die niedergestreckte Figur genauer besah, erkannten sie, daß sie dem schwarzen König in die Falle gegangen waren - ein Schach und ein nahezu bombensicheres Matt, dem sie nur mit Mühe und Not und durch einen geradezu großmeisterlichen Zug von Bauer Derrik zu entgehen vermochten. Im Gegenzug hatten König Lukas und seine Mannen nun den Schwarzen König Iwan in die Enge getrieben und ihm Schach geboten. Ein Schach, aus dem durch einen überhitzten Zug von Bauer Derrik ein Matt wurde, welches König Iwan zu Füßen Svenssons unwiderruflich auf die Bretter schickte. Die Partie schien zuende, der weiße König hatte über den schwarzen gesiegt. Und dennoch war ihm keineswegs zum Feiern - sondern vielmehr zum Heulen - zumute, denn die weiße Dame blieb nun in seinen Augen bis in alle Ewigkeit verschollen.

In diesem Augenblick der Verzweiflung tauchte plötzlich wie aus heiterem Himmel ein heller Schein auf, der das Schachbrett und seine Figuren mit einem
Male in einem völlig neuen Licht erscheinen ließ. Der mattgesetzte pechschwarze König zu Svenssons Füßen verkümmerte plötzlich zu einem schwarzen Bauern. Und im unenedlich weit entfernten rechten oberen Eck des erdfarbenen Schachbretts tauchte - luftdicht in einen seidenen Cocoon eingesponnen - die sich windende Gestalt der verschollen geglaubten weißen Dame auf. Ein dünner seidener Faden, an dem gleichsam auch ihr Schicksal zu hängen schien - zog sich waagerecht über die Felder des Brettes hinweg in das immer noch im Dunkeln liegende linke obere Eckfeld, wo sich nun der Schatten des wirklichen schwarzen Königs abzeichnete. Von welcher der vielen Figuren auf dem Schachbrett jener düstere Schatten ursprünglich herrührte, war nicht auszumachen. Umso deutlicher zu erkennen war dafür, daß der schwarze Königsschatten von seiner Position aus - kreuz und quer über das gesamte Brett verteilt - alle Fäden fest in der Hand hielt. Klebrige, dünne Fäden, die zu einem dichten Netz wurden, in welchem sich auch der weiße König und seine Bauern letztlich zu verfangen drohten. Das dunkle Feld aber, über welchem das pechschwarz gekrönte Haupt in diesem Moment zu schweben begann, zeigte ein mit blauer Farbe aufgepinseltes schmerzverzerrtes Gesicht eines Menschen mit weit aufgerissenem Mund. Ein im selben Moment von oben her einfallendes dunkles Licht brachte unter der blauen Fratze mit einem Male einen bis dato nicht erkennbaren Schriftzug zum Vorschein: KGB, wobei das G und das B nur eine Sekunde später schlagartig die Plätze tauschten und aus der mysteriösen Buchstabenkombination damit ein KBG wurde. Das schreiende Gesicht selbst aber verwandelte sich dabei in das mosaikhaft zusammengesetzte, bernsteinfarbene Bildnis eines eingekreisten Vogels mit einem gekrönten R auf der Brust. Die weiße Dame im oberen rechten Eck entpuppte sich zur gleichen Zeit vor Lukas Augen aus ihrem Cocoon heraus als seine Yelena, die ihre bunten Schmetterlingsflügel ausbreitete und ihm freudig entgegenflatterte. Der seidene Faden mitsamt dem abgestreiften Cocoon schnellte dabei über den breiten Schachfeldhorizont hinweg auf den Schattenkönig zu und nahm ihn - der inzwischen zur wurmartigen Gestalt einer Raupe mutiert war - nun selbst gefangen.

Ein lauwarmer Windzug holte Lukas aus seiner Vision in die Realität des ihn umgebenden Bunkers zurück. Es handelte sich um eine leichte Brise, die von außen an der Wellblechtür des Bunkers vorbei in das Gemäuer geschlüpft und durch die langen Flure und Räumlichkeiten kriechend - dem Flackerlicht der Petroleumlampe folgend - letztlich an Svenssons Ohr vorgedrungen war, dem sie dabei in der sanften Art Yelenas leises "Lukas, Hilfe! Bitte Du mich retten!" einzuhauchen schien. Dann drehte der warme Windhauch im kühlen Gemäuer noch eine kleine Schleife und verabschiedete sich - unmittelbar über den staubigen Betonboden schwebend - wieder in die Dunkelheit der Nacht. Vom dabei entstehenden Luftsog aber wurde nun auch jenes unscheinbare, zusammengeknüllte Papierchen ergriffen, welches Lukas Svensson kurz vor dem eigentümlichen Verhör Kowarnos aus der Manteltasche gefallen war. Es wehte einmal quer durch den Raum und landete schließlich direkt vor den Füßen Tim Hackermans, welcher es augenblicklich aufhob und glattstrich, um es sich im fahlen Lichtschein einmal genauer zu besehen. Dabei verfinsterte sich zusehends seine Miene, und mit geballter Faust begann er lauthals zu fluchen: "So ein abartiger Dreckskerl! Spielt hier den Photoshopkünstler und bastelt sich seine geistesgestörte Vision vom Grabstein Yelenas zusammen. Sogar ein in der Zukunft liegendes Sterbedatum hat er ihr in seinem degenerierten Hirn schon zugedacht". Lukas Svensson schaute entgeistert zu seinem entrüsteten Schützling hinüber. Er rannte auf ihn zu, entriß ihm die Fotografie und starrte sie sekundenlang an. Vor seinem Geiste aber erschienen dabei unzählige Bilder. Es waren merkwürdig vertraute Bilder - ähnlich dem, was man weitläufig als Dejavu bezeichnete:

Der Ex-Inspektor sah sich selbst, wie er in Begleitung seiner Eltern in einem stockdunklen Gewölbe mit einer verschlossenen Stahltür den Raum abschritt und dabei stürzte - über etwas, daß sich beim genaueren Abtasten als verweste Frauenleiche herausstellte. Zwei Jungen betraten von draußen den Raum und brachten dabei ein wenig Licht ins Dunkel. Einer der Jungen stolperte ebenfalls über die Tote und drehte schließlich furchtlos ihr dem Boden zugewandtes Antlitz zur Seite. Lukas sah in die erstarrten, toten Augen und das verblaßte Gesicht und erkannte darin seine Yelena. Tränen schossen ihm in den Augen. Verzweifelt versuchte seine Mutter, ihn zu trösten. Und sein Vater reichte ihm jenes - nach seinen Worten erst am Silvesterabend 2009 entstehende - Foto als "Bote einer möglichen Zukunft". Er hörte die Stimmen seiner Eltern, die von beiden Seiten nahezu prophetisch auf ihn einredeten: "Du aber, mein Sohn, hast es nun in Deiner starken Hand, sie vor ihrem schrecklichen Schicksal zu bewahren! Setze all Deine Kraft daran, sie zu suchen und zu finden! Und setze Dein Leben für das ihre ein! Dann, und nur dann, werden diese schrecklichen Bilder hier niemals Wirklichkeit werden!". Und dabei sah Lukas wieder sich selbst, wie er jenes unheilverheißende Fotodokument in seiner rechten Faust zerknüllte und unbetrachtet in der Manteltasche versenkte ...

Aber war denn die ganze seltsame Weihnachtsgeschichte mit der Zeitreise und den Geistern seiner verstorbenen Eltern nicht einfach nur ein Traum gewesen?! Sollte er all das etwa tatsächlich erlebt haben?! Das Foto in seiner Hand schien diese Theorie zumindest zu untermauern. Andererseits konnte es damals aber auch einfach nur eine Art merkwürdige Vision gewesen sein, wie sie Lukas vor wenigen Momenten ja auch ereilt hatte. Wie dem auch sei: Das mysteriöse Foto begegnete ihm hier auf alle Fälle bereits zum zweiten Male. Und in der momentanen Ausweglosigkeit seiner Situation war es für ihn der sprichwörtliche Strohhalm, an den sich seine gerade erst wiedererwachende Hoffnung nun umso fester klammerte. Ja, hier und jetzt war er bereit, einen Blick auf die gruslige Ablichtung des Grabes seiner zukünftigen Braut zu werfen. Mit zittriger Hand hielt er die Abbildung, während seine wild blitzenden Augen auf der verzweifelten Suche nach einem neuen Anhaltspunkt für Yelenas Aufenthalt hastig die schwarz eingearbeiteten kyrillischen Lettern auf dem blankpolierten Granitstein überflogen: "Yelena Zladkaja. Geboren in Minsk am 31.Mai 1956. Gestorben am 23.Dezember 2009 in ... Kaliningrad". Lukas traute seinen Augen nicht. Wieder und wieder las er das letzte Wort: KALININGRAD.

Kaliningrad?! Aber das war doch der heutige russische Name für seine alte ostpreußische Geburtsstadt Königsberg. Jene wundervolle Provinzmetropole, aus welcher seine Eltern mit ihm als Baby am Neujahrstag 1945 vor dem herannahenden Kriegsgeschehen geflohen waren und von der ihm seine Mutter und sein Vater später so viel vorgeschwärmt und erzählt hatten. Besonders erinnerte er sich dabei an die leuchtenden Augen seines Vaters, wenn der auf das dort seinerzeit in den Räumlichkeiten des Königsberger Schloßes ausgestellte und seit Kriegsende nicht mehr auffindbare Bernsteinzimmer zu sprechen kam. Stundenlang hatte er ihm als Kind in einem alten Bildband Fotos davon gezeigt, von all den prunkvollen Verzierungen und eingearbeiteten Gemälden. Den Einband jenes kunstvollen Bilderbuchs aber schmückte die bekannte Nachbildung des Russischen Kaiseradlers als Bernsteinmosaik... Svensson schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Natürlich! Daß ihm das nicht gleich eingefallen war. Das war jenes hinter der blauen Fratze aus seiner Schachvision zum Vorschein gekommene bernsteinfarbene Vogelmosaik gewesen. Und in diesem Moment fiel es Lukas Svensson wie Schuppen von den Augen. Aufgeregt bat er den immer noch verdutzt neben ihm stehenden Timmy um die mitgeführte mysteriöse Abschiedsnachricht seiner Yelena, die sie bei ihrem Verschwinden neben dem CD-Spieler in ihrer gemeinsamen Wohnung hinterlassen hatte. Fieberhaft überflogen seine Augen die Zeilen auf der Suche nach dem letzten, bislang unentschlüsselten Satz der handgeschriebenen Kurznachricht. Schon einen Augenblick später wurde er fündig: "Du geben ein Raum für Familie von Dirigent!". Oh, geliebte Yelena, was bist Du doch für ein schlaues Mädchen! Ganz klar: Leonard BERNSTEIN war der Dirigent. Und ihm einen RAUM zu geben, bedeutete nichts anderes als einen gut versteckten Hinweis auf das BERNSTEIN-ZIMMER! Das war jenes "Größere" hinter dem gestohlenen Gemälde "Der blaue Schrei", von dem Iwan Kowarno vorhin gesprochen hatte.

In Lukas' Schädel begannen die Gedanken wild zu kreisen, und seine Schachbrettvision entschlüsselte sich dabei fast wie von selbst: Kowarnos Verwandlung zum Schwarzen Bauern deutete somit, daß er nur ein Handlanger war. Handlanger des Schwarzen Schattenkönigs, jenes vermutlich aus den eigenen Reihen des Yard stammenden Verräters und heimlichen Topterroristen, der aus sicherer Entfernung bislang unentlarvt die Fäden fest in der Hand hielt. Das sich in KBG verwandelnde KGB zu seinen Füßen deutete sowohl auf die Verstrickung des ehemaligen sowjetischen Geheimdienstes als auch ein weiteres Mal auf Svenssons Geburtsort Königsberg - früher auch gern abgekürzt als Kbg - hin. Die blaue Fratze auf dem Feld des Schwarzen Schattenmanns aber war das gestohlene, falsche Munchgemälde, welches zweifellos hier im Bunker unter dem dreckigen Tuch im Goldrahmen an der Munitionskiste lehnte. Lukas erinnerte sich dabei auch an das dunkelschwarze Licht, das in seiner Vision das Gemälde durchleuchtete und dabei den versteckten Schriftzug offenlegte. Und wieder machte es Klick in seinem Gehirn: Dazu hatte Kowarno die Schwarzlichtlampe an das Notstromaggregat montiert! Hinter dem Gemälde versteckte sich ein weiteres Geheimnis - eines, das es offensichtlich wert gewesen war, dafür eine ganze Linienmaschine samt Besatzung und Passagieren zu kidnappen. Vor den staunenden Augen seiner beiden Begleiter schloß er die Schwarzlichtlampe wieder an die freigelegten Kabelklemmen an und startete dann das - zuvor auf 220 Volt heruntergeregelte - Notstromgerät. Er befreite die Rückseite des gerahmten Gemäldes von seinem verschmutzten Überhang und entdeckte im selben Moment zwei danebenstehende Plastiksprühflaschen, von denen die eine mit "Luminol in Natronlauge" und die zweite mit "Wasserstoffperoxid-Lösung" beschriftet war. Diese eigentümliche Kombination aber kannte er von seiner kriminaltechnischen Ausbildung beim Yard her nur zu gut, diente sie bei der Spurensuche doch seit langem als sicherer Nachweis für jegliche Art von Blutspuren. Dem Ex-Inspektor kam eine Idee. Er sprühte mit beiden Flüssigkeiten das Gemälde auf der offensichtlich mit weißer Farbe überpinselten Rückseite komplett ein und leuchtete es dann Zentimeter um Zentimeter sorgsam aus. Wie er bereits vermutet hatte, kam dabei im linken oberen Eck in dem mystischen Licht der Lampe deutlich zu erkennen bläulich schimmernd eine handgeschriebene Notiz zum Vorschein, welche aus zwei einzelnen Worten bestand: "Stutenfriedel" und "Königsberg". Königsberg - Kbg - Kaliningrad! Alle gefundenen Hinweise deuteten auf diese eine Stadt. Das konnte kein Zufall sein! Nein, Lukas war sich so sicher wie nie zuvor in seinem inzwischen recht betagten Leben: In Kaliningrad würde er seine Yelena finden. Und seine innere Stimme sagte ihm gleichzeitig, daß er der Einzige seine würde, der sie dort noch aufspüren und retten konnte, bevor es zu spät war.

In aller Eile teilte Svensson seinen Jungs nun seine neusten Erkenntnisse und Gedankengänge mit. Tim und Derrik lauschten gespannt und verblüfft den Ausführungen des Ex-Inspektors, die dieser mit dem Satz schloß: "Leider ist Kaliningrad eine über 1000 Kilometer weit entfernte und mit derzeit etwa 421000 Einwohnern auch nicht gerade kleine russische Stadt. Da wir vermutlich bei unserer Ankunft dort für die Suche nach Yelena aber nicht unbegrenzt viel Zeit haben dürften, wäre es schon wünschenswert, wenn wir noch einen genaueren Hinweis auf das vermeintliche Zielobjekt hätten". Derrik, der nach Abgabe des tödlichen Schusses auf Kowarno bis zu diesem Moment noch immer ein wenig unter Schock gestanden zu haben schien, stürmte mit einem Male auf die seitlich von ihm stehende Munitionskiste zu und begann aufgeregt, die sich auf ihr stapelnden Papiere Stück für Stück zu durchsuchen. Dabei murmelte er immer wieder mit verzweifelter Stimme: "Da muß doch irgendetwas zu finden sein!". Jedes einzelne Dokument warf er nach nur kurzer In-Augenschein-Nahme achtlos zu Boden, bis er bei einem größeren, ausklappbaren Skizzenblatt innehielt und schließlich befreit ausrief: "Ein Hinweis, ein Hinweis!". Damit überreichte er Lukas überglücklich sein Fundstück. Svensson betrachte es aufmerksam. Es schien sich dabei um den Grundriß eines Gebäudes zu handeln. Im rechten oberen Eck trug die angestaubte Skizze unter dem Symbol von Hammer und Sichel einen Vermerk in kyrillischen Druckbuchstaben, welchen Lukas sogleich wörtlich übertrug: "Kaliningrad. Dom Sowjetow". Darunter aber stand handgeschrieben in lateinischen Buchstaben: "LSR 14-21". Zufrieden nickend faltete Svensson die Skizze wieder zusammen. Er holte mit gezieltem Griff sein kleines, dickes Notizbuch aus der linken Manteltasche hervor und notierte dort mit einem ebenfalls aus der Brusttasche des Mantels hervorgekramten Kugelschreiber alle Hinweise. Dann lief er zügigen Schrittes kreuz und quer durch den Raum, wobei er sich das gefälschte Gemälde kurzerhand unter den Arm klemmte, sein Diktiergerät vom Campingtisch aufsammelte und es samt seinem Notizbuch, der Grundrißsskizze sowie dem zerknüllten Grabfoto und der Abschiedsnachricht Yelenas in den beiden tiefen, ausgebeulten Taschen seines Regenmantels verstaute.

Schließlich packte er seine beiden Reisebegleiter bei den Armen und zerrte sie ohne ein weiteres Wort mit sich aus dem Bunker heraus ins Freie. Hier knipste auf sein Geheiß Derrik die vorm Betreten des Bunkers in seiner Hosentasche verstaute Taschenfunzel wieder an und erleuchtete damit die nächtliche Einöde. Der Ex-Insektor und seine Jungs sprinteten durch das nahegelegene dichte Wäldchen hindurch zurück zu der Stelle des Absperrzauns, hinter der der abgestellte Trabbi auf die Drei wartete. Mit einem einzigen Satz erklomm Lukas vor den Augen seiner Begleiter voller Elan die Zaunkrone und sprang auf der anderen Seite wieder herab. Timmy und Derrik folgten seinem Beispiel. Und als alle Drei wieder im Trabant Platz genommen hatten, dirigierte Lukas, aufgeregt mit den Armen um sich fuchtelnd: "Los, Jungs! Auf schnellstem Wege nach Kaliningrad! Derrik, zeig mal, was man aus einem älteren Modell wie unserer antiken Rennpappe hier noch alles so rauszuholen vermag!" ...

Etwa zur gleichen nächtlichen Stunde raste ein olivgrüner Barkas mit quietschenden Reifen über eine jener staubigen Fernstraßen unweit Kaliningrads, dicht gefolgt von einem Einsatzfahrzeug der örtlichen Miliz. Der stoppelbärtige Mann, der am Steuer des Kleintransporters saß, war niemand anderes als Kowarnows rechte Hand Boris. Sein nervöser Blick wechselte ständig zwischen dem Rückspiegel und der spärlich beleuchteten Straße hin und her, wobei er - deutlich zu erkennen - Blut und Wasser schwitzte. Ununterbrochen fluchte er in seinem Führerhaus wild vor sich her. Verdammter Mist, wieso mußte ausgerechnet ihm das passieren?! Es hatte doch alles so gut geklappt: Er hatte das heiße Ex-Täubchen seines Chefs im Bunker noch einmal mittels Betäubungsinjektion sanft schlafengelegt und dann nach dem Verschließen des Kellergewölbes die Stadt hinter sich gelassen, um Lebensmittel und Wasser für sich und Yelena zu besorgen. An einer Tankstelle etwas außerhalb war er dann mit laufendem Motor stehengeblieben und in die zugehörige kleine Verkaufsstelle eingekehrt. Der Laden war mit einer Vielzahl von Regalen und Waren derart verbaut gewesen, daß ihn der Mann an der Kasse an vielen Stellen unmöglich einzusehen vermochte. Überwacherungskameras gab es keine, das hatte Boris' prüfender Blick beim Betreten des Ladens in Sekundenschnelle registriert. Und so hatte er sich - leise vor sich her pfeifend - zwischen die Regale begeben und nach und nach hier und da ein paar Lebensmittel sowie die eine oder andere Wasserflasche vor der Brust möglichst unauffällig unter seiner tarnfarbenen Armeewattejacke verstaut. Vermutlich wäre er am Ende seiner kleinen nächtlichen Waren-Beschaffung-Maßnahme sogar völlig unbemerkt entkommen, wenn ihn nicht in letzter Sekunde beim Verlassen des Ladens ein Anflug von Romantik ereilt hätte. Die Vorfreude auf eine mögliche scharfe Liebesnacht mit Kowarnos stark benebelter und darum sicher umso leichter gefügig zu machender Ex-Braut hatte ihn dazu verleitet, sich am Ausgang noch rasch eine Flasche Krimsekt zu krallen, was den aufmerksamen Augen des Ladenbesitzers leider nicht entgangen war. Der junge Mann an der Kasse war kreischend hinter seinem Tresen hervorgeschnellt und hatte den sportlich etwas unbedarften Boris bereits unmittelbar vor der Ladentür am Ärmel zu packen bekommen. Der stoppelbärtige Kowarnokumpan hatte instinktiv die Hand mit der Sektflasche gegen den Ladenpächter erhoben und ihm damit dann mit voller Wucht den Schädel zertrümmert. Ohne die geringste Spur von Reue war er anschließend mitsamt seinem Diebesgut in den abfahrbereiten Barkas gesprungen. Die als Mordwerkzeug mißbrauchte, blutverschmierte Flasche aber hatte er am Ärmel seiner Wattejacke notdürftig abgewischt und dann kuzerhand neben sich auf den Beifahrersitz gelegt. Zu dumm nur, daß just in diesem Augenblick eine Polizeistreife zum Tanken an einer der Zapfsäulen vorgefahren war. Die beiden Beamten hatten die Situation natürlich sofort erkannt und die Verfolgung des flüchtigen Kriminellen aufgenommen.

So jagten beide Fahrzeuge nun schon geraume Zeit - eng aneinander klebend - über die holprigen Straßen. Kurz vor einer scharfen Rechtskurve rollte dann die achtlos hingeworfene Krimsektflasche vom Beifahrersitz herunter und fiel Boris auf den rechten Fuß. Der damit verbundene Schmerz kam für den bärtigen Russen so überraschend, daß er für eine Sekunde den Blick auf die Straße vernachlässigte. Er verlor die Kontrolle über den Kleintransporter und prallte inmitten der Kurve in voller Fahrt ungebremst gegen den festen Stamm einer hundertjährigen Eiche. Die ungeheure Wucht des Aufpralls aber ließ den unangeschnallten Boris mit dem kahlgeschorenen Schädel voran über den Lenker des Barkas hinweg durch die gläserne Windschutzscheibe krachen. Mit dem brutalen Russen aber starb im Blaulicht der eintreffenden Miliz zu jener düsteren Stunde auch der einzige Mensch, der - neben dem noch tausend Kilometer weit entfernten Svenssonteam - um das Schicksal der in ihrem stickigen Kellerverließ immer schwächer werdenden Yelena wußte ...

[Wird fortgesetzt]

+++ CRIMINAL MINDS +++ DALLAS +++ CASTLE +++ DOCTOR WHO +++ 24 +++

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Samstag, 15. September 2012, 08:47

Episode 16: Seltsame Lichtgestalten

"Gestatten, Powerich mein Name! Inspektor John Wayne Powerich! Aber alle meine Freunde nennen mich den Marshall. Ich bin hier der Neue!". Mit diesen Worten baute sich im Outfit eines Westernhelden - kaugummikauend und lässig im Türrahmen von Freakadellys Büro lehnend - ein schwergewichtiger Mann mit Halbglatze vor den Augen des etwas verdutzten Chiefsuperintendents auf. Hinter seinen breiten Schultern aber schnaufte aufgebracht und völlig außer Puste etwas, was Harold Freakadelly der Stimme nach als seine Chefsekretärin Claudia identifizierte: "Tut ... Tut mir ... leid, Sir! ... Aber der ... der Gentleman war ... einfach etwas ... schneller als ich!". Ein schelmisches Grinsen zog in das Gesicht des Cowboys - und seinen Blick ein wenig nach hinten gerichtet, raunte er: "Tja, tägliches Training macht eine Menge aus, Mam. So ein umfangreicher Luxuskörper wie der meine will eben auch ausreichend bewegt sein. Und da ist sportliche Betätigung in jeder Form gerade das Richtige! Sie verstehen, was ich meine!". Das rechte Auge des Marshalls zwinkerte und sein Schulterblick wanderte dabei an Claudias wohlgeformtem Body herab zu den Füßen und von dort langsam wieder nach oben bis zu ihren wundervollen, ozeanblauen Augen, in die er schließlich derart langanhaltend und genüßlich versank, daß es der jungen Chefsekretärin langsam eine leichte Röte ins Gesicht trieb. Sie löste sich aus dem eindringlichen Blickkontakt mit dem von sich und seiner Wirkung auf das weibliche Geschlecht scheinbar ungeheuer überzeugten Fremdling. Zwei Herzen kämpften dabei in ihrer wohlgeformten Brust: Zum einen war sie ein wenig erbost über die versteckten und ungezogenen Anzüglichkeiten jenes Herrn, zum anderen aber schmeichelten ihr seine Worte und vor allem die damit verbundenen Blicke seiner großen, tiefblauen Knopfaugen. Und so wanderte ihr verstohlener Blick auch noch einige Male möglichst unauffällig zu dem aufdringlichen Besucher, während sie auf ihren hochhackigen Pumps - um Würde und Haltung bemüht - zu ihrem Schreibtisch zurück stolzierte.

Auch Powerich hatte seinerseits Claudias - einem Topmodel auf dem Laufsteg in nichts nachstehenden - Abgang aus dem Augenwinkel heraus genaustens begutachtet, wobei seine Augen aus Ermangelung der Möglichkeit eines Blickkontakts nun auf ihrer - vom schwarzen Minirock engumhüllten - Poebene ruhten. Dabei stieß er innerlich einen anerkennenden Pfiff aus. Die junge Lady schien vom Scheitel bis zur Sohle alles zu haben, was einem Präriehelden des 21.Jahrhunderts wie ihm gefiel. Bei ihr stimmte nicht nur die äußerst reizvolle Verpackung - sie lächelte zu allem auch noch verdammt charmant und man konnte sich mit ihr sogar auf hohem Niveau gepflegt unterhalten. Vielleicht hatte sie ja in ihrem privaten Terminkalender noch ein kleines Plätzchen frei für ein lauschiges Dinner bei Kerzenschein mit einem Cowboy in den besten Jahren. Jawohl, in den besten Jahren - denn John W. Powerich war zu Beginn des Jahres eben erst 38 Jahre alt geworden, auch wenn Halbglatze und Schnurrbart ihn womöglich ähnlich alt aussehen ließen wie ... Chiefsuperintendent Harold Freakadelly. Oh je, sein neuer Chef! Den hatte er bei seiner Verzückung über dessen bezaubernde Stenotopistin ja beinah vergessen. Und so lenkte er nun den Schritt seiner Cowboyboots und seine ungeteilte Aufmerksamkeit auf den hinter seinem Schreibtisch vorm Laptop hockenden Yardchef und schüttelte ihm ausgiebig und mit festem Druck die Hand: "Freut mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen, Sir! Einmal - Sie werden sich gewiß nicht mehr daran erinnern - sind wir uns hier im Foyer schon über den Weg gelaufen, vor zirka anderthalb Monaten. Ich hatte in ihrem Kellerarchiv zu tun, wo ich als Aushilfe unter der Obhut einer Misses O'Brien Berge von Akten für die spätere Nutzung auf dem Server der zukünftigen Antiterroreinheit CI7 digitalisierte". Sein Blick wanderte dabei ungewollt auf einen Ordner auf dem Schreibtisch Freakadellys, auf dessen Deckel schwarz auf grau ein ihm vertrauter Name zu lesen war: "Iwan Kowarno". Powerich deutete sogleich mit dem Zeigefinger auf die bewußte Akte: "Was ein Zufall! Die da ist eine von denen, die ich übertragen habe. Wissen Sie, ich hab nämlich ein nahezu fotografisches Gedächtnis. Und dank meiner recht guten Russischkenntnisse hat man mir vor allem die Akten osteuropäischer Personen zum Abtippen zugeschanzt".

Harold Freakadelly war für einen Augenblick sichtlich erstaunt. Dann aber sprach er mit fester, leicht vorwurfsvoller Stimme: "So, dann verdanken wir Ihnen also jene zwei gravierenden Übertragungsfehler, die in den letzten Stunden unter anderem zu einer Flugzeugentführung und zum Diebstahl eines Meisterwerks führten". Mit diesen Worten öffnete er die Kowarnoakte vor sich und schob Powerich ein Blatt zu, in dem dieser mit geübtem Blick sofort die in kyrillischer Schrift abgefaßte Kopie einer sowjetischen Heiratsurkunde erkannte. Der linke Zeigefinger des Yardchefs ruhte auf der Eintragung des Namens der Braut, während er sein Gegenüber in recht harrschem Ton befragte: "Wie würden Sie diesen Namen denn bitte ins Englische übertragen? Buchstabieren Sie doch einmal!". Der Marshall war sichtlich überrumpelt, dennoch kam seine Antwort wie aus der Pistole geschossen: "Y-E-L-E-N-A Z-L-A-D-K-A-J-A, Sir!". Freakadelly kratzte sich sichtlich beeindruckt mit der rechten Hand über die kahle Stirn: "Das versteh ich nicht! Warum haben Sie dann damals denselben Namen ähnlich einem blutigen Anfänger so übertragen?". Damit präsentierte er Powerich jenen Computerausdruck vom CI7 Akteneintrag Kowarnos mit der Anmerkung: "Hochzeit mit Jelena Zlatkaja am 10.07.1974". Powerich las und schüttelte den Kopf: "Also das ist ganz sicher nicht der von mir gemachte Originaleintrag, Sir. Und ich glaube, das kann ich Ihnen auch recht einfach beweisen. Ich darf doch mal!". Damit drehte er Freakadellys Laptop zu sich herum und begann eifrig in die Tasten zu hämmern, wobei er sich als Zeichen größter Konzentration immer wieder mit den Zähnen auf die zwischen ihnen eingeklemmte Zungenspitze biß. Freakadelly winkte unterdess nur müde ab: "Geben Sie sich keine Mühe, Herr Inspektor! Die Akte Kowarno ist paßwortgesichert. Da kommen weder Sie noch ich ran, sondern nur der CI7 Chef persönlich!". Powerich aber tippte unbeeindruckt weiter und erwiderte ganz nebenbei: "An die Akte müssen wir auch gar nicht. Es reicht, wenn wir einen Blick ins detaillierte Änderungs-Protokoll des zugehöriges Eintrags werfen. Und dafür reicht nämlich auch mein alter, noch nicht deaktivierter Gastzugang ... Benutzername: P-O-W-E-R-I-C-H, Kennwort: H-I-G-H-N-O-O-N ... Ordner Update-Protokolle ... File Kowarno Iwan .... Und bittesehr!". Der Inspektor drehte den Laptop wieder in Richtung Freakadellys zurück, wo dieser zu seinem Entsetzen las: "08.08.2009 - 01:24 GMT - Änderung der Biographie-Einträge 'Hochzeit mit ...' und 'Scheidung von ...' durch CHARLES WANNABE".

Harold Freakadelly kochte innerlich. Diese neue Erkenntnis über die ganz und gar nicht unbewußte Verfälschung der Kowarnoakte bedurfte einer umgehenden Klärung mit seinem Noch-Schwiegersohn. Wenn Wannabe ihm keine einleuchtende Erklärung liefern würde, wie sein Name in das Änderungsprotokoll gelangen konnte, dann würde er ihn ohne Zögern bei den zuständigen Behörden anzeigen und sich höchstpersönlich für seine gnadenlose Bestrafung einsetzen. Der Chiefsuperintendent erhob sich, streckte dem sichtlich verblüfften Powerich die Hand zum Abschied entgegen und sprach: "Danke für ihre Mithilfe bei der Aufklärung dieses eklatanten Fehlers! Ich hab jetzt noch rasch ein wichtiges Telefonat zu erledigen. Wir treffen uns dann in 30 Minuten im Foyer zu einer kleinen Führung durch die Heiligen Hallen von New Scotland Yard und eine kurze Einführung in ihre zukünftigen Aufgaben als Leiter der Mordkommission. Eigentlich hatte ich ja letzteres dem Ihnen in Zukunft unterstellten Inspektor Crawler zugedacht, aber der hat sich vor ein paar Tagen zwei Wochen Urlaub erbeten, die ich ihm auch gewährte. Vielleicht nutzen Sie ja die kurze Pause bis zu unserem Wiedersehen schon mal für die von Ihnen zu unterzeichnenden Formulare, die bei meiner Sekretärin bereitliegen. Auf Gute Zusammenarbeit, Inspektor Powerich!". Nun erhob sich auch der Marshall von seinem Sitz und drückte seinem neuen Boß nochmals kräftig die Hand: "Yap! Auf Gutes Miteinander, Sir! Und keine Sorge: Ihr kleines fleißiges Vorraum-Bienchen und ich werden uns die Zeit schon angenehm zu vertreiben wissen". Damit griff er nach der Krempe seines imaginären Cowboyhutes, machte auf dem Hacken kehrt und verließ hurtigen Schrittes das Chefbüro in Richtung Vorzimmer. Und während die Tür hinter ihm sachte zufiel, lehnte er seinen Oberkörper im ockerfarbenen Flanellhemd bereits lässig über dem Schreibtisch Claudias, der er mit rauchiger Stimme und einem eindeutigen Augenzwinkern zuraunte: "Hey, Baby! Da bin ich wieder. Onkel Harry meinte, Du hättest da was für mich, das für mich von Interesse wäre! Und wenn ich mir Dein schnuckliges Lächeln so anschaue, glaub ich, der Boß hat verdammt recht!" ...

Chiefsuperintendent Harold schüttelte mild lächelnd den Kopf und dachte bei sich: 'Was für ein komischer Kauz?! Aber kriminalistisch gesehen scheint der echt was drauf zu haben, dieser Macho-Cowboy! Und ein wenig erinnert er mich an einen guten alten Freund ... Was der wohl gerade macht?". Er wischte all diese nebensächlichen Gedanken für einen Moment beiseite, denn es gab im Augenblick etwas weitaus Wichtigeres. Entschlossen griff er zum Telefonhörer und wählte Wannabes Handynummer. Am anderen Ende klingelte es dreimal, dann meldete sich die Mailbox, und Freakadelly sprach nach dem üblichen Piepton: "Charles, melde Dich bei umgehend mir, sobald Du das abgehört hast. Wir müssen uns dringend treffen. Es geht um die Sache mit den Fehlern in der Kowarnoakte. Du bist mir da, glaube ich, eine Erklärung schuldig. Falls Du Dich wider erwarten im Laufe der nächsten zwei Tage nicht melden solltest, sehe ich mich leider gezwungen, rechtliche Schritte einzuleiten!". Damit beendete er das Telefongespräch. Seine Gedanken aber kreisten weiter um die Kowarnoakte, die offensichtliche Verstrickung Wannabes und um seinen Freund Lukas sowie dessen unter so mysteriösen Umständen verschwundene Braut.

Lukas Svensson und sein Team hatten derweil auf ihrer Fahrt nach Kaliningrad innerhalb von 8 Stunden mehr als 660 Kilometer hinter sich gebracht, als der Trabimotor mit einem Male spürbar zu stottern anfing. Die Ursache dafür konnte eigentlich nur darin liegen, daß der Sprit im Tank vermutlich fast aufgebraucht war. Derrik hielt daher schon einmal nach der nächstmöglichen Tankstelle Ausschau, wobei er gleichzeitig mittels eines Hebels unter dem Ammaturenbrett sicherheitshalber auf Reserve umstellte. Nach etwa 30 weiteren gefahrenen Kilometern erblickte er schließlich erleichtert ein entsprechendes Hinweisschild und setzte kurz darauf den Blinker. Nachdem er die Rennpappe sehr geschickt unmittelbar neben der Zapfsäule mit dem notwendigen Benzingemisch zum Stehen gebracht hatte, schlug sich Lukas Svensson - einem natürlichen Bedürfnis folgend - umgehend in die Büsche, während aus Tims Anoraktasche im gleichen Moment immer lauter werdend die Titelmelodie des Kinofilms "Matrix" an die Ohren der beiden verbliebenen Trabiinsassen drang. Ein sichtlich verblüffter Timmy kramte sein Handy, welches er als dessen Besitzer sofort als Verursacher jener musikalischen Einlage überführt hatte, aus der Tasche und schaute auf das wild blinkende Display. Dabei runzelte er die Stirn und murmelte: "Unbekannter Anrufer mit Londoner Vorwahl?! Sicher mal wieder so einer, der sich verwählt hat". Er wollte das ankommende Gespräch schon wegdrücken, als ihm Derrik Crawler kurzerhand das Handy entriß und mit aufgeregter Stimme verkündete: "Sorry, Timothy! Ist vielleicht für mich! Ich hab meiner Freundin Janet nämlich vor unserer Abfahrt aus London Deine Handynummer gegeben, falls sie mich erreichen will, weißt Du?! Für den Notfall halt". Schulterzuckend drückte Derrik die Sprechtaste des Handys und führte es zügig an sein Ohr, wobei er ins Mikrofon säuselte: "Hallo! Bist Du das, Janet Darling?! Was gibts denn so Dringendes?". Einige Sekunden war es still, nur noch das Rattern des Trabi-Zweitakt-Motors war zu hören. Derrik lauschte sichtlich erregt den Ausführungen seiner Gesprächspartnerin, dann erwiderte er: "Keine Panik! Unser kleiner Ausflug hier macht deutliche Fortschritte, ich bin sicher bald wieder bei Dir! Und was das Problem bei Dir zuhaus angeht, mußt Du jetzt dann wohl doch zum Äußersten greifen und die Falle für diesen ekelhaft lästigen Nager aufstellen, so wie wir es vor meiner Abreise besprochen haben. Was den richtigen Köder angeht, da verlaß ich mich ganz auf Deinen scharfsinnigen Instinkt. Du kennst den lästigen Störenfried schließlich schon eine ganze Weile und weißt, wobei er am ehesten anbeißt. Tut mir leid, daß ich gerade jetzt nicht bei Dir bin, sonst würde ich mich selbstverständlich selbst um diese unschöne Angelegenheit kümmern. Aber Du schaffst das schon, das weiß ich!". Wieder herrschte einen Moment Stille im Wageninnern, dann nickte Derrik zufrieden und hauchte zum Abschied ein leises: "Ich Dich auch! Bis bald, Zuckerschäuzchen!". Er beendete per Tastendruck das Telefonat und übergab mit leichtgerötetem Gesicht das Handy wieder an seinen schmunzelnden Besitzer auf der Rücksitzbank. Derrik entzog sich Timmys Blick und meinte verlegen: "Brauchst gar nicht so zu grinsen! Hat halt Angst vor einer Ratte, die ihr in ihren eigenen vier Wänden langsam zur ernsthaften Bedrohung wird. Und da brauchte sie meinen Rat und Beistand als Mann. So einfach ist das!". Timmy ließ seinen Oberkörper gelassen nach vorn gleiten und säuselte Derrik dabei in das ihm zugewandte Ohr: "Schon ok, ich versteh schon ... Zuckerschnäuzchen!".

Derrik knirschte in seinem Fahrersitz ärgerlich mit den Zähnen, dann aber öffnete er ohne ein weiteres Wort zuerst per Hebel die Motorhaube und dann die Fahrertür, stieg aus und begab sich zur Zapfsäule. Dort entnahm er die eingehängte Zapfpistole und steckte sie nach Abschrauben des Tankdeckels in die dafür vorgesehene Öffnung. Mit starrem Blick auf die Zapfsäulenanzeige betankte er das Fahrzeug. Bei 24 Litern stoppte er schließlich den Vorgang und steckte die Zapfpistole zurück in ihre Halterung. Mit lautem Knall schloß er die Motorhaube wieder, steckte dem im Innern des Trabants immer noch grinsenden Timmy die Zunge heraus und begab sich daraufhin zum - auf einer Holzbank in der Sonne sitzenden - Tankwart, bei dem er sogleich die Rechnung für den getankten Kraftstoff beglich. In dem Moment, als er wieder in den Wagen einstieg, kehrte auch Lukas Svensson sichtlich erleichtert aus dem Gebüsch am Straßenrand zurück und trieb seine Mannschaft nun erneut zur Eile an: "Los, Männer! Genug gerastet! Wir haben keine Zeit zu verlieren! Yelena ist irgendwo da draußen gefangen und braucht uns! Und deshalb zählt jetzt jede Sekunde!" ...

Tatsächlich wurde Yelenas Allgemeinzustand in ihrem nahezu luftdicht verriegelten Kellergemäuer von Sekunde zu Sekunde immer schlechter. Ihre Atmung war auch nach dem erneuten Erwachen aus der Bewußtlosigkeit weiterhin ziemlich flach. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie ohnmächtig dagelegen hatte, aber einige Stunden mochten es wohl schon gewesen sein. Mit äußerster Mühe gelang es ihr schließlich, sich im Dunkeln zu dem zuvor an der Kellerwand vor ihr gesichteten Metallregal zu schleppen, wo sie erneut zusammensackte und nach und nach die letzten verbliebenen Tropfen aus den dort abgelegten Wasserflaschen heraussaugte. Jeder einzelne Tropfen war dabei eine Wohltat, denn ihre Lippen waren spröde und rissig und ihre Kehle staubtrocken geworden. Ihr geschwächter Körper lechzte förmlich nach Wasser und Luft. Auf einem der Regale ertasten ihre suchenden Hände unterdess ein kleines Pappschächtelchen, das sich seitlich aus seiner Hülle herausschieben ließ und in dessen Innerem sich drei kleine dünne Holzstäbchen befanden. Mit zittigen Fingern entnahm sie eines der Hölzer und erfühlte an dessen einem Ende eine Art Verdickung. Kein Zweifel, das war ein Steichholz. Behutsam strich sie seinen Phosphorkopf an der rauhen Seitenfläche der Hülle entlang.

Ein Funke entzündete das phosphorbedeckte Streichholzköpfchen, und plötzlich wurde es hell vor Yelenas Augen. Ihre frierenden Finger spürten endlich wieder wohlige Wärme. Dankbar über dieses wundervolle Geschenk faltete Yelena die Hände ineinander und erhob ihren Blick. Ja, das Beten und das Aufschauen zum himmlischen Vater - gerade in den trüben Stunden ihres Lebens - war ihr quasi schon mit in die Wiege gelegt worden. Denn ihr Vater, Dimitri Zladek, war lange Jahre der Priester der Heiliggeist-Kathedrale in ihrer weißrussischen Geburtsstadt Minsk gewesen. Leicht hatten er und seine Familie es dabei nicht gehabt - in einem Land, in dem der Sozialismus gleichsam zur einzig seligmachenden Staatsreligion erhoben worden war und in dem der Glaube an Gott nach den Worten ihres Staatsgründers Lenin weithin schlichtweg als "Opium fürs Volk" galt. Und so hatte man Dimitri Zladek auch stets von staatlicher Seite wie einen Drogendealer behandelt: ihn verfolgt, beschattet und immer wieder verhört. Seiner kleinen Familie machte man Tag für Tag das Leben schwer, versuchte sie - nach Möglichkeit - aus dem gesellschaftlichen Leben auszuschließen. Vater Zladek blieb - so gut es ging - standhaft. Erst als man seiner geliebten Tochter den Zugang zu einem höheren Bildungsweg zu verwähren drohte, lenkte er in ihrem Interesse ein. Er gab seine Zustimmung für Yelenas Eintritt in den Komsomol, die Jugendorganisation der Kommunistischen Partei. Dieser Schritt öffnete der ohnehin fleißigen und strebsamen Schülerin als Klassenbester endlich die Pforten für ein lang angestrebtes Studium der Kunstwissenschaften im fernen Moskau. Das Streichholz in Yelenas Hand war fast heruntergebrannt. Sie ließ es im letzten Moment zu Boden fallen, wo es auf dem feuchten Untergrund sogleich zischend erlosch.

Ihre zittrigen Finger kramten das zweite Holz aus der Pappschachtel hervor und setzten es eilends in Brand. Wieder leuchtete es hell um Yelena herum. In ihren Augen spiegelte sich die Flamme, wodurch sie gleichsam zu lodern begannen. Fast so wie damals, als sie beim Schreiben ihrer Doktorarbeit zum Thema Beutekunst zum ersten Mal auf ihn traf - jenen stattlichen, jungen Mann, der sich ihr als neuer Dozent vorstellte und sie fortan nahezu ununterbrochen auf Schritt und Tritt begleitete. Dabei überhäufte er sie sowohl mit Komplimenten wie auch mit kleinen und großen Geschenken, und gewann so rasch erst ihre Bewunderung, dann ihr Interesse und ihre Zuneigung. Irgendwann wurden aus ihren Arbeitsbesprechungen Abendessen bei Kerzenschein und aus ihren Spaziergängen unter Gleichgesinnten romantische Ausflüge im Mondlicht. Eines Abends bat er sie leise um einen Kuß, und sie sagte nicht nein. In jener Nacht lag sie noch lange wach und träumte dabei von einer eigenen Familie mit zwei, drei Kindern und einem Häuschen irgendwo im Grünen. Und an ihrer Seite stand dabei er - ihr Dozent, Verehrer und zukünftiger Ehemann: Iwan Kowarno. Tatsächlich hielt eben jener Mann, der das bis dato tief in ihrem Innern schlafende Gefühl der Liebe geweckt hatte, schon wenige Wochen später um Yelenas Hand an. Und auch Vater Zladek war von seinem zukünftigen Schwiegersohn, der keinen Zweifel daran ließ, daß ihm in Politkreisen noch eine steile Karriere bevorstand, sichtlich angetan - hoffte er doch, durch eine Ehe seiner Tochter mit diesem Mann und seinem wachsenden Einfluß endgültig all den Repressalien zu entfliehen, die ihm der Staat seines Amtes wegen bisher auferlegt hatte. Und so gaben sich schon ein paar Monate später in einem Moskauer Standesamt Yelena Zladkaja und Iwan Kowarno das Ja-Wort, und aus Fräulein Zladkaja wurde damit Frau Kowarnowa. Wieder kam die Hitze der Flamme des herunterbrennenden Streichholzes Yelenas Fingern bedrohlich nahe, so daß sie es rasch mit einem einzigen Atemzug auspustete.

Yelena kramte jetzt auch das dritte und letzte Streichholz hervor und entzündete es. Die Flamme am Steichholzkopf loderte kurz auf, dann flackerte sie wild hin und her, so daß Yelena schon befürchtete, sie könne unmittelbar nach dem Entzünden des Holzes schon wieder verlöschen. Ja, genau so war es ihr nach der vermeintlichen Traumhochzeit in ihrer Ehe auch mit der Liebe ergangen. Kowarno, der Yelena als seiner Ehefrau sogleich einen Posten in der neu eingerichteten - und von ihm geleiteteten - streng geheimen Abteilung "Beutekunst" des russischen Geheimdienstes KGB verschafft hatte, entpuppte sich vor ihren Augen rasch als äußerst besitzergreifend und geradezu krankhaft eifersüchtig. Keinen Schritt durfte sie ohne ihn vor die Haustür der gemeinsamen Moskauer Nobelvilla gehen. Männliche Kollegen, die sie in seinen Augen zu oft oder zu verliebt ansahen, verschwanden auf sein Geheiß aufgrund haltloser Anschuldigungen ohne Umschweife in sibirischen Arbeitslagern. Beruflich waren die Zwei dennoch ein erfolgreiches Gespann. Yelenas Fachwissen und Kowarnos dunkle Kontakte ermöglichten es ihnen, weltweit in unzähligen Geheimoperationen mehr als 200 während des Zweiten Weltkriegs verschwundene Kunstschätze in sowjetischen Besitz zu überführen. Einzig und allein ihre jahrelange, intensive Suche nach dem verschollenen Bernsteinzimmer war nicht von Erfolg gekrönt. Dann brach nach dem Tode von Breschnew, Andropow und Tschernenkow die Ära Gorbatschow an, und mit ihr wehte der frische Wind von Glasnost und Perestroika durchs ganze Land, auch bis in die tiefsten Winkel der unterirdischen Moskauer KGB-Zentrale hinein. Oberst Kowarno wurde degradiert und als Hauptmann in den aktiven Armeedienst zurückgestuft. Er begann, seinen Kummer über diese Schmach im Wodka zu ertränken. Sein Wesen wurde immer zügelloser und brutaler, auch und vor allem seiner Ehefrau gegenüber. Er schlug und mißbrauchte sie wieder und wieder. Es war ihm ein schrecklicher Dorn im Auge, daß sie - im Gegensatz zu seinem rapiden gesellschaftlichen Abstieg - einen lukrativen Lehrstuhl an der Moskauer Akademie der Künste bekommen hatte. Hier lernte die leidgeprüfte Yelena eines Tages schließlich auch den jungen Bauernsohn Fjodr Fontanewitsch kennen, der als Student ihre Vorlesungen besuchte. Er kam des Öfteren in ihre öffentlichen Sprechstunden, und man tauschte sich wissenschaftlich aus. Der unglaubliche Kunstverstand und die herrlich erfrischende, kindliche Naivität des jungen Mannes imponierten ihr zusehends. Eines schönen Frühlingstages setzte man die angeregte Unterhaltung schließlich noch in einem kleinen Cafe fort, und zog sich dann später in das Zimmer seines Studentenwohnheims zurück. Bei einem Gläschen Rotwein bekam das Gespräch rasch eine sehr private Note. Irgendwann landete versehentlich die Hand des Jünglings auf Yelenas Knie. Sie ließ es zu - ließ es auch zu, daß sie von dort aus kühn auf Wanderschaft ausging. Yelena schloß ihre Augen und empfing erwartungsvoll seine Lippen mit den ihren. Sie ließ ihren zittrigen Leib widerstandslos auf sein Schlafsofa zurücksinken und gab sich seiner zügellosen Leidenschaft hin, die letztlich nichts anderes tat, als ihr neu entflammtes, brennendes Verlangen nach Liebe und Zärtlichkeit zu stillen. Die geheimen Liebestreffen der Beiden wiederholten sich einige Male, bis ihnen Kowarno durch den geheimen Tip eines Freundes und eigene Nachforschungen auf die Schliche kam, dem jungen Studenten in der Dunkelheit auflauerte und ihn erschoß. Das zuständige Gericht verurteilte den Ex-KGB-Mann für seine Tat zu 10 Jahren Gefängnis. Yelena aber nutzte diese Zeit, ließ sich umittelbar nach Antritt seiner Haftstrafe von ihm scheiden und flüchtete kurz darauf mit nur einem einzigen Koffer bei Nacht und Nebel per Zug in Richtung Westen, wo sie ihrem alten Leben und Kowarno auf ewig zu entkommen hoffte. Über mehrere Zwischenstationen landete sie schließlich im englischen Flüchtlingslager "Robinwood" im Sherwood Forest nahe dem Dorf Edwinstowe. Hier machte sie auch die Bekanntschaft eines britischen Oberhausabgeordneten, der sie als Hausangestellte zu sich und seiner Familie holte und ihr im Gegenzug über seine weitreichenden Beziehungen schließlich alle zum unbefristeten Aufenthalt nötigen Papiere verschaffte. Irgendwann verließ sie den Haushalt des Politikers, nahm sich ihre eigene kleine Wohnung in der Skid Row und begann ihren Job als Putzfrau beim Reinigungsunternehmen "Clean-Ex". Ein drittes Mal streifte die Streicholzflamme die Haut ihrer Finger. Diesmal warf sie das Streichholz unsanft zu Boden, wo es umgehend erlosch und sie in der kühlen Finsternis des sie umgebenden Kellergewölbes zurückließ.

Yelenas Körper begann mit einem Male zu verkrampfen und unkontrolliert zu zucken. Ihre flache Atmung wurde zunehmend schnappend, in ihren Armen und Beinen hatte sie urplötzlich ein seltsames Taubheitsgefühl. Sie geriet wieder in eine Art geistigen Dämmerzustand. Es kam ihr dabei vor, als würde sie von einer endlosen Müdigkeit befallen, die allen noch verbliebenen Lebenswillen in ihr zu ersticken und einzuschläfern drohte. Sie spürte keinerlei Kraft mehr, sich der drängenden Müdigkeit zu widersetzen. Ihre Augen verwandelten sich in immer kleiner werdende Sehschlitze, ihr Leib erstarrte, der Atem stockte ... Um sie herum aber war mit einem Male ein strahlend helles Licht getaucht, und aus diesem Licht heraus näherte sich das engelhafte Antlitz ihres geliebten Lukas, der ihr zuwinkte und dabei mit gedämpfter Stimme ihren Namen rief. Dazu aber drang wie von ferne säuselnd Madonnas "When you call my name, it's like a little prayer" an ihr Ohr und der Vorhang vor ihren trübe gewordenen Augen fiel ...

[Wird fortgesetzt]

+++ CRIMINAL MINDS +++ DALLAS +++ CASTLE +++ DOCTOR WHO +++ 24 +++

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sven1421

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17

Samstag, 15. September 2012, 08:51

Episode 17: Wiedervereinigung

Als Yelena nach einer Ewigkeit ihre Augen erneut aufschlug, war sie noch immer ganz und gar von einem grellen weißen Licht umgeben. Über sich erblickte sie - ein wenig geblendet - die Silhouette eines rauschebärtigen Mannes, der sich - ebenfalls ganz in weiß gehüllt - langsam zu ihr herabbeugte und sie dabei immer wieder leise flüsternd mit ihrem Namen ansprach. Sichtlich irritiert hauchte sie: "Ich bin tot, oder?! Nun, dann muß das hier wohl das Paradies sein, und Sie sind sicherlich ...".
In das Gesicht des Bärtigen kehrte augenblicklich ein leichtes Schmunzeln ein: "Oh, Gott! Nein! Mit dem Vor-Ihren-Schöpfer-Treten dürfen Sie sich getrost noch ein wenig Zeit lassen, Frau Zladkaja. Auch wenn es mir und meinem Team ungemein schmeichelt, daß Sie unser kleines Krankenhaus am Rande der Stadt für das Paradies halten. Erlauben Sie mir, daß ich mich Ihnen kurz bekanntmache?! Ich bin Chefarzt Nikolaus Juri Wussowitsch, der Leiter dieses 'Klinikums am Schwarzen Wald'. Sie hatten unglaubliches Glück, meine Dame, daß Sie Ihr Verlobter quasi in letzter Sekunde in Ihrem Verließ aufgespürt und sofort die Ambulanz verständigt hat. Die brachten Sie dann mit Tatü-tata zu uns, wo Ihr extrem geschwächter Körper seit nunmehr 24 Stunden mittels Flüssigkeitszufuhr über einen Tropf und umfangreicher medikamentöser Behandlung langsam wieder aufgebaut und entgiftet wurde. Sie waren nämlich bei Ihrer Einlieferung nicht nur stark dehydriert und ein wenig unterkühlt, sondern hatten auch eine ordentliche Überdosis des keineswegs ungefährlichen illegalen Betäubungsmittels Airethin im Blut. Das verdammte Teufelszeug ließ ihre Atmung immer wieder minutenlang aussetzen, so daß ich und meine Leute in ständiger Sorge um Ihr Leben waren. Jetzt aber darf ich Ihnen ruhigen Gewissens verkünden, daß Sie fürs Erste über den Berg sind. Welche Folgeschäden möglicherweise in Zukunft noch auf Sie zukommen könnten, darüber läßt sich freilich zum jetzigen Zeitpunkt nichts sagen. Aber Sie haben ja schon bewiesen, daß Sie eine echte Kämpfernatur sind, darum gebe ich Ihnen äußerst gute Chancen für eine nahezu vollständige Genesung. So, und nun will ich Sie auch gar nicht länger mit meinem Medizinergeschwätz aufregen, vor der Tür wartet nämlich schon ziemlich ungeduldig ein Ihnen wohl nicht ganz unbekannter Herr, der als Ihr eigentlicher Retter in den vergangenen - teilweise recht dramatischen - Stunden, nicht eine Sekunde von ihrer Seite gewichen ist. Ich glaube, er möchte jetzt endlich wieder zu Ihnen gelassen zu werden. Es ist Ihnen doch recht, wenn ich Ihren Lukas jetzt wieder hereinbitte, oder?!". Yelenas Augen funkelten wie Diamanten, während ihr Kopf aufgeregt zu nicken begann.

Damit verabschiedete sich der vollbärtige Chefmediziner mit einem festen Händedruck und einem Augenzwinkern von ihr, wobei er Yelena noch einmal gute Besserung wünschte. Einen Moment lang herrschte erwartungsvolle Stille im Zimmer, und dann war er endlich da, der von Yelena und Lukas gleichermaßen so lang herbeigesehnte Moment. Laut knarrend öffnete sich die Tür des Krankenzimmers einen Spalt breit. Vom Flur her drang aus einem Lautsprecher leise Belinda Carlisles "Heaven Is A Place On Earth" an Yelenas Ohr. Dann stand er endlich vor ihr, so wie sie ihn die ganze Zeit ihrer Entführung über vor Augen gehabt hatte, und es trieb ihr sogleich Tränen der Rührung in die Augen. Der Mensch, dessen Erwartung sie all die qualvollen, leidgeprüften Stunden am Leben gehalten und der sie schließlich vor dem sicheren Tode errettet hatte - Lukas, der Mann ihrer Träume, ihr Mann. Wie in Zeitlupe sah sie ihn auf sich zuschreiten, während sie in ihrem Ohr schon leise die Hochzeitsglocken läuten zu hören glaubte. Seine starke Hand ergriff die ihre - jenes schwache, zitternde Händchen, das - wie ihr ganzes Wesen - so ungeheuer zerbrechlich wirkte. Und nun krochen auch bei Lukas jene salzigen Boten der unendlichen Wiedersehensfreude aus den Augenhöhlen hervor, die schon Sekunden später zu Tausenden in Sturzbächen seine Wangen überfluteten. Er konnte es noch gar nicht richtig fassen, daß er sie endlich wiederhatte. Es war ein so unglaublich intensives Gefühl: ihre warme, zarte Hand in der seinen. Seine Zeigefinger ertastete ihren Puls. Durch seinen tränenverschleierten Blick schaute er in ihr mild lächelndes, unheimlich bezauberndes Gesicht. Er konnte sich einfach nicht sattsehen an diesem wundervollen Geschöpf. Seine linke Hand berührte vorsichtig ihre Stirn und streichelte ihr eine einzelne Haarsträhne aus den feuchten Augen. Wieder und wieder strichen ihr seine Finger behutsam übers Haar, dessen Duft Lukas schließlich - sich ganz nah über sie beugend - mit geschlossenen Augen durch seine Nase einsog. Wie berauschend sie roch! Ohne die Augen zu öffnen, suchte sein Mund den ihren. Ihre Lippen trafen sich. Hmm, sie schmeckte nach Pfirsich - und er spürte augenblicklich das Verlangen, von ihrem Nektar zu naschen. Sie schien diesen Wunsch zu teilen, denn ihr Mund öffnete sich in selben Moment und gab dem Drängen seiner Zunge Raum, sich in ihm ausbreiten zu dürfen. Ihr Atem wurde schwer - und dennoch bestand in dieser Sekunde kein Grund zur Sorge. Jene Atemlosigkeit war keine Spätfolge des Betäubungsmittels. Nein, das war etwas gänzlich anderes - etwas, das man Liebe nennt.

Eine Ewigkeit verharrten die Zwei in ihrem Kuß. Sie kosteten es sichtlich aus, endlich wiedervereint zu sein. Irgendwann lösten sich ihre Lippen - aber nur, um ihrer Liebe zueinander nun auch noch einmal mit Worten Ausdruck zu verleihen. Schließlich schaute Yelena ihrem zukünftigen Mann tief in die Augen und flüsterte: "Lukas, Liebes, es sein Zeit, daß Du erfahren ganzes Wahrheit über mein Vergangenheit und über das, was sein geschehen mit mir nach Dein Rückkehr von Junggesellenabschied". Damit senkte sie ihren Blick, atmete einmal tief durch und begann zu berichten. Sie war an jenem späten Abend schon im Nachthemd gewesen, als es an ihrer Wohnungstür klingelte. In freudiger Erwartung der Rückkehr ihres geliebten Lukas hatte sie die Tür aufgerissen, durch die Sekunden später auch tatsächlich der sichtlich angeheiterte Svensson getaumelt kam. Zu ihrem Erschrecken hatte er jedoch noch jemanden bei sich, dessen Gesicht sie sofort wiedererkannte. Es war Iwan Kowarno, ihr Ex-Mann, der sie nun wider Erwarten nach all den Jahren ihrer Flucht vor ihm und seinem Jähzorn doch aufgespürt hatte. Fies grinsend hielt er, der sie schon am Vorabend telefonisch belästigt hatte, ein Taschentuch und Handschellen in seiner linken sowie eine Stabtaschenlampe in seiner rechten Hand. Yelena wollte ihm am liebsten die Tür vor der Nase zuschlagen, doch er stand bereits hinter ihrem Lukas im Flur. Und nun war er es, der zuschlug. Mit der mitgeführten Lampe verpaßte er dem schwankenden Lukas einen Hieb über den Hinterkopf, der diesen sofort zu Boden gehen ließ. Und noch ehe Yelena um Hilfe schreien konnte, wurde ihr brutal das dreckige Taschentuch in den Mund gestopft, und die Handschellen schlossen sich klickend um ihre Handgelenke. Kowarno verschloß die Wohnungstür und zog den Schlüssel ab, dann warf er sich Lukas über die Schulter und brachte ihn ins Schlafzimmer, wo er ihn kurzerhand aufs Bett warf und entkleidete. Dabei machte er Yelena gegenüber immer wieder schlimme Andeutungen, was mit ihrem Ex-Bullen passieren würde, wenn sie nicht spurte. Er kramte aus seiner Hosentasche einen Lippenstift hervor und kritzelte eine kurze Abschiedsnachricht - die wohl den Anschein erwecken sollte, sie stamme von ihr - an den Badezimmerspiegel. Dann nahm er Yelena das Versprechen ab, nicht zun schreien und befreite sie von dem ekligen Tuch in ihrem Mund. Yelena hatte Angst. Dabei galt ihre Furcht nicht in erster Linie ihrem eigenen Leben, sondern vor allem dem ihres geliebten Lukas. Kowarno schleppte sie an den Haaren ins Wohnzimmer, wo er sie aufs Sofa schupste und ihr dann dämonisch grinsend in aller Ausführlichkeit sein Vorhaben, die dazugehörige Vorgeschichte und seine Pläne mit ihr ausbreitete. In der Aussichtslosigkeit ihrer Lage fiel ihr Blick mit einem Male auf die Stereoanlage und das danebenstehende CD-Regal. Auf dem Rücken einer CD verweilte ihr Blick einige Sekunden lang, dann schoß ihr plötzlich ein Gedanke in den Kopf. Schluchzend flehte sie Kowarno an, ihr zu gestatten, zur Beruhigung etwas Klassik hören zu dürfen. Kowarno war ein wenig erstaunt über diesen Wunsch, gestattete ihn ihr aber - hoffte er doch anscheindend, dadurch gleichzeitig zu verhindern, daß die Mieter der umliegenden Wohnungen auf das nächtliche Treiben im Svensson-Haushalt aufmerksam wurden. Nach ihrer Rückkehr auf die Couch meinte Yelena, es sei sicher besser, wenn sie selbst vor dem Verlassen der Wohnung dem Hausherrn noch eine kleine handgeschriebene Notiz hinterließe. Kowarno ließ sich recht rasch davon überzeugen, daß ein kurzer persönlicher Aufruf von ihr vielleicht verhindern könnte, daß Svensson ihr unmittelbar nach seinem Erwachen folgen würde. Und so hatte sie sich dann Stift und Papier vom Couchtisch geangelt und unter dem prüfenden Blick Kowarnos genialerweise jene doppelsinnige Botschaft verfaßt, die ihren Lukas letztlich auf ihre Spur brachte.

Dann war sie mit ihrem Entführer aufgebrochen. Unten vor dem Hauseingang stand bereits ein gestohlener Rettungswagen bereit, an dessen Steuer ein abfällig grinsender Mann saß, den ihr Kowarno kurz als seine rechte Hand Boris vorstellte. Die Seitentür des Fahrzeugs wurde derweil von zarter Hand aufgeschoben. Und die junge Frau in Schwesterntracht, die Kowarno mehrmals als Katjuscha ansprach, verpaßte der Verschleppten beim Einsteigen direkt die erste Airethin-Injektion in den linken Oberarm. Yelenas Sinne schwanden langsam. Sie spürte nur noch, wie Kowarno nach ihren Beinen griff und wie er sie gemeinsam mit Katja auf die bereitstehende Trage fesselte. Als sie wieder erwachte, saß sie schon neben Kowarno im Flieger. Auch hier bekam sie rasch wieder eine Betäubungsspritze verpaßt, die sie erst in einem dunklen Bunker wieder zu sich kommen ließ, wo ihr Ex - ins spärliche Licht einer Petroleumlampe getaucht an einem Campingtisch sitzend - nun ausführlich seine gesamten Erkenntnisse vor ihr und seinen beiden Mitwissern ausbreitete: Vor einigen Monaten sei bei ihm ein alter Bekannter aus Geheimdiensttagen aufgetaucht - ein Ostdeutscher namens Vorberg. Yelena kannte diesen Herrn, hatte doch auch sie einst bei der Suche nach dem Bernsteinzimmer das zweifelhafte Vergnügen seiner Bekanntschaft gehabt. Der Stasi-Offizier mit den zwei verschiedenfarbigen Augen war damals der Leiter einer großangelegten geheimen Bernsteinzimmer-Suchaktion des sowjetischen KGB und des ostdeutschen MfS in und um die ostdeutsche Stadt Weimar gewesen. Der stets grimmig dreinblickende Vorberg war ihr von damals vor allem durch seinen barschen Umgangston und und sein menschenverachtendes Wesen in Erinnerung geblieben. Allein der Gedanke an diesen Kerl jagte ihr jedes Mal einen kalten Schauer über den Rücken. Jener Vorberg war also nun nach Jahren an Kowarno herangetreten, da ihn sein letzter verdeckter Spionageeinsatz als Kunsttrödler im englischen Manchester - den er nach dem Zusammenbruch der DDR und des MfS unentdeckt auf eigene Faust fortgesetzt hatte - auf eine bislang unentdeckte Spur des verschollenen Bernsteinzimmers stoßen ließ. In einem Tagebuch aus dem Nachlaß eines bekannten westdeutschen Kunstfälschers namens Kajau entdeckte er eine Notiz darüber, daß dieser von 1951 bis 1955 gemeinsam mit einem gewissen Alfred Röder im Mannheimer Gefängnis einsaß. Auf einem Paßbild dieses Röder, welches scheinbar als Lesezeichen in dem Tagebuch lag, erkannte Vorberg dabei zu seinem Erstaunen einen alten Bekannten wieder: Alfred Rohde, den ehemaligen Direktor des Königsberger Schlosses, in dessen Amtszeit auch die Ausstellung und das Verschwinden des Bernsteinzimmers fiel. Rohde, dessen Leichnam nach seinem angeblichen Tod in sowjetischer Gefangenschaft spurlos verschwunden war, schien in Wirklichkeit jahrelang untergetaucht zu sein, bevor er 1951 durch eine Tötung im Affekt während einer abendlichen Kneipenschlägerei als Alfred Röder wieder aktenkundig wurde. Sein damaliges Opfer hieß Müntzer - ein Kleinkrimmineller, der in Fachkreisen wegen seiner Vorliebe für das Erstellen falscher Pässe auch Falschmüntzer genannt wurde. Die beiden Männer waren offenbar nach einem gemeinsamen Saufgelage in Streit um die Entlohnung für Müntzers Dienste geraten, worauf Röder alias Rohde im Gerangel eine Mauser aus seiner Jacke zog und den Paßfälscher niederschoß. Falschmüntzer verstarb noch auf dem Weg ins Krankenhaus an den Folgen der Schußverletzung, und Röder wurde kurz darauf vor dem Strafgericht zu 10 Jahren Haft verurteilt. Hier freundete er sich mit seinem Zellengenossen Kajau an, der schließlich wegen guter Führung am 5.April 1955 vorzeitig entlassen werden sollte. Einen Tag vorher kam es dann in der Gefängniszelle der Beiden zu einem tragischen Zwischenfall. Kajau schrieb dazu in seinem Tagebuch, er sei am späten Vormittag von der Unterzeichnung seiner Entlassungspapiere beim Gefängnisdirektor in seine Zelle zurückgekehrt, wo er und der ihn begleitende Wachmann Mithäftling Röder röchelnd am Boden liegend vorfanden. Der Beamte habe umgehend Alarm ausgelöst, während Kajau sich neben seinem Kumpan niedergekniete, um ihm durch das Öffnen des obersten Knopfes der Anstaltsjacke Erleichterung zu verschaffen. Der nach Luft ringende Röder habe immer wieder etwas von "Schatz", "Bernstein" und "Kisten" gefaselt und dabei mit dem ausgestreckten blutverschmierten Zeigefinger aufgeregt auf eine goldgerahmte Leinwand gedeutet, auf deren strahlendweißer Rückseite er scheinbar zuvor mit seinem eigenen Blut ein paar flüchtige letzte Worte gekritzelt hatte. Dann war Alfred Röder in den Armen Kajaus verstorben. Was der Tote da geschrieben hatte, gaben Kajaus Notizen leider nicht her, dafür aber, daß es sich bei jener Leinwand um ein recht wertloses Stilleben aus dem Jahre 1917 handelte, welches Kajau aufgrund seiner bevorstehenden Entlassung vom Direktor der Haftanstalt geschenkt bekommen hatte. Das Bildnis tauchte daraufhin widerholt in den Tagebuchnotizen Kajaus auf, immer wieder verbunden mit der verrückten Idee, eine gefälschte blaue Version von Edvard Munchs bekanntem Meisterwerk "Der Schrei" zu erschaffen. Irgendwann im Jahre 2007, als Kajau seine künstlerischen Fingerfertigkeiten vervollkommnet zu haben glaubte, wagte er sich schließlich an die Umsetzung seiner fixen Idee. Die vollendete Fälschung aber versteckte er im Anschluß an einem geheimen Ort - wenige Wochen, bevor er in Erwartung der sensationellen Entdeckung des vermeintlichen unbekannten Meisterwerks einsam und verlassen in einer kleinen Hütte am Rande Manchesters verstarb. Fieberhaft hatte sich Vorberg nach dem Lesen des Tagebuchs auf die Suche nach dem Gemälde gemacht - ahnte er doch, daß in der Blutschrift Rohdes der Schlüssel zur Auffindung des Bernsteinzimmers liegen mußte. Doch ein paar Lagerarbeiter einer Manchester Hosenfabrik waren ihm leider zuvor gekommen, und so befand sich das Gemälde mitsamt seinem Geheimnis nun in den sicheren Händen der britischen Regierung. Kowarno hatte nach der Offenbarung Vorbergs seine Beziehungen spielen lassen und über seinen heimlichen Verbindungsmann im Yard in Erfahrung gebracht, daß der "Blaue Schrei" mit einem Linienflug nach Frankreich überstellt werden sollte. Jener verräterische Mann im Dunkeln überbrachte ihm fast zeitgleich auch die Kunde vom Aufenthalt seiner langgesuchten Exfrau Yelena. Und so beschloß Kowarnos krankes und geldgieriges Verbrecherhirn, gleich drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zum einen wollte er sich durch die Entführung des Fluszeugs das Gemälde beschaffen, zum anderen durch Kidnappen seiner Exfrau seine Besitzansprüche an ihr klarstellen und sie seinem vermeintlichen Nebenbuhler wegnehmen. Und zu guter Letzt glaubte er, mit Yelena als Kunstexpertin und der versteckten Gemäldebotschaft Rohdes als Schlüssel endlich an das legendäre Bernsteinzimmer zu gelangen, für welches ihm Kunstfreaks in den Unterweltkreisen - in denen er nun verkehrte - sicher einige Millionen Dollar hinzublättern bereit wären. Mit Vorberg, der in London auf ihn warten wollte, hatte er nach erfolgreicher Suche und Verkauf des verschollenen Schatzes Halbe-Halbe vereinbart. Die gleiche Vereinbarung hatte er insgeheim auch mit seinem Yardspitzel getroffen, wobei er sich letztlich an keine der beiden Verabredungen zu halten gedachte. Zu gegebener Zeit, so hatte er mehrfach in Yelenas Anwesenheit selbstgefällig verkündet, werde er all seine Mitwisser ausschalten und sich das ganze Geld allein unter den Nagel reißen. So sei er dann schließlich im Bunker an die eingehende Untersuchung des Gemäldes mittels Chemikalien und UV-Licht gegangen und dabei auf die gleichen zwei blutigen Worte gestoßen wie wenig später auch Lukas und sein Team: "Stutenfriedel" und "Königsberg". Letzteres bestärkte ihn aber nur in seiner bereits vor Jahren aufgestellten Theorie, das kurz vor der Einnahme Königsbergs sorgsam in Kisten abgepackte Bernsteinzimmer habe seinen Ursprungsort nie verlassen, sondern sei dort im Keller eines deutschen Luftschutzraums verschwunden - dem "LSR 14-21", welcher sich irgendwo unter dem - nach dem Krieg von den Sowjets anstelle des Stadtschlosses errichteten - aufgrund statischer Probleme nie genutzten Rathaus befinden mußte. Dorthin hatte er schließlich seinen Handlager Boris mit der gefesselten Yelena vorausgeschickt.

Sichtlich ermattet schloß Yelena damit fürs Erste ihren Bericht. Sie richtete sich ein wenig auf von ihrem Krankenbett und lehnte ihr müdes Haupt an Lukas' Schulter. Sein Atem pustete ihr erneut eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Dann hauchte seine sanfte Stimme: "Ja, und in diesem Bunker haben wir Dich dann gerade noch rechtzeitig entdeckt. Und das, obwohl die Lage zuvor schon gänzlich aussichtslos erschien, nachdem Dein Exmann als der Einzige, der von Deinem Aufenthaltsort wissen konnte ...". Für einen Augenblick stockte Lukas' Redefluß, und ein paar Sorgenfältchen zeichneten sich auf seiner Stirn ab. Yelena, der die plötzliche Wesensveränderung Svenssons nicht verborgen blieb, hakte nach: "Was Du verschweigen vor mir, Lukas? Was sein geschehen mit Iwan Kowarno? Du mich nicht schonen müssen, ich wollen hören ganzes Wahrheit!". Lukas schaute ihr tief in die Augen: "Und Du meinst, Du kannst die Wahrheit wirklich vertragen?!". Yelena nickte entschlossen, während ihre Hand sich auf die seine legte. Noch eine Sekunde zögerte Lukas Svensson, dann aber sagte er: "Weißt Du, Kowarno hat versucht, uns mit einer Bombe zu töten. Wir haben ihn dann aufgespürt, in dem Bunker, von dem Du mir eben erzählt hast. Ich wollte wissen, warum er Dich entführt hat und wo er Dich versteckt hält. Aber er kam nicht raus mit der Sprache. Da hab ich ihn ein wenig unter Druck gesetzt. Und plötzlich sah es so aus, als würde er mich erschießen wollen. Aber Derrik war schneller und hat ihn getötet ...". Yelenas Kopf schnellte nach oben. Völlig entgeistert blickte sie ihren Lukas an: "Derrik?! Derrik Crawler?! Dieses Wurm, das Dir haben an Seite von Wannabe in alle Jahre bei Yard Leben schwer gemacht. Dieses Speichellecker, das Dich immer nur haben verspottet und behandelt wie letztes Dreck?!". Lukas nickte: "Ja, Liebling! Genau der! Er war es übrigens auch, der mit dem Lageplan des alten Luftschutzbunkers den entscheidenden Hinweis auf Dein ominöses Versteck entdeckte. Ohne ihn hätten wir Dich kaum mehr rechtzeitig gefunden in den Weiten Kaliningrads. Ihm vor allem verdankst Du neben mir Deine Rettung!". Yelena war sprachlos. Daß man sich in einem Menschen so täuschen konnte?! Sie schüttelte nur milde den Kopf, dann legte sie ihn wieder zurück auf Lukas' starke Schulter. Ihr Geliebter aber setzte zärtlich flüsternd seine unterbrochene Ansprache fort: "Weißt Du, Yel, welche Angst ich die ganze Zeit über hatte, Dich nie mehr wiederzusehen?! Da erst wurde mir endgültig bewußt, wie wichtig Du in meinem Leben geworden bist und daß es ohne Dich all seinen Wert und seinen Glanz verliert. Ohne Dich bin ich wie die Erde ohne Sonne, wie eine Blume ohne Wasser. Ich welke und vergehe. Keinen Tag, keine einzige Stunde will ich je mehr ohne Dich sein!". Einen Augenblick hielt er inne, und sein Blick fiel auf das hölzerne Kruzifix über der Eingangstür des Zimmers. Sein Ton wurde fester und seine Augen feucht: "Und darum frage ich Dich hier und jetzt vor dem Angesicht Gottes noch einmal: Willst Du, Yelena Zladkaja, meine Frau werden?". Yelena erhob erneut ihr Köpfchen von aus der Geborgenheit seiner Ruhestätte und nickte sacht. Dazu formten ihre Lippen ein leises: "Ja, will ich!". Lukas aber kramte augenblicklich in den Taschen seines abgewetzten Regenmantels und murmelte dabei: "Also einen Ring zur Besiegelung unserer neuerlichen Verlobung hab ich zwar nicht, aber dafür zumindest das hier ...". Damit zog er blitzartig den silbernen Armreif von seinem Freund Jack aus L.A. aus der Tasche. Er wischte kurz mit dem Ärmel darüber, um ihn vom Staube jener Bunkerexplosion zu befreien, vor der er den teuren Schmuck seinerzeit glücklicherweise gerettet hatte. Dann legte er ihn behutsam um das Handgelenk Yelenas. Sie aber streckte ihren Arm nach oben und ließ den Armreif im Licht der durch das große Zimmerfenster einfallenden Sonnenstrahlen funkeln. Dabei strahlte auch sie nun übers ganze Gesicht. Und an ihren Lukas gewandt, fragte sie: "Und, wie seh ich damit aus?". Er aber nickte nur und entgegnete überglücklich: "Einfach nur bezaubernd, wie immer!". Dabei streckte er zur Untermalung seiner Worte den Daumen der zur Faust geballten rechten Hand in die Höhe. Und während er ihr in jenem Moment höchster Glückseligkeit zuhauchte: "Mögen unserer einzigartigen Liebe zueinander noch viele wundervolle gemeinsame Jahre beschieden sein", zeichnete das Sonnenlicht die Schatten der abgespreizten Finger ihrer beiden sich langsam vereinenden Hände - sechs schwarzen Strichen gleich - an die weißgestrichene Zimmerwand. Yelena und Lukas blieb dieses mysteriöse Schattenbild allerdings verborgen. Denn die beiden Liebenden hatten längst in stiller Übereinkunft die Augen geschlossen, und ihre sehnsüchtigen Lippen begegneten einander zu einem erneuten sanften Stelldichein.

Als sie schließlich wieder für einen kurzen Moment voneinander abließen, entdeckte Yelena bei ihrem Lukas ein verstohlenes Schmunzeln. Ihr Gesicht schaute ihn fragend an, und Lukas erklärte: "Ach, weißt Du, ich hab da mit meinen beiden Jungs auf der langen Reise zu Dir so einiges erlebt. Und eben gerade mußte ich an das wohl Außergewöhnlichste denken, was mir dabei wiederfahren ist. Im Zug nach Moskau trafen wir ein russisches Ehepaar, die Frau aber war hochschwanger. Mitten auf der Fahrt setzten die Wehen ein, und weit und breit war kein Krankenhaus oder eine Hebamme in Sicht. Da hab ich mich mit meinen beiden Begleitern kurzerhand als Geburtshelfer zur Verfügung gestellt. Und gemeinsam mit Mutter und Vater haben wir das Kindchen geholt. Was für ein wundervoller Augenblick das doch ist, die Geburt eines Kindes. Weißt Du, die Eltern haben ihre neugeborene Tochter aus Dankbarkeit Francesca genannt, so wie das Mädchen damals ...". Lukas stockte mitten im Satz. Denn seine Yelena hatte urplötzlich ihren Blick gesenkt und bitterlich zu weinen begonnen. Der Ex-Inspektor streichelte behutsam über ihre Haar, wobei sie leise zu stammeln begann: "Ich Dir müssen etwas sagen! Etwas, das lang schon brennen auf mein Seele. Und jetzt, wo Kowarno endlich sein kein Bedrohung mehr, ich brauchen nicht länger schweigen. Mit dieses Geheimnis in mir können ich eh nicht ruhigen Herzens werden Dein Frau!". Lukas betrachtete das Häufchen Elend vor sich ein wenig verunsichert. Was um alles in der Welt konnte das für ein dunkles Geheimnis sein?! Wußte er denn nach all dem, was er in den letzten Tagen und Minuten über ihre Vergangenheit erfahren hatte, immer noch nicht alles von ihr?! Yelena schaute ihrem Lukas mit traurigen Augen ins erwartungsvolle Gesicht, dann begann sie zaghaft: "Du nicht wissen, aber ich gehabt am Ende von Ehe mit Kowarno ein neues Liebe mit Bauernsöhnchen mit Namen Fjodr Fontanewitsch. Er mich in kaltes Zeit Wärme geschenkt. Ich haben ihm mich hingegeben, ganz und gar. Für kurzes Zeit wir ungeheuer glücklich gewesen. Aber dann, Iwan hat erfahren von uns. Er haben dieses liebes Mann aufgelauert und tot geschossen. Was keiner zu dieses Zeit haben gewußt - nicht einmal ich: Ich gewesen in guter Hoffnung von Fjodr. Später auf Flucht ich haben geboren ein kleines Tochter. Ich sie nannte Jana. Aber ich Angst gehabt, daß Kowarno mich suchen und finden. Und ich geglaubt haben, wenn er finden Jana, er ihr auch wehtun wie ihrem Vater. So ich schweren Herzen haben sie in Flüchtlingslager anonym freigegeben zu Adoption. Du verstehen, Lukas?! Ich haben Töchterchen, aber ich nicht wissen wo! Jetzt Du sicher böse sein mit mir, weil ich nie haben gesagt ein Wort davon?! Jetzt Du sicher mir nicht mehr können vertrauen, oder?! Jetzt Du wohl erst noch einmal überlegen wegen heiraten mich?!". Ängstlich suchten ihre Augen die seinen und fanden sie nachdenklich. Für einen Moment herrschte stilles Schweigen zwischen Biden, dann aber meldete sich Lukas Svensson zu Wort: "Es gibt in der Tat vieles, was ich bisher nicht von Dir wußte. Und es sind nicht gerade Kleinigkeiten, die Du mir da verschwiegen hast: ein Exmann, ein Geliebter und nun auch noch eine Tochter. In einer Beziehung wie der unseren sollte es keine Geheimnisse geben ...". Lukas zog seine streichelnde Hand zurück. Er kramte in seiner Manteltasche nach einem Papiertaschentuch und reichte es Yelena, die damit ihre Tränen trocknete. Svensson selbst aber holte einmal tief Luft und sagte dann: "All das aber, was Du Dir soeben von der Seele geredet hast, liegt in Deiner Vergangenheit. Also Schwamm drüber! Unser Blick sollte sich jetzt auf die Gegenwart und die Zukunft richten - unsere gemeinsame Zukunft. Und in der wirst Du jetzt erst einmal gesund und dann gehen wir alle zusammen auf Schatzsuche, damit sich unser abenteuerlicher Ausflug hierher wenigstens gelohnt hat. Anschließend aber wird ausgiebig Hochzeit gefeiert. Und wenn Du willst, setze ich danach Himmel und Hölle in Bewegung, um Dich und Deine Tochter endlich glücklich wiederzuvereinen. So sieht mein Plan aus! Irgendwelche Einwände von Ihrer Seite, Misses Svensson?!". Als Antwort aber schlang Yelena einfach nur ihre Arme um den Hals ihres geliebten Lukas und übersäte sein lächelndes Antlitz wieder und wieder mit leidenschaftlichen Küssen.

In den folgenden Tagen schritt Yelenas Genesung zügig voran. Und während sie wieder auf die Beine kam, nutzten Lukas und seine Jungs im Flur des Krankenhauses, wo sie sich - so gut es eben ging - wohnlich eingerichtet hatten, jede freie Minute, um sich über die lange, mysteriöse Geschichte des Bernsteinzimmers zu informieren. Timmy fand schließlich auf dem Videoportal Youtube eine fünfteilige Dokumentation darüber, die er sogleich seinen Freunden Derrik und Lukas vorspielte. Mit stolzgeschwellter Brust präsentierte der junge Hackerman dazu nebenher die bereits zuvor von ihm zusammengetragenen Fakten rund um das sagenumwobene Kunstobjekt: "Chef, Inspektor Derrik, hier nun ein kurzer Abriß aus der Geschichte des Bernsteinzimmers. In den Anfangsjahren des 18.Jahrhunderts gab der damalige preußische Monarch Friedrich III., ein Spieler und Verschwender, den Auftrag, die kahlen Wände des sogenannten Tabakskollegiums im Berliner Stadtschloß vollständig mit Bernsteinmosaiken zu verkleiden. An den Kosten, die dieses wahnwitzige Vorhaben verschlang, kollabierte Preußens Staatshaushalt beinahe. Dennoch wurde es innerhalb von mehreren Jahren von namhaften Bernsteinmeistern in die Tat umgesetzt. Erst nach dem Tod Friedrich III. wurde es schließlich fertiggestellt und an dem dafür vorgesehenen Ort installiert. Inzwischen hatte Friedrichs Sohn, der als sparsam bekannte Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. den preußischen Thron bestiegen. Zahlreiche Staatsoberhäupter besuchten den Preußenkönig, unter ihnen 1716 auch der russische Zar Peter der Große, dem das Bernsteinzimmer besonders gefiel. Aus politischem Kalkül schenkte Friedrich Wilhelm I. dem Zaren die komplette Bernsteinvertäfelung. Zum Austausch erhielt er für seine Garde 50 großgewachsene Soldaten, sogenannte "Lange Kerls", und besiegelte mit seiner großzügigen Geste zugleich das Preußisch-Russische Bündnis. In Sankt Petersburg, der Stadt des Zaren, traf das Bernsteinzimmer schließlich unter militärischem Geleit ein und erhielt nach einem Zwischenstop im dortigen Winterpalais 1755 ein wenig südlich im Katharinenpalais seinen Platz. Da die ausgewählte Räumlichkeit dort größer war als der ursprüngliche Raum im Berliner Schloß, ließ der Zar zusätzliche goldene Schnitzereien, auf Elfenbein gemalte Gemälde und 24 venezianische Spiegel als meisterhafte Erweiterung in jenes märchenhaft anmutende Ambiente einbinden. Bei der Belagerung Leningrads, wie Sankt Petersburg nach der Oktoberrevolution hieß, drang die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg auch in die Vororte ein. Das Katarinenpalais geriet dabei zwischen die Fronten. Eine sowjetische Bombe zerriß den großen Saal, der zeitweise auch unter starkem deutschen Beschuß stand. Dennoch blieb - wie durch Wunder - das in seinen Mauern befindliche Bernsteinzimmer unversehrt, und fiel schließlich in die Hände der deutschen Truppen. Als selbsternannter Kunstliebhaber wollte Hitler auch das Bernsteinzimmer heim ins Reich holen. Und so setzte er kurzerhand Ostpreußens als brutal geltenden Gauleiter Erich Koch für dieses Vorhaben ein. Am 14.Oktober 1941 baute die SS innerhalb von 36 Stunden die gesamte Bernsteinvertäfelung ab und transportierte sie per LKW in 24 Kisten - schwerbewacht und als Geheime Reichssache deklariert - ins ostpreußische Königsberg. Dort wurde, da für die komplette Vertäfelung der Platz nicht ausreichte, ein Teil des Zimmers im dritten Stock im Südflügel des Königsberger Schloßes ausgestellt. Fortan unterstand es damit der Obhut von Schloßdirektor Alfred Rohde. Im August 1944 flogen im Zuge des Krieges unsere britischen Bomber zwei Nachtangriffe auf Königsberg. Die Innenstadt und das Schloß brannten fast vollständig aus. Um das Bernsteinzimmer vor der Zerstörung zu schützen, hatte Direktor Rohde die gesamte Vertäfelung erneut in Kisten verpackt und im Keller verstaut. In der Aussage, ob das kostbare Gut den Angriff überstand, widersprachen sich später die Zeitzeugen. Dennoch ist letztlich wohl davon auszugehen. Ende 1944 war das ostpreußische Königsberg schließlich von der Roten Armee eingekesselt und stand nahezu pausenlos unter Beschuß. Am 10.April 1945 gaben die dortigen deutschen Truppen ihren Widerstand schließlich auf. Im Schlepptau der Sowjetarmee trafen auch diverse Geheimdienstagenten und Kunstexperten im Auftrag Stalins in Königsberg ein. Das Bernsteinzimmer fanden sie allerdings nicht vor, es war aus dem Schloß verschwunden, nur noch Ramsch und ein paar Bilder waren geblieben. Alfred Rohde, der nie ein glühender Nazi - aber stets ein diensteifriger Beamter - war, wurde von den Sowjets gefangengehalten und wochenlang verhört. Dabei spielte er immer wieder den Verwirrten, wollte oder konnte das Geheimnis des verschwundenen Schatzes nicht lüften. Angeblich starb er während seiner Haft am 17.Dezember 1945 plötzlich an Typhus. Der Amtsarzt, der den Totenschein ausstellte, verschwand allerdings bereits einen Tag danach spurlos. Rohdes Frau verstarb nur kurze Zeit nach ihrem Mann ebenfalls und wurde neben ihm beigesetzt. Im wenig später nochmals geöffneten Grab Alfred Rohdes fand sich dann jedoch kein Leichnam".

Während Timmy seine Präsentation der Fakten damit beendete, kratzte sich der Ex-Inspektor nachdenklich an der kahlen vorderen Stirnseite: "Mysteriös, die ganze Geschichte um diesen Rohde. Laut Yelena tauchte der verschwundene Tote 1951 unter neuem Namen höchst lebendig in Westdeutschland wieder auf, wo er im Streit den Mann erschoß, der ihm vermutlich zuvor die nötigen Papiere für seine neue Identität Alfred Röder verschafft hatte. Sag mal, Timmy, gibt es von Röder alias Rohde eigentlich auch ein Foto?". Tim Hackerman stoppte mit einem Druck auf das Mousepad seines Laptops den gerade laufenden zweiten Teil der Videodokumentation und deutete gelassen auf den Bildschirm. Auf ihm war das Schwarzweißfoto eines pausbäckigen Mannes mit Brille, Schlips und kurzem, glattgekämmten Haar zu sehen. Svensson runzelte beim Anblick jenes Fotos die Stirn und murmelte: "Also, irgendwoher kenn ich das Gesicht. Ich hab es schon mal gesehen. Wo war das nur?". Etwa eine Minute lang herrschte erwartungsvolles Schweigen. Tim und Derrik rutschten ein wenig nervös auf ihren Stühlen hin und her, während Lukas tief in sich hineinzuschauen schien, als wolle er so die im Unterbewußtsein verkramte Erinnerung an den Mann auf dem Foto mit aller Macht wieder zutage befördern. Tatsächlich glückte ihm schließlich dieses nicht ganz leichte, und dennoch häufig praktizierte Unterfangen. Jubelnd brach es aus ihm heraus: "Heureka, ich habs! Ich denke, ich kenne den Mann von einem alten privaten Foto, das mir mein Onkel Fritz vor ein paar Jahren geschickt hat. Wenn ich mich recht entsinne, stammte es aus der Zeit der Flucht meiner Familie aus Ostpreußen in die Nähe Berlins. Und es zeigte eben diesen Mann neben einem Pferdegespann. Aber genaueres dazu kann uns nur ein einziger Mensch auf dieser Welt erzählen - mein letzter lebender Verwandter in Berlin. Mein Gott, Jungs! Ich faß es nicht! Erst führt uns die Spur des verschollenen Bernsteinzimmers in die Heimat meiner Yelena, dann in meine Geburtsstadt und nun sogar noch in das Land meiner Väter, direkt zu meinem Onkel. Es scheint so, als seien das Schicksal jenes sagenumwobenen Kunstschatzes und das meine untrennbar miteinander verbunden. Ich schlage vor, ihr Zwei trefft schon mal alle Vorbereitungen für unsere Abreise in Richtung deutscher Hauptstadt. Und ich bespreche unser Vorhaben mit Doktor Wussowitsch, denn ohne meine Yelena beweg ich mich hier keinen Zentimeter weit weg!". Derrik und Timmy aber grölten im Überschwang der in ihnen geweckten Vorfreude auf die möglicherweise schon in greifbare Nähe gerückte Entdeckung des prunkvollen Bernsteinzimmers gemeinsam voller Inbrunst: "Berlin! Berlin! Wir fahren nach Berlin!".

Schon eine halbe Stunde später waren sämtliche Reisevorbereitungen abgeschlossen. Auch Lukas hatte sein Vier-Augen-Gespräch mit dem Chefarzt beendet und begab sich nun in den großen Park hinter der Klinik, wo seine Yelena im Bademantel einsam auf einer Parkbank saß und der Abendsonne beim Untergehen zuschaute. Der vom Abtauchen des feurigen Himmelskörpers dunkelrot gefärbte Himmel ließ Yelenas makelloses Antlitz in den Augen des herantretenden Lukas regelrecht erglühen. Sie hatte die Arme, unter denen ihr traumhaft geformter Körper im kühler werdenden Abendwind sichtlich zitterte, über der Brust verschränkt. Lukas schlüpfte - ohne lang zu überlegen - aus seinem Trenchcoat und warf ihn über ihre langen, schlanken Beine, die dem kalten Luftzug nahezu schutzlos ausgeliefert waren. Yelenas Augen strahlten ihm dankbar entgegen, während er neben ihr Platz nahm und seinen rechten Arm liebevoll um ihre Schulter legte. Sein Mund neigte sich wie in Zeitlupe ihrem Ohr zu, und schließlich hauchte er: "Liebes, ich würde Dir gern jemanden vorstellen - jemanden aus meiner Familie: den Bruder meiner Mutter, meinen Onkel Fritz Salomon. Mit Doktor Wussowitsch hab ich schon gesprochen, und er hat bei Deinen enormen Genesungsfortschritten in den letzten Tagen absolut nichts einzuwenden gegen eine vorzeitige Entlassung". Yelena strahlte nun übers ganze Gesicht: "Das sein ja wundervoll! Onkel Fritz, Du doch erzählt, er leben in deutsches Hauptstadt, oder?! Das heißen, wir Beide jetzt reisen nach Berlin? Du mir zeigen, wo Du als kleines Kind aufgewachsen?". Lukas schaute ihr tief in die funkelnden Augen und nickte eifrig: "Ganz recht, mein Schatz! Zum einen ist es eh längst an der Zeit, daß mein Onkel Dich kennenlernt. Und zum anderen führt zu ihm - meiner Ansicht nach - auch die verlorene Spur jenes Alfred Rohde und des mit ihm nach dem Krieg verschollenen Bernsteinzimmers". Yelena war für einen Moment völlig sprachlos. Und Lukas nutzte diesen Umstand schamlos aus, um seine Lippen einmal mehr mit den ihren zu vereinen.

Einige Minuten vergingen, dann löste Yelena den innigen Kuß. Sie hob ihren Körper mitsamt dem ein wenig hochgerafften Bademantel und dem auf ihren Oberschenkeln ruhenden Trenchcoat leicht an und ließ sich dann ganz sanft auf Lukas' Schoß nieder. Ihren Rücken preßte sie dabei vorsichtig an seine Brust. Die Beine spreizte sie etwas, so daß ihre zarten, makellosen Unterschenkel unter dem Deckmantel des Trenchcoats die seinen, dicht behaarten fest umschlossen. Und während die beiden Hälften ihres Gesäßes wie in Zeitlupe auf seinen muskulösen Oberschenkeln zu ruhen kamen, spürte sie plötzlich ganz deutlich, wie sehr sie ihm doch gefehlt hatte und wie groß seine Freude war, ihr endlich wieder so unendlich nah sein zu dürfen. Durch die stofflichen Hüllen ihres geliebten Lukas hindurch konnte sie nämlich ein wildes, ungestümes Pochen vernehmen - das Pochen seines Herzens, welches gleichsam bei ihr anklopfte und sie dabei anzuflehen schien, eindringen und sich in ungezügelter Leidenschaft mit dem ihren vereinen zu dürfen. Sie schloß ihre Augen und fühlte in ihrem Innern eine wohlige Wärme aufsteigen, die sie die Kühle des sie umgebenden abendlichen Windhauchs sofort vergessen ließ. Die Innenfläche von Lukas' rechter Hand glitt unterdess seitlich unter ihren Bademantel und umschloß die - vom dünnen Krankenhausnachthemd nur schwach bedeckte - linke Brust, so daß nun auch er das stürmische Pochen ihres Herzens erfühlen konnte. Seine linke Hand aber bahnte sich fast zeitgleich vorsichtig den Weg unter den Regenmantel und streichelte dort sanft ihr Knie. Dabei hauchte er ihr ins Ohr: "Wie sehr haben mir doch Deine Zärtlichkeit und Deine Leidenschaft gefehlt, Liebes!". Und während er noch so sprach, gingen seine beiden unternehmungslustigen Hände an ihren Oberschenkelinnenseiten bereits auf Wanderschaft aus. Yelenas erregter Leib bäumte sich auf, und ihre Hände stützten sich auf seinen Oberschenkeln ab, wobei Zeigefinger und Daumen der rechten Hand wie zufällig am Reißverschluß von Lukas' Hose herumzunesteln begannen. Ihr Hinterteil aber vollführte im gleichen Atemzug äußerst geschickt leicht kreisende Bewegungen auf seinem Schoß, unter denen der Saum ihres Nachthemdchens sich Millimeter um Millimeter immer mehr nach oben zu schieben begann. Und während die Sonne einen Augenblick später hinterm Horizont versank, konnte man im Abendrot auf jener Bank - untrennbar miteinander verschmolzen - die Silhouetten eines Mannes und einer Frau beobachten. Wenn man den Beiden aus der Ferne eine Weile lang zuschaute, glaubte man dabei zu erkennen, wie sich die Silhouette der Frau auf der des Mannes unter ihr immer wieder langsam sanft auf und ab bewegte. Jenes wortlose Schauspiel der beiden Liebenden dauerte so noch eine kleine Ewigkeit an. Erst als am inzwischen dunkelblau gefärbten Nachthimmel die ersten Sterne auftauchten, endete es schließlich. Yelena aber, die kurz darauf als Erste schwer atmend die Sprache wiederfand, seufzte überglücklich: "Was für ein herrliches Höhepunkt und Abschluß für dieses wundervolles Tag" ...

Auch im fernen London neigte sich am Ufer der Themse der Tag langsam seinem Ende entgegen. Die Sonne stand hier noch ein wenig höher und hatte damit einen fabelhaften Blick auf jenen Yachthafen, auf dessen langem Anlegesteg Harold Freakadelly momentan zielstrebig voranschritt. Vor einem großen weißen Segelboot mit der Aufschrift "Simone" hielt er abrupt inne. Dann zog er vorsichtig seine schwarzen Lackschuhe aus und betrat mit einem beherzten Sprung über die Reeling auf Strümpfen das pikfeine Deck des Bootes. Charles Wannabe hatte ihn - als Antwort auf seine telefonische Bitte um ein klärendes Gespräch - per SMS von seinem Handy aus vor einer halben Stunde hier her bestellt. Er schrieb in seiner Kurznachricht, er könne seinem Schwiegervater alles plausibel erklären. Und Harold war bereits sehr auf diese Erklärung gespannt. Auf leisen Sohlen begab sich Freakdelly zur Kajüte. Er schritt bedächtig die enge Holztreppe hinab und fand das Innere des Bootes völlig menschenleer vor. Was sollte dieser Blödsinn? Wollte ihn Wannabe zum Narren halten? Sichtlich erzürnt machte Freakadelly auf dem Hacken kehrt. Als er beim Verlassen der Kajüte in die Abendsonne blinzelte, kreuzte plötzlich ein menschlicher Schatten seinen Weg, und jemand schlug ihm mit voller Wucht die gebeizte Holztür vor dem Kopf zu. Harold Freakdelly strauchelte, stürzte auf der steilen Treppe nach hinten und schlug im Kajüteninnern mit dem Hinterkopf unsanft auf dem Boden auf, wobei er sogleich das Bewußtsein verlor. Als er langsam wieder zu sich kam, vernahm er über sich vom Deck her eine ihm wohlvertraute Stimme: "Was mußtest Du alter Dummkopf Deine elende Schnüfflernase auch in Sachen stecken, die eine ganze Nummer zu groß für Dich sind?! Bist selber schuld, wenn Dich das jetzt Dein Leben kostet! Leb wohl!". Freakedelly hörte, wie die Kajütentür verriegelt wurde. Schritte entfernten sich langsam. Alles was blieb, war das Brummen in seinem Schädel. Nur wie von Ferne vernahmen seine Ohren das leise Plätschern des Themsewassers gegen die Schiffsaußenwände und ein schwaches Ticken ... Tick-tack, tick-tack ... Harolds benebelter Verstand war mit einem Male wieder hellwach. Oh Gott, woher kam dieses Ticken? Er schaute sich um und entdeckte in einer Ecke der Kajüte ein zusammengeschnürtes Bündel Dynamitstangen, an dem mit zwei Drähten eine Art digitaler Kurzzeitwecker als Zeitzünder befestigt zu sein schien. Ganz klar: Das war eine Bombe! Er versuchte, sich aufzurichten. Doch in seinem Rücken machte es knack, und ein stechender Schmerz riß ihn sofort wieder zu Boden. Langsam kroch er unter grausamen Qualen auf den Sprengkörper zu. Seine Stirn war schweißgebadet, während er sich dem teuflischen Ticken mühevoll Zentimeter um Zentimeter näherte. Schließlich erhaschten seine Augen einen kurzen Blick auf das Display des unheilvollen Weckers ... 0:07 ... Panik überkam ihn, doch nur für einen kurzen Moment. Dann siegte in ihm die bittere Erkenntnis der Ausweglosigkeit seiner Lage. Harold Freakdelly schloß die Augen und begann, bitterlich zu weinen. Verzweifelt rief er in die tödliche Stille des Bootes - welches sich anschickte, ihm zum schwimmenden Sarg zu werden - hinein: "Wie konntest Du mir das nur antun? Gerade Du?" ... Mit einem riesigen Knall explodierte die Yacht "Simone" im Londoner Hafen und verteilte sich in Milliarden kleiner und großer Bruchstücke über die Wasseroberfläche und den angrenzenden Bootssteg. Mit den Wrackteilen aber nahm das Themsewasser im blutroten Schein der untergehenden Sonne auch Besitz von den nahezu ebenso zahlreichen sterblichen Überresten des ermordeten Chiefsuperintendents von New Scotland Yard ...

[Wird fortgesetzt]

+++ CRIMINAL MINDS +++ DALLAS +++ CASTLE +++ DOCTOR WHO +++ 24 +++

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sven1421

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18

Samstag, 15. September 2012, 08:55

Episode 18: Auf großer Entdeckungsreise

In der schwachen Mittagssonne bewegte sich der weiße Trabant mit dem orangefarbenen Dach und seinen vier Insassen in gemächlichem Tempo über den stark angeschlagenen Asphalt einer endlos erscheinenden polnischen Landstraße hinweg gen Westen. Sichtlich konzentriert nach vorn schauend lenkte Derrik Crawler das antike Gefährt von einem Schlagloch zum nächsten. Tim Hackerman, der neben ihm auf dem Beifahrersitz hockte, knirschte dabei in unregelmäßigen Abständen mit den Zähnen. Schließlich platzierte er beide Handflächen vorsichtig unter seinem - bei der holprigen Fahrweise - ständig auf und ab hüpfenden Hinterteil und fauchte den Mann am Steuer ärgerlich an: "Kannst Du nicht ein wenig vorsichtiger fahren! Ich krieg von der Wackelei noch lauter blaue Flecken am Po". In diesem Moment meldete sich von der Rücksitzbank her auch Yelena ganz aufgeregt zu Wort: "Vorsichtiger?! Schneller er soll machen, wir sonst noch werden überholt von Schnecke und niemals kommen an in deutsches Hauptstadt". Derrik rollte bei diesen Worten seiner Fahrgäste nur mit den Augen und schüttelte ein wenig genervt den Kopf. Dann holte er einmal tief Luft und murmelte: "Vorsichtiger?! Schneller?! Ich fahr, so gut ich kann! Diese Straße ist nunmal eine echte Katastrophe. Und außerdem ist da vorn schon die polnisch-deutsche Grenze. Da muß ich dann ja eh Schrittempo fahren. Wenn wir Glück haben, werden wir vielleicht einfach durchgewunken. Aber wenn nicht, wenn der Grenzbeamte uns zu Kontrollzwecken rauswinkt, dann haben wir in Kürze eh alle Zeit der Welt". Lukas Svensson hatte - neben seiner Yelena hockend - bis jetzt mucksmäuschenstill dagesessen und aus dem Autofenster heraus die Schönheit der ländlichen Idylle um sich herum bestaunt. Nun aber sah er zu seinem Erstaunen mit einem Male gleich drei Augenpaare auf sich gerichtet, wobei Derriks Augen dabei - um die Straße vor sich nicht aus dem Blick zu verlieren - den Umweg über den Rückspiegel wählten. Yelena buffte ihrem zukünftigen Gemahl zusätzlich mit dem Ellenboden in die Seite, so daß er sich nun - quasi von allen Seiten bedrängt - ebenfalls zu einer Reaktion auf Derriks umstrittene Fahrweise genötigt sah. Seelenruhig begann er also, abwechselnd auf Yelena, Timmy und Derrik schauend: "Ich weiß gar nicht, was Ihr habt. Wenn ich den Worten meines Vaters Glauben schenken darf, dann bin ich vor nunmehr etwa 65 Jahren die gleiche Strecke deutlich umbequemer und auch langsamer gereist. Zum Glück fehlt mir selbst daran jede Erinnerung, aber ich glaube kaum, daß es für einen knapp Einjährigen ein Vergnügen darstellt, bei Wind und Wetter auf Stroh gebettet und in eine Wolldecke gehüllt auf einem Pferdewagen hunderte Kilometer zurückzulegen". Yelena entschuldigte sich daraufhin kleinlaut für ihre Ungeduld: "Du recht haben, Liebes! Es mir leidtun, Derrik, daß ich haben Sie antreiben wollen. Sie seien Pilot von Auto, und Sie am besten wissen, wie man bringen dieses lautes Pappkarton von A nach B". Timmy aber verschränkte sichtlich verärgert die - inzwischen wieder zu Tage beförderten - Arme vor seiner Brust: "Von wegen: Pilot von Auto! Der komische Autopilot gurkt hier auf Sparflamme zielsicher von Krater zu Krater. Und als Ausrede für seine Lahmarschigkeit fällt Mister Perfekt nichts besseres ein, als daß wir sonst von einem Grenzer gefilzt werden könnten. Wie kommst Du olle Pappnase eigentlich darauf? Schließlich gab es an der russisch-polnischen Grenze für uns doch auch keine größeren Schwierigkeiten, oder?!". Gelassen klopfte Derrik mit den Fingern auf den braunen Kunstlederbezug des Lenkrades und sprach: "Ja, aber auch nur, weil Lukas beim Vorzeigen unserer Pässe in den seinen, schwerlich zu übersehen, eine 50-Pfund-Note eingelegt hatte, die nach dem Kontrollieren unserer Reisedokumente dann auf mysteriöse Weise verschwunden war. Ich fürchte allerdings, liebster Timothy, die polnischen Beamten sind nach dem Beitritt ihres Landes zur EU mit solch umstrittenen Methoden weit weniger zu beeindrucken als ihre östlichen Nachbarn. Und deshalb verhalte ich mich lieber möglichst unauffällig, weil ich mich ungern mit den beiden bei Kowarno erbeuteten russischen Handgranaten im Anorak einer Leibesvisitation unterziehen würde, weißt Du? Das bringt einen nämlich so leicht in Erklärungsnotstand, genau wie der Revolver und die zugehörigen Patronen in Lukas Mantelinnentasche oder die abgefeuerte Pistole in Deiner Jacke". Derrik konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen, und auch Lukas und Yelena mußten auf ihren Sitzplätzen über den Scharfsinn und die Abgebrühtheit ihres Chauffeurs schmunzeln. Nur Timmy zog einen Flunsch und schwieg, während der jetzt an der Fensterscheibe neben ihm auftauchende uniformierte Pole mit der - vor die Brust geschnallten - Kalaschnikow mit einem freundlichen Lächeln den Schlagbaum öffnete und das vierköpfige Svenssongespann in seiner Rennpappe unbehelligt passieren ließ.

Auch die deutsche Grenzkontrolle hatten sie ein paar Minuten später völlig problemlos hinter sich gelassen. Auf den deutlich besseren ostdeutschen Bundesstraßen gewann nun auch der von Derrik fachmännisch gelenkte Trabi schnell an Fahrt, erst recht, als es unmittelbar nach der Durchfahrt durch Frankfurt/Oder auf die Autobahn ging. Auch hier beäugte Lukas durch das Autofenster hindurch die an ihm vorbeifliegenden Landschaften. Immer wieder erhaschte er dabei kurze Blicke auf große Fabriken mit rauchenden Schornsteinen und auf Felder mit erntereifem Getreide sowie sanftige Weideflächen mit kleinen und großen Viehherden, die darauf grasten. Anerkennend lächelte er, und schließlich brach es geradezu euphorisch aus ihm heraus: "Ist das nicht einfach herrlich, Leute! Als ich als kleiner Junge dieses Land mit meinen Eltern gemeinsam in Richtung London verlassen hab, da war hier noch alles im Aufbau. Mein Vaterland war bereits deutlich sichtbar zweigeteilt, selbst wenn die Trennung damals noch nicht durch eine schier unüberwindbare Mauer besiegelt war. Auch wenn Ost und West die eine deutsche Muttersprache verband, so prallten dennoch diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs auf deutschem Boden zwei gänzlich unvereinbare Welten aufeinander. Dann hat die DDR ihr Volk einfach eingemauert und diese millionenfache Gefangennahme großspurig als Sieg des Sozialismus verkauft. Die Ostdeutschen aber haben es über die Jahre hinweg geschafft, mit ihrer schwierigen Lage irgendwie zu arrangieren, ohne dabei je den Traum von Freiheit ganz aus den Augen zu verlieren. Und als die Knechtschaft zu groß wurde, da sind sie auf die Barrikaden gegangen und haben mit ihrem Protest eine friedliche Revolution losgetreten, die sie ohne größeres Blutvergießen quasi über Nacht von ihren Ketten und letztlich auch von der sie umgebenden Mauer befreit hat. Gemeinsam mit ihren westdeutschen Landsleuten haben sie sich auf den beschwerlichen Weg gemacht, ein neues und besseres Deutschland zu schaffen. Ja, meine Lieben, ich bewundere dieses Volk! Auferstanden aus Ruinen hat es sich im mühevollen Streben um Einigkeit und Recht und Freiheit der Zukunft zugewandt. Was für ein Land, was für ein Volk?!". Und während Yelena und Timmy, die den Ausführungen des sichtlich gerührten Ex-Inspektors aufmerksam gelauscht hatten, nun einhellig nickten, schüttelte Derrik - sich krampfhaft mit einer Hand am Lenkrad festhaltend und mit der anderen nervös die Hupe betätigend - nur immer wieder den Kopf und raunte: "Was für eine Blechlawine, was für ein Verkehr?!". Wenige Stunden später sahen sie endlich das blaue Hinweisschild mit der Aufschrift "Berliner Ring" vor sich. Und nachdem sie sich auf einer nahegelegenen Raststätte zuvor bereits bei einem ortskundigen Trucker über die genaue Route informiert hatten, dauerte es von da an keine dreißig Minuten mehr, bis sie im Ostteil der Stadt die Schönhauser Allee erreichten: Hier ließen Derrik und seine Fahrgäste ihre Benzinkutsche nach kurzer, intensiver Parkplatzsuche einfach in einer Seitenstraße stehen, und gingen nun zu Fuß weiter. Lukas Svensson wußte glücklicherweise ganz genau, unter welcher Adresse er seinen Onkel Fritz suchen sollte. Schließlich hatten sich die Beiden nach jahrelanger, durch die DDR-Behörden verordneter Funkstille kurz nach der Wende wieder zu schreiben begonnen. Onkel Fritz hatte damals den Aufenthaltsort seines Neffen durch eine Anfrage bei der Britischen Botschaft in Berlin ausfindig machen können und ihm einen langen Brief geschickt. Lukas hatte mit einem ebensolangen Schreiben geantwortet, und seitdem machten sich mindestens zweimal pro Jahr Postsendungen an den jeweils anderen auf die Reise. Zu Weihnachten aber schickte Onkel Fritz stets einen Marzipanstollen, während er im Gegenzug eine gute Flasche Scotch erhielt.

Lukas hatte derweil mit seinen Begleitern die Hauptstraße überquert und fragte nun - mit dem Adressbuch in der Hand - eine Passantin nach dem Weg. Die junge Frau fuchtelte ein paar Mal wild mit den Armen, dann bedankte sich der Ex-Inspektor bei ihr, und die Vier setzten den Fußmarsch fort. Vor einem hohen Mietshaus, ganz in der Nähe einer alten Backsteinkirche, stoppte Svensson seine Schritte. Er überflog eilig die Namensschilder am Eingang, bis er unter ihnen den Schriftzug "F.Salomon" entdeckte. Lukas betätigte aufgeregt den zugehörigen Klingelknopf, und schon Sekunden später tönte die tiefe Baßstimme eines alten Mannes aus dem Lautsprecher der Wechselsprechanlage: "Ja, wer ist denn da?". Svensson räusperte sich und erwiderte dann: "Ich bins, Onkel, Dein Neffe Lukas ... Lukas Svensson!". Am anderen Ende war es eine Sekunde lang still, dann meldete sich - völlig außer sich - die Baßstimme zurück: "Das gibts ja nicht! Lukas, Du! Na, das ist ja eine feine Überraschung, Du Lauser! Komm rein!". Es surrte kurz. Lukas drückte die gußeiserne Türklinke nach unten, und die Haustür sprang knarrend auf. Im Hausflur roch es nach einer Mischung aus frischer Farbe und Schweinebraten. Die Stufen der nach oben führenden Holztreppe quietschten und ächzten unter den Schritten der vier unerwarteten Besucher. Im zweiten Stock lugte schließlich ein kahlköpfiger Mann mit faltiger Stirn und großen, leuchtenden Augen aus seiner Wohnungstür. Er sprang mit einem Satz auf den eintreffenden Svensson zu und drückte ihn ohne Umschweife so fest an sich, daß dem Ex-Inspektor fast die Luft wegblieb. Erst nach einer halben Ewigkeit entließ der ältere Herr sein überraschtes Opfer wieder aus der Umklammerung und musterte Svensson von oben bis unten. Dabei raunte seine Reibeisenstimme: "Groß biste geworden, mein lieber Schwan! Ick seh Dir immer noch mit den anderen Lausejungens aus der Nachbarschaft auf der Straße Räuber und Gendarm spielen. Und Du warst immer der Gendarm und hast alle Räuber zu fassen gekriegt, egal wo sie sich auch immer vor Deinem Zugriff versteckt hatten. Mensch Junge, wie schnell doch die Zeit vergangen ist! Nun siehste ganz schön alt aus und könntest glatt als mein Bruder durchgehn. Aber vielleicht entsteht der Eindruck auch nur, weil Du Dich mit so jungen Damen und Herren umgeben tust?! Willste mir die drei Jugendfreunde in Deinem Schlepptau nicht mal langsam vorstellen, Lucky Luke?!". Svensson, der erst allmählich wieder zu Puste kam, nickte kurz und eröffnete dann die Begrüßungsrunde: "Also, die jungen Männer heißen Tim und ...". Onkel Fritz fiel seinem Neffen ins Wort: "Struppi, wa?! Angenehm! Hast aber auch eine ganz schön zerzauste Mähne, Struwelpeter!". Damit ließ er seine rauhen Finger durch Derriks Haar fahren. Der entzog sich dem Zugriff des stürmischen Rentners, und strich seine Haarpracht wieder notdürftig glatt. Und während Lukas nun begann, das sprachliche Hin und Her zwischen berlinerisch angehauchtem Deutsch und klassischem Englisch möglichst simultan zu dolmetschen, streckte Derrik dem alten Mann ein wenig verunsichert die Hand entgegen: "Crawler heiße ich, Derrik Crawler, wenn es recht ist?! Und ich nehme an, ich habe die Ehre mit Herrn Salomon?! Fritz Salomon, wenn ich mich recht entsinne?!". Der Onkel schüttelte sowohl die Hand des Jünglings als - bei der promten, recht wortgetreuen Übersetzung seines Neffen - auch seinen eigenen Kopf: "Man, wo haste denn den feinen Pinkel aufgegabelt. Hat die Ehre und entsinnt sich recht! Den Krauler und das Salomon kannste gleich stecken lassen, Bürschchen. Ick bin der Fritz, und Du bist also der Rick!". Crawler schüttelte ein wenig eingeschnappt den Kopf: "Nicht der Rick, Derrik!". Aber Onkel Fritz winkte nur müde ab: "Na meinetwegen auch Derrick. Klingt zwar wie so ein Kriminaler aus der Flimmerkiste, aber wenn es Dir glücklich machen tut. Was mir jetzt viel mehr interessiert, ist, wer die scharfe Braut da ist, die sich im Rücken von Dir und Tiny-Tim verstecken tut. Komm ruhig näher, Mädchen, ick beiße nich! Außer man tut mir ganz lieb drum bitten!". Yelena drängelte ein wenig verlegen sich zwischen Tim und Derrik durch, während Lukas sie seinem Onkel bereits vorzustellen begann: "Das ist sie ... meine Yelena, von der ich Dir schon im letzten Brief geschrieben hab. Die Frau, die in Kürze meine Frau werden soll!". Onkel Fritz hatte inzwischen Yelenas zittrige Hand ergriffen und schüttelte sie, daß der gesamte an ihr befindliche Frauenkörper vibrierte. Dazu säuselte er: "Na, Menschenskinder! Was für ein Zuckerschneckchen! Lucky Luke, ick sehe, Du verstehst nich nur was von 1A Scotch, sondern auch von ausgesprochen schnuckligen Frauen! Na, genug Süßholz geraspelt fürs Erste. Und nun mal nischt wie rein in die gute Stube" ...

Am Holztisch in der kleinen Küchennische von Onkel Fritz' Zweizimmerwohnung kam man bei Malzkaffee und Kuchen rasch ins Gespräch. Das merkwürdige Getränk, welches Fritz - zur Belustigung seiner englischsprachigen Gäste - immer wieder als Muckefuck anpries, war mit seinem bitteren Geschmack und dem pelzigen Gefühl, welches sein Erstgenuß auf der Zunge hinterließ, sicher ein wenig gewöhnungsbedürftig. Aber mit einem Stück puddinggefüllten Liebesknochen ließ sich das schnell wieder ausgleichen. Lukas erzählte seinem Onkel von der abenteuerlichen Reise und von den Spuren des verschollenen Bernsteinzimmers, welche allesamt immer wieder bei einem Mann namens Röder alias Rohde zusammenzulaufen schienen. Er bat Timmy, seinem Onkel einmal das Bild des Mannes zu zeigen. Sein Schützling klappte den Laptop auf und präsentierte innerhalb weniger Sekunden den entsprechenden Bildschirmausdruck. Onkel Fritz angelte seine Brille vom Küchenschrank und starrte einige Sekunden gebannt auf den Monitor. Dann nickte er und sprach: "Und ob ick die Visage kenne! Aber der Kerl heißt weder Röder noch Rohde, der hieß Klops und den haben schon anno 1947 die Würmer zu fressen angefangen!". Damit lief er aufgeregt in seine kleine Wohnstube, von wo er wenige Minuten später mit einem dicken alten Fotoalbum in Händen zurückkehrte. Er schlug eine der mittleren Seiten auf und deutete mit dem Zeigefinger auf eine vergilbte Schwarz-Weiß-Fotografie, die ein Pferdegespann zeigte, neben dem ein Mann in Arbeitskluft lief. Das Gesicht des Mannes auf dem Foto ähnelte dem des Alfred Rohde wie ein Ei dem anderen. Auf dem im Album eingeklebten Foto aber stand am weißgezackten Bildrand in einer merkwürdig verschnörkelten Schreibschrift etwas, was Lukas beim besten Willen nicht entziffern konnte. Und so bat er seinen Onkel, ihm den handschriftlichen Vermerk vorzulesen. Fritz Salomon aber meinte nur lachend: "Ach das ist nichts. Nur eine Widmung in Sütterlin, altdeutscher Schreibschrift eben: Zur Erinnerung an Fredy Klops für Stutenfriedel. Klops hat mich immer so genannt, weil ich ja eigentlich Friedrich heiße und mal ein Gestüt hatte". Dem Svenssonvierer standen durchgehend die Münder offen. Da fragten sie sich schon seit der Entdeckung der blutigen Bildinschrift, was es mit diesem merkwürdigen Stutenfriedel auf sich habe, und dann saßen sie ihm hier in einer kleinen, unscheinbaren Berliner Mietswohnung plötzlich von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Fritz nahm derweil wieder Platz und begann nichtsahnend zu erzählen: "Mal nachdenken: Mein erstes Zusammentreffen mit diesem Klops?! Also, das muß Ende Januar 1946 gewesen sein. Deine Eltern, ick und meine Minna - Gott hab sie selig - hausten damals schon ein paar Monate lang in einer alten Scheune in dem kleinen Dorf Beetz nordöstlich von hier. Eines Abends traf so ein maulfauler Kerl in Begleitung von zwei jüngeren Burschen mitsamt drei großen Pferdewagen ein. Auf jedem der Wagen aber lagen zwei große, schwere Kisten - fortlaufend durchnummeriert. Und überall waren Adolfs Pleitegeier sowie die Schriftzüge "Geheime Reichssache" und "BSZ" draufgestempelt. Der Schweigsame hatte die merkwürdige Ladung zwar notdürftig mit Dachpappe abgedeckt, aber was meinereiner war, den machte die Geheimnistuerei des Neuen natürlich erst recht neugierig. Wie ick den Typ darauf ansprach, wurde der richtig wütend und drohte mich Prügel an. Das hab ick mir nich zweimal sagen lassen und hab ihm dermaßen das Fell versohlt, daß er tagelang kaum kriechen konnte. Mein Mut und meine Schlagfertigkeit müssen dem Spinner irgendwie imponiert haben. Jedenfalls hat er sich mir als Fredy Klops aus Königsberg vorgestellt. Ick hab ihm erzählt, daß ick bis zu meiner Flucht einen Kilometer außerhalb von Königsberg ein Gestüt hatte, worauf er mir anvertraute, daß er in ein paar Tagen vorhätte, weiterzuziehen in die Reichshauptstadt. Und er könne nach dem Ausfall eines seiner Begleiter noch einen zuverlässigen, kampferprobten Burschen wie mich brauchen. Da ick auch selber schon mit dem Gedanken gespielt hatte, nach Berlin überzusiedeln, um da mein Glück zu versuchen, schlug ick ein. Zwei Tage später sind wir vorm ersten Hahneschrei in der Dämmerung losgezogen. Im Kremmener Luch - einem nahegelegenen sumpfigen Landstrich - schlossen sich uns 8 weitere jungsche Kerls mit nochmals 9 Pferdewagen im Schlepp an. Gemeinsam zogen wir in einem fünftägigen Gewaltmarsch bis an die Berliner Stadtgrenze. Hier erst weihte mir Klops in seinen Plan ein. Er behauptete, in den insgesamt 24 schweren Holzkisten auf den 12 Pferdewagen befinde sich ein extrem gefährlicher chemischer Kampfstoff - eine Art neue Wunderwaffe des Führers, hergestellt Ende 1944 im sogenannten Bayrischen Seuchen-Zentrum BSZ, einer getarnten Giftgas-Forschungsanlage. Das tödliche Zeugs dürfe weder den Russen oder den Amis, noch den Tommys - ganz zu schweigen von den Franzmännern - in die Hände fallen, und müsse daher unbedingt für alle Zeiten unauffindbar verschwinden. Klops behauptete weiter, er kenne im Herzen Berlins - unter dem Stadtschloß - eine Art unterirdische Höhle, die über einen U-Bahn-Nebenschacht vom Bahnhof Hausvogteiplatz aus zu betreten sei. Bei Nacht und Nebel setzten wir uns mit den Wagen in Richtung Stadtmitte in Bewegung. Wir mußten dabei äußerst vorsichtig sein, um keiner alliierten Streife ins Netz zu gehen. Gegen 3 Uhr morgens waren wir am U-Bahnhof angelangt und begannen, die Kisten durch das Labyrinth unterirdischer Gänge an den vorgesehenen Bestimmungsort zu schaffen. Die verfluchten Kisten waren so schwer, daß man sie mit jeweils 3 Mann schleppen und unterwegs ständig absetzen mußte. So dauerte die ganze Aktion - trotz unseres ununterbrochenem Rein und Raus - bis gegen 5.45 Uhr in der Früh. Klops ließ uns anschließend alle 11 im Schacht neben der Höhle antreten und verteilte Schnaps. Apropos Schnaps, meine Lieben ...".

Mit diesen Worten griff Onkel Fritz zur Verwunderung seiner Besucher zu einer auf dem Küchenschrank stehenden Flasche mit Klarem und fischte dazu fünf Gläser aus dem Regal. Dem Brotkasten entlockte er außerdem vier Bierflaschen, die er mit geübter Hand mittels Flaschenöffner von ihren Kronkorken befreite. Und Yelena zuzwinkernd meinte er: "Für die Dame hab ick da noch ganz was Edles in petto. Für so wichtige Anlässe wie den hier wartet nämlich im Kühlschrank noch eine halbe Pulle Rosenthaler Kadarka, ein ganz ein lieblicher Roter". Dazu stellte er ihr freudestrahlend ein Sektglas vor die Nase. Und während Yelena den edlen Tropfen samt Weinflasche seinem eisigen Gefängnis entriß, baute der Hausherr vor Lukas, Tim und Derrik je eine enthauptete Bierflasche und ein Schapsglas auf, welches er zuvor randvoll mit 40 prozentigem Inhalt befüllte. Dann rieb er sich die Hände und meinte: "Für jeden der Herren eine Molle und ein Korn, wie es sich gehören tut! Und für die Dame einen Rebensaft, teure Yelena. In diesem Sinne: Prost allerseits! Zum Wohl! Cherio und Na zdarowje!". Yelena nippte vorsichtig an ihren Eiswein, während Fritz, Lukas und Tim erst ihre Schnapsgläser leerten, um sich dann dem zimmertemperierten Bier zuzuwenden. Nur Derrik machte ein angeekeltes Gesicht, während seine Nase allein beim Anblick des Alkohols wild zu zucken begann. Er schob sein Schapsglas von sich weg, was dem aufmerksamen Gastgeber natürlich nicht lange verborgen blieb. Onkel Fritz blickte ein wenig mürrisch auf den Abtrünnigen, der aber fand flugs eine Ausrede für seine deutlich zur Schau gestellte Abstinenz: "Ich muß noch fahren, Fritz. Wir sind nämlich mit dem Auto hier!". Tim Hackerman zwinkerte Onkel Fritz zu und berichtigte: "Nun, Auto ist wohl etwas übertrieben. Was Derrik - der übrigens keine Promille verträgt - meinte, ist unsere zweifarbige Pappschachtel auf vier Rädern". Onkel Fritz verstand die etwas abfällige Andeutung des Svensson-Schützlings: "Oh, junger Freund, nischt gegen den guten ollen Trabi. Noch bis vor wenigen Jahren nannte ick selber einen himmelblauen Ableger jener ostdeutschen Erfolgsreihe mein Eigen. Was hingegen unseren anonymen Antialkoholiker angeht: Da ist auch noch eine Milch im Kühlschrank, sogar fettarm, wenns beliebt! Den Trabi kannst Du aber trotzdem stehen lassen, in unserer kleinen Weltstadt kommt man mit Bus und Bahn nämlich eh schneller zum Ziel. Apropos Ziel! Da fällt mir ein, ick war ja mit meiner Geschichte vorhin noch gar nich am Ende angelangt: Der Klops hatte uns also alle versammelt, als er mir plötzlich aus heiterem Himmel befahl, schonmal vorzugehen und am U-Bahneingang nach dem Rechten zu sehen. Schließlich wolle er nicht, daß die bisher so glatt verlaufene Aktion noch 5 vor 12 daran scheitere, daß man uns beim Verlassen des U-Bahnhofs erwischt. Auch wenn ick den Sinn nich wirklich kapierte, tat ick, wie mir geheißen und stand draußen Schmiere. Es waren etwa 5 Minuten vergangen. Auf dem Platz rund um den U-Bahneingang herum war weit und breit keene Menschenseele zu sehn. Ick wollte also wieder zurück in den U-Bahnhof, als ein gewaltiger Rumms die Erde erbeben ließ. Kurz danach gab es noch einen zweiten Knall. Aus dem U-Bahnschacht aber stiegen vom selben Moment an minutenlang dicke Staubwolken hoch. Als sich die staubigen Nebel lichteten, bin ick wieder runter in den Bahnhof. Aber der Zugang zum Nebenschacht war komplett verschüttet. Ick hab noch eine halbe Ewigkeit nach Klops und den andern gerufen, ohne daß irgendwas zu hören war. Als ick wieder nach oben kam, war es schon taghell draußen. Am nächsten Tag bin ick zur Alliierten Stadtverwaltung gegangen und hab Fredy Klops und meine 10 Mitstreiter, deren Nachnamen ick nich mal kannte, als vermißt gemeldet. Ende der fuffziger Jahre bekam ick dann Nachricht, daß Klops nie wieder aufgetaucht sei und deshalb von Amts wegen mit Stempel und Unterschrift für tot erklärt würde. Aus die Maus!". Lukas nickte: "Und damit schließt sich die Lücke. Fredy Klops alias Alfred Rohde, der nach seinem vorgetäuschten Tod Ende 1945 mitsamt den Bernsteinzimmerkisten von Königsberg in Richtung Westen aufbrach, inszenierte nach dem Verstecken seines geliebten Schatzes seinen Tod, um wenig später mit neuen Papieren als Alfred Röder im Westen Deutschlands putzmunter wieder aufzutauchen. Vermutlich wollte er warten, bis Gras über die Sache mit dem verschwundenen Bernsteinzimmer gewachsen war, um die Kisten dann wieder aus dem Versteck zu holen. Leider kam ihm dabei aber die Sache mit der Tötung Falschmüntzers dazwischen. Er geriet ins Gefängnis und verstarb dort. Um sein Geheimnis nicht mit ins Grab zu nehmen, hinterließ er mit seinem Blut auf dem Bild seines Zellengenossen den Namen des einzigen noch lebenden Mitwissers um das Versteck des Bernsteinzimmers - Stutenfriedel aus Königsberg. Verstehst Du, Onkelchen, Du bist der Schlüssel zum Bernsteinzimmer. Und in den 24 geheimnisvollen Kisten mit der Aufschrift BSZ ist nichts anderes als die komplette Bernsteinvertäfelung enthalten. Also, worauf warten wir noch?! Laßt uns endlich aufbrechen und den Schatz heben!".

Timmy holte in diesem Moment aufgeregt sein Handy aus der Tasche und gab zu bedenken: "Ist es nicht an der Zeit, daß wir Mister Freakadelly in unsere Erkenntnisse einweihen. Wenn wir in ein paar Stunden tatsächlich im Besitz des jahrzehntelang verschollenen Bernsteinzimmers sein sollten, so wird das schließlich weitreichende Konsequenzen von internationlem Ausmaß mit sich bringen. Das Ganze ist dann sicher rasch eine Nummer zu groß für uns allein, oder?!". Derrik Crawler, den Svenssons Tatendrang angesteckt zu haben schien, winkte nur müde ab: "Ach, Du Angsthäschen! Über die Einbeziehung des Yard können wir immer noch nachdenken, wenn wir die Kisten erstmal gefunden haben. Außerdem hat der alte Knabe Freakadelly im Moment eh genug um die Ohren - die bevorstehende Scheidung seiner einzigen Tochter von diesem Egomanen Wannabe und seine Pläne für einen vorzeitigen Ruhestand zum Beispiel. Ne Jungs, ich schlag vor, wir machen uns erstmal allein auf Schatzsuche!". Lukas Svensson runzelte die Stirn: "Halt Derrik, ich glaube, Timmy hat ganz recht! Es ist an der Zeit, Harold Freakadelly mit ins Boot zu holen. Allerdings wirklich nur ihn allein! Solange unklar ist, ob und wo es im Yard eine undichte Stelle gibt, können wir keinem anderen trauen. Timmy, wenn Du erlaubst, übernehme ich den Anruf?! Ich hab hier irgendwo Harrys Privatnummer notiert". Damit kramte er zielsicher aus seiner Manteltasche einen kleinen zerknüllten Notizzettel hervor. Dann ließ er sich von Tim das Handy aushändigen und wählte die aufgeschriebene Nummer. Die Mailbox meldete sich, und Lukas unterbrach die Verbindung per Knopfdruck. Dazu murmelte er: "Komisch, der gute alte Harry hat doch sein Handy sonst immer dabei". Derrik aber spottete: "Naja, vermutlich hat Dirty Harry sein Hörgerät ausgeschaltet und darum das Klingeln seiner Telefons nicht gehört!". Timmy ließ sich sein Handy zurückgeben und schüttelte dabei den Kopf: "Alles Quatsch! Ich versuchs mal bei ihm im Büro. Das ist um diese Zeit auf alle Fälle besetzt". Tim Hackerman suchte die Nummer aus seinem Kurzwahlverzeichnis heraus und wählte sie dann per Knopfdruck an. Zu seiner Verwunderung meldete sich am anderen Ende nicht die vertraute Stimme von Freakadellys Chefsekretärin Claudia Palmer, sondern das honigsüße Stimmchen einer ihm völlig Unbekannten: "New Scotland Yard. Büro des Chiefsuperintendents. Sabrina Meltstone am Apparat. Was kann ich für Sie tun?". Timmy war für einen Moment sprachlos. Ein merkwürdiges Lächeln umspielte seine Mundwinkel, die Augen rollten ganz verlegen hin und her, und seine Wangen färbten sich leicht rosa. Schließlich stotterte er ein wenig unbeholfen in sein Mobiltelefon: "Hier ist der Timmy ... der Hacker ... man. Tim Hackerman, Personalnummer 0815-007, Angestellter des Yard ... äh in der Personalabteilung ... Sabrina, was für ein entzückender Name für ein Geschöpft mit einer so sanften Stimme ... Äh, Ent ... Entschuldigung ... ich wollte ... ich wollte nicht ... also nicht Sie ... sondern ... äh den Chief ... also den Freak ... adelly ... den Boß ... naja, Sie wissen schon! Ist der nicht da?!". Einen Moment lang war es totenstill am anderen Ende. Dann meldete sich leise schluchzend das süße Stimmchen Sabrinas zurück: "Oh, Mister Hackerman. Tim. Ja, dann wissen Sie es also noch gar nicht?! Lesen Sie keine Zeitung und hören Sie keine Nachrichten?! Harold Freakadelly ist tot, ermordet worden bei einem terroristischen Sprengstoffanschlag auf der Yacht von Mister Wannabe". Tims eben noch so verzücktes Gesicht erstarrte, und entsetzt rief er ins Telefon: "Wie bitte?! Das kann doch nicht wahr sein! Ist Charles Wannabe etwa auch ...". Sabrina erriet den Gedanken ihres Gesprächspartners: "Nein, nein! Chiefsuperintendent Wannabe lebt und leitet derzeit kommissarisch das Yard sowie alle laufenden Ermittlungen. Ich selbst bin ja auch nur aushilfsweise als Chefsekretärin tätig, weil sich Miss Palmer am Tag von Mister Freakadellys Tod krank gemeldet hat. Soll ich Sie jetzt vielleicht zu Mister Wannabe durchstellen?!". Timmy überlegte einen Augenblick, dann schüttelte er den Kopf und sprach: "Nein danke, nicht nötig! Wenn ich wieder in London bin, meldete ich mich gelegentlich selbst bei Ihnen ... äh ihm. Ciao!". Entgeistert beendete er das Telefonat. Dann starrte er zu Lukas herüber und stammelte: "Tot ... Freakadelly ist tot ... ermordet ... auf Wannabes Yacht ... Und Wannabe leitet die Ermittlungen im Yard ... Mein Gott!". Eine einsame Träne lief über Tim Hackermans Wange. Lukas aber schlug ohnmächtig die Hände vors Gesicht: "Harry! Nein, nicht doch Harry! Er war doch schon so gut wie draußen, wollte nochmal ganz neu anfangen. Ein neues Leben im Ruhestand mit seiner Familie. Und nun das! Welcher Mistkerl hat ihm das nur angetan?". Yelena legte ihren Arm um den in sich zusammensinkenden Ex-Inspektor und zog ihn ganz nah zu sich heran. Derrik Crawler aber schlug mit der Faust auf den Tisch: "Schon wieder eine Bombe! So ein feiges Pack! Genau wie dieser Kowarno! Wahrscheinlich ist Ihnen der Alte irgendwie auf die Schliche gekommen und wollte einen der Terrorbrüder zur Rede stellen. Und bestimmt sind die Dreckskerle jetzt auch schon hinter dem Bernsteinzimmer und damit auch hinter uns her. Und was Wannabe als neuen Yardchef angeht, den können wir ja wohl kaum ins Vertrauen ziehen, oder?! Also ist es am Ende doch an uns, den Schatz allein zu bergen. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren! Also los jetzt!".

Onkel Fritz zügelte den Tatendrang des abenteuerlustigen Inspektors, indem er ihn am Ärmel seiner Jacke packte und dabei ganz entschlossen entgegnete: "Nun mal langsam mit die jungen Pferde! Gut Ding will Weile haben. Erstmal sollten wir in aller Ruhe das Gelände sondieren, um dann zu nächtlicher Stunde möglichst unbemerkt zum Schatz vorzudringen. Also, Mädels und Jungs, was haltet Ihr zur Ablenkung und Aufmunterung von ein wenig Sightseeing. Ick zeig Euch mal ein bißchen was von mein Berlin. Und anfangen tun wir mit dem Naheliegendsten von allem - einem Bauwerk, in dem vor etwa 20 Jahren ein Volk aufstand und damit eine friedlich-revolutionäre Lawine in Bewegung setzte, die weltweit ihresgleichen sucht und letztlich die olle Berliner Mauer zu Fall brachte - der Gethsemanekirche". Lukas und Tim nickten nur stumm. Eine Viertelstunde später standen alle bereits am Westportal des - alles in seiner Umgebung überragenden - Kirchenbaus, unmittelbar vor einer großen Jesusstatue. Onkel Fritz gab dazu mit stolzgeschwellter Brust den geschichtsbewanderten Reiseführer: "Der Segnende Christus aus der ehemaligen Versöhnungskirche, die mitten im Mauerstreifen stand und Anfang 1985 von den DDR-Grenztruppen gesprengt wurde, hat hier nunmehr seit 1993 seinen festen Platz". Über dem Eingang der Kirche war ein Banner befestigt, welches den Schriftzug "Wachet und Betet" trug - jene Losung Jesu, unter der an gleicher Stelle im Herbst 1989 auch die sogenannten Friedensgebete standen, von denen dann die Berliner Montagsdemos ausgingen. Eine Ausstellung im Innern zeigte anläßlich des 20.Jahrestags jener Friedlichen Revolution im Osten Deutschlands die Geschichte der Kirche als Keimzelle des breiten Protests und Treffpunkt der Bürgerbewegung in der damaligen DDR. Yelena betrachtete voller Interesse die Ausstellungsstücke jener Zeit, während sich Derrik von Onkel Fritz höchstpersönlich den Weg hinauf zur Orgel zeigen ließ. Dort angelangt nahm der junge Inspektor Crawler - zum Erstaunen des greisen Onkels - sofort inmitten der riesigen Orgelpfeifen auf dem bereitstehenden Hocker platz. Er lockerte kurz seine Finger und eröffnete dann fachmännisch das Tastenspiel, mit dem er dem ehrfürchtigen Instrument sogleich die ersten Takte der düsteren Melodie von Johann Sebastian Bachs Toccata und Fuge BWV 565 entlockte. Und während Derrik so spielte, wurden seine Augen immer größer. Man konnte förmlich erkennen, wie er mehr und mehr in die Musik eintauchte und schließlich ganz in ihr versank. Lukas und Timmy waren derweil ein paar Meter tiefer in eine angeregte Unterhaltung vertieft. Aufgeregt flüsterte der junge Hackerman: "Und Du bist Dir absolut sicher, daß er der gesuchte Verräter ist?". Lukas nickte entschlossen: "Ja, das bin ich! Dein Telefonat mit London vorhin hat nun auch meine letzten Zweifel beseitigt. Und dennoch will es mir einfach nicht in den Kopf gehen: Harold Freakadelly umzubringen, wie konnte er das nur tun?!". Timmy dachte einen Moment lang nach, dann schnipste er plötzlich mit den Fingern: "Da fällt mir gerade etwas Entscheidendes ein, was diese Frage klären könnte. Aber dazu sollten wir dann vielleicht doch lieber kurz mal nach draußen gehen". Und mit einem etwas mürrischen Blick hinauf zur Orgel ergänzte er: "Hier drin versteht man ja momentan kaum sein eigenes Wort!". Mit diesen Worten setzte er sich in Bewegung und verließ gemeinsam mit Lukas Svensson das Kirchengebäude durchs Westportal.

Im weit entfernten London saß etwa zeitgleich die Ehefrau Charles Wannabes - ganz in schwarz gekleidet - vor dem prunkvollen Spiegeltisch im kleinen Salon ihres Hauses und machte sich zurecht. In diesem Moment begann das Handy auf ihrem Schminktisch zu vibrieren. Die blonde Frau mittleren Alters hob es auf und schaute auf das Display, in welchem immer wieder der Schriftzug "Unbekannter Anrufer" aufblinkte. Neugierig drückte sie die grüne Sprechtaste und führte das Telefon an ihr Ohr. Dazu raunte sie ins Mikrofon: "Hier Janet Wannabe, wer spricht bitte?!". Am anderen Ende blieb es still, nur ein paar Verkehrsgeräusche und ein leichtes Atmen waren zu vernehmen. Energisch hakte die Angerufene nach: "Hallo, so melden Sie sich doch! Wer sind Sie und was wollen Sie von mir!". Im selben Moment kündete ein leises Piepen davon, daß der mysteriöse Anrufer aufgelegt hatte. Janet Wannabe warf einen ungläubigen Blick auf das Display, welches ihr noch einmal klipp und klar bestätigte: "Gespräch beendet". Sie schüttelte nachdenklich den Kopf. Hatte sich da einfach nur jemand verwählt? ... Ein raschelndes Geräusch im nahegelegenen Schlafzimmer riß sie in dieser Sekunde jäh aus ihren Gedanken.

In der Gethsemanekirche im Osten Berlins war Derrik Crawler derweil am Ende seines vituosen Orgelspiels angelangt. Und als sich dann in den letzten Takten noch ein paar kleine Mißtöne einschlichen, kehrte nun auch der vollkommen entrückt erscheinende Musikus wieder in die Realität zurück. Von den Besuchern der Kirchenausstellung mit stürmischem Beifall honoriert, beendete er schließlich seinen musikalischen Vortrag. Yelena, die ihm von unten aus ebenfalls applaudiert hatte, bemerkte erst jetzt die Abwesenheit von Lukas und Tim und begab sich nun auch ihrerseits zu der großen Holztür an der Westseite der Kirche. Draußen sprach derweil Lukas leise zu zu seinem Schützling: "Aber natürlich, Timmy! Das ist es! Eine Komplizin in Harold Freakadellys unmittelbarem Umfeld. Jetzt ergibt das Ganze einen Sinn. Der gute alte Harry muß dem heimtückischen Schuft wohl zu nah auf den Fersen gewesen sein. Das erfuhr dieser durch seine Informantin, und darum mußte Freakadelly sterben! Jetzt müssen wir den Verräter nur noch entlarven. Und was das angeht, hab ich auch schon einen Plan. Hör mal zu, Timmy ...". Laut knarrend öffnete sich in dieser Sekunde die Kirchentür. Yelena trat durch sie ins Freie, und sah am Fuße der Steintreppe die beiden Männer, die miteinander tuschelten. Svensson erblickte seine Angebetete, zwinkerte ihr zu und schloß sein Gespräch mit Tim flüsternd mit den Worten: "Ich sage Dir: Sobald wir den Schatz gefunden haben, wird dieser Kerl versuchen, ihn uns abzunehmen. Und dann ist er gezwungen, seine Maske fallen zu lassen". Yelena war inzwischen dicht an die Beiden herangetreten, und so standen nun alle Drei mit Lukas Svensson in der Mitte nahe der steinernen Treppe zu Füßen des Standbildes mit dem segnenden Christus. Lukas legte kurzerhand seiner Verlobten und seinem Schützling andächtig seine Hände auf die Köpfe und sprach: "Laßt mich für uns um den Segen bitten! Der Herr segne uns und behüte uns! Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig! Der Herr hebe sein Angesicht über uns und gebe uns Frieden! Amen!". In diesem Moment öffnete sich erneut die hölzerne Kircheneingangstür, und Derrik und Onkel Fritz traten heraus. Während sich Lukas' Onkel beim Schließen der Tür noch einmal bekreuzigte, stürmte Derrik bereits eilig die Stufen der Treppe herab und warf sich völlig überwältigt um den Hals Svenssons. Dabei drückte er ihm einen heftigen Schmatzer auf die linke Wange und sagte: "Oh Sir Lukas, was für ein fundamentales Erlebnis. Ich danke Dir so sehr, danke für alles! Besonders dafür, daß Du mich mit Dir genommen hast auf diese Reise!". Lukas nickte und erwiderte: "Schon gut, Derrik! Jeder Mensch verdient es, daß man ihm im Leben eine Chance gibt. Nur so kann letzten Endes jeder von uns zeigen, was wirklich in ihm steckt!". Und damit machten sich Svensson und seine Begleiter im Gefolge von Onkel Fritz auf den Weg zur nahegelegenen U-Bahn-Station Schönhauser Allee.

Auch in London traf in diesem Moment jemand seine Reisevorbereitungen. Auf dem großen, breiten Doppelbett der Eheleute Wannabe lag ein riesig anmutender Koffer, den der neue kommissarische Yardchef Charles Wannabe eilig mit Kleidungsstücken aus dem Schlafzimmerschrank bestückte. Anschließend kontrollierte er noch einmal die Funktionstüchtigkeit seiner Dienstpistole und entnahm der Nachttischschublade seinen Reisepaß, in welchem er sogleich auch die beiden Flugtickets verstaute, die bislang in der Innentasche seines Anzugjacke gesteckt hatten. Seine Frau, die dem zuvor vernommenen Rascheln nachgegangen war, betrat indes das Schlafgemach. Sie schaute der emsigen Aufbruchstimmung einen Moment lang sichtlich überrascht zu, bevor sie mit leicht vorwurfsvoller Stimme meinte: "Du hast vor zu verreisen, Charles?! Aber davon hast Du mir ja gar nichts gesagt! Ich dachte, nachdem Du die letzten drei Nächte nun doch wieder hier mit mir verbracht hast ...". Charles Wannabe unterbrach sein Tun für einen Augenblick, schaute sie etwas mitleidig an und erwiderte: "Also erstmal hab ich die letzten Nächte nicht mit Dir, sondern allenfalls neben Dir in unserem Ehebett verbracht. Und das letzendlich auch nur, weil meine Simone das Opfer eines Attentats geworden ist". Wannabes Noch-Ehefrau begann zu schluchzen: "Ja, natürlich! Deine Simone! Immer dreht sich alles nur um diese verfluchte Yacht! Und was ist mit meinem Vater?! Der ist ebenso ein Opfer dieses Attentats geworden. Aber an ihn verschwendest Du keinen Gedanken, genauso wenig wie an mich, Deine trauernde Ehefrau". Wannabe schüttelte nur müde den Kopf, während er sich mit Gewalt daran versuchte, seinen maßlos überfüllten Koffer zu schließen: "Meine Ehefrau?! Unsere Ehe besteht doch schon längst nur noch auf dem Papier - und auch dort, wenn es nach mir geht, nur noch kurze Zeit. Während unserer gemeinsamen Jahre hast Du mich nie ernstgenommen oder gar zu verstehen versucht, ständig gab es Streit um Nichtigkeiten oder weil ich nicht andauernd nach Deiner Pfeife tanzen wollte. Klar hab ich mich da mehr und mehr von Dir zurückgezogen. Und so sind wir uns am Ende nur noch fremder geworden, als wir es uns eh von Anfang an schon waren. So, und nun Schluß mit diesem sinnlosen Smalltalk. Mein Flieger wartet nicht auf mich! Ich hab jetzt im Ausland noch etwas Dringendes zu erledigen, aber wenn ich wiederkomme, dann reiche ich umgehend die Scheidung ein - versprochen! Und was Deinen Vater angeht, sein Tod tut mir natürlich sehr leid, aber er war wie ich Polizeibeamter und wußte genau, worauf er sich in seinem Job einließ. Auch mir kann bei dem, was ich jetzt vorhabe, rasch das letzte Stündlein schlagen. Und dennoch muß ein Mann tun, was ein Mann eben tun muß. Ach, sag mal, hast Du vielleicht irgendwo mein Handy gesehen?". Wannabes Frau verließ für einen Moment das Zimmer und kehrte Sekunden später mit dem vermißten Mobiltelefon Wannabes in der Hand zurück: "Du hast es gestern abend beim Nachhausekommen im Flur abgelegt, wie immer in all den vergangenen Jahren!". Bei diesen Worten entfuhr ihr ein tiefer Seufzer. Charles Wannabe aber griff nur rasch nach seinem Handy, wobei er es tunlichst vermied, ihre Hand zu berühren. Gleichzeitig murmelte er ein kaum zu verstehendes: "Ok, also dann: Danke und machs gut!". Damit stürmte er, ohne seine Frau noch eines weiteren Blicks zu würdigen, aus dem ehelichen Schlafgemach. Alles was sie noch von ihm hörte, war die hinter ihm mit lautem Knall ins Schloß fallende Wohnungstür.

Im östlichen Berlin waren Onkel Fritz und seine Begleiter derweil vor dem Bahnhofsgebäude in der Schönhauser Allee angelangt . Lukas' Onkel aber klopfte Derrik und Timmy - die vor ihm liefen, kräftig auf die Schultern - wobei er sogleich lauthals verkündete: "Jungs, kein Aufenthalt an der Schönhauser ohne eine Kostprobe von Berlins bester Currywurscht. Und die gibt es hier bei Konnopke seit 1960. Gegründet wurde das Ganze schon 30 Jahre früher von Max und Charlotte Konnopke als Bauchladen". Damit schleppte er seine Begleiter sogleich zu einem großen Metallkiosk unterhalb der U-Bahnschienen, wo er auf die Schnelle fünf Currywürste mit Brötchen orderte. Die Dame mittleren Alters hinter der Theke zwinkerte Lukas' Onkel auffällig zu: "Na Fritze, meen Jutester, wen haste mir denn da anjeschleppt. Doch nich etwa Deine Verwandschft aus Übersee, oder wat?! Na wenn det so is, denn wolln wa unsere Jäste mal zeijen, wat sone richtje Körriewurscht is! Bittesehr, die Lädies und Jentelmänn, fünfmal Wurscht-Max mit backfrische Charlotten-Börger, jemeenhin och Schrippen jenannt!". Sichtlich begeistert ließen sich Svensson und Co die heiße Ware schmecken und stiefelten dann gestärkt die Stufen zum U-Bahnhof hinauf. Dort besorgte Onkel Fritz am Automaten noch rasch die U-Bahn-Tickets für alle. Und während unsere fünf Freunde gerade auf den Zug in Richtung Alexanderplatz warteten, wurde Lukas plötzlich von einem älteren Herrn mit gestreifetem Anzug, ebensolcher Krawatte und Filzhut - alles ganz in schwarz - angesprochen. Der langhaarige Typ formte mit seinen blassen Lippen einen Schmollmund und säuselte dann: "Hallöchen! Entschuldige Du, ist das der Sonderzug nach Pankow? Keine Panik, mein Orchester und ich, der kleine Udo, haben da nämlich so eine Art Auftritt, weißte?!". Svensson betrachtete den Uralt-Punkrocker mit prüfendem Blick von oben bis unten, dann entgegnete er kopfschüttelnd: "Ich glaube, der Zug ist schon vor einiger Zeit abgefahren, aber keine Angst! Sie wissen ja, mein Freund: Hinterm Horizont gehts weiter!". Der Langmähnige schüttelte dem Ex-Inspektor die Hand und griff sich dabei mit der anderen an die Hutkrempe: "Geiler Slogan, Du! Macht sich übrigens auch supi als Songtitel! Tschüssi und alles Gute, ich muß jetz mal eben weg, die eingestaubte Deutsche Musikszene ein bißchen aufmischen, nä!". Damit schlenderte er leise vor sich her trällernd lässig den Bahnsteig entlang, während Lukas, Yelena, Fritz, Derrik und Tim in den soeben eingefahrenen Zug einstiegen.

Am Alex - dem zentralen Platz im östlichen Berlin - angekommen, schlüpfte Onkel Fritz sogleich wieder in die Rolle des Reiseführers und zeigte seinen Gästen den Fernsehturm. Dazu erläuterte er: "Meine Herrschaften und die verehrte Dame, jener 365 Meter hohe Turm mit der gläsernen Kugel wird von den Berlinern aufgrund seiner Form und Funktion auch liebevoll Telespargel genannt. Wahlweise früher auch Erichs Kathedrale, weil - sehr zum Leidwesen unseres ehemaligen, atheistischen Regierungschefs - sich in seiner Kugel die einfallende Sonne in Form eines Kreuzes widerspiegelte". Als nächstes ging es zur Weltzeituhr, an welcher man zu jeder Tages- und Nachtzeit für jede der großen Weltstädte ablesen kann, was dort die Stunde geschlagen hat. Die fünf Reisenden umwanderten wieder und wieder das kreisrunde Bauwerk, bis jeder von ihnen schließlich eine Stadt für sich entdeckt hatte: Lukas Kaliningrad, Yelena Minsk, Onkel Fritz Berlin und Timmy das gute, alte London. Nur Derrik wußte irgendwie nicht so recht, wofür er sich entscheiden sollte, und blieb schließlich unsicher vor Moskau stehen.

Ein paar Minuten später löste sich die Reisegruppe wieder aus ihren selbstgewählten Städtepartnerschaften, um nun - von Onkel Fritz angeführt - auch den Rest der Deutschen Hauptstadt zu erkunden. Vorbei am ehemaligen Haus des Lehrers mit seiner kunstvollen Bauchbinde, dem Roten Rathaus als Regierungssitz des Berliner Senats und dem davor befindlichen Neptunbrunnen ging es - unmittelbar am Spreeufer - zu einer Baustelle der besonderen Art. Hier ließ Onkel Fritz halten und erklärte: "Auf jenem Platz stand bis vor wenigen Jahren der Palast der Republik. An der Stelle des ehemaligen Berliner Stadtschlosses errichtet und wegen seiner verschwenderischen Beleuchtung auch als Erichs Lampenladen betitelt, war das Ganze als Prestigeobjekt der damaligen DDR gedacht. Ein sozialistisches Schloß sozusagen als weltweites Aushängeschild für König Erich I. und letzten und seine holde Gemalin Margot. Nach der Wende stellte sich heraus, daß der ganze noble Schuppen asbestverseucht war und abgerissen werden mußte, was vor einiger Zeit dann auch geschah. Und heutigen Tages wird hier schon wieder eifrig gebaut, um so zügig den mehrheitlich beschlossenen Wiederaufbau des historischen Stadtschlosses voranzutreiben. Für uns, meine Lieben, ist dieser Baugrund insofern interessant, als das genau darunter jene Gemäuer liegen, in denen der Königsberger Klops und ich seinerzeit die 24 Kisten einlagerten". Damit führte Onkel Fritz Lukas und seine Begleiter weiter zur nahegelegenen U-Bahnstation Hausvogteiplatz, vor deren Zugang er verkündete: "Hier sind wir damals eingestiegen. Und hier werden wir auch heute nacht wieder unter Tage gehen, um zum Versteck der Kisten vorzudringen. Gegen 1 Uhr fährt hier die letzte U-Bahn ab. Bis kurz vor halb 5 Uhr ruht dann der Bahnverkehr. Diese Zeit bleibt uns für unser Vorhaben. Das nötige Werkzeug finden wir gegebenenfalls sicher im U-Bahn-Tunnel". Lukas Svensson schaute bei den Ausführungen seines Onkels auf seine Taschenuhr. Es war inzwischen genau 17.32 Uhr, und die Sonne schickte sich langsam an unterzugehen. Genug Zeit also noch, die Berlintour fortzusetzen. Und so ging es auf der Straße Unter den Linden vorbei am Museum für Deutsche Geschichte - dem ehemaligen Zeughaus - zur Neuen Wache mit dem Mahnmal für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Im Innern des Gebäudes fiel Lukas Svensson im Angesicht der dort aufgestellten Kopie der Käthe-Kollwitz-Skulptur "Mutter mit totem Sohn" spontan auf die Knie. Er gedachte in einer Schweigeminute all denen, die Opfer der beiden Weltkriege, des Nationalsozialismus, des Stalinismus und der Deutschen Teilung wurden. Sein Blick fiel auf das versteinerte Antlitz der Mutter, und er mußte in diesem Moment auch an den schmerzlichen Verlust seiner Eltern denken, die er als Heranwachsender stets so schrecklich vermißt hatte. Eine Träne tropfte dabei von seiner Wange herab auf den Granitfußboden. In dieser Sekunde trat Yelena, die sich im Hintergrund gehalten hatte, zu ihrem Verlobten heran und half ihm beim Aufstehen. Arm in Arm verließen die Zwei stumm jene denkwürdige Räumlichkeit und begaben sich - unmittelbar gefolgt von Onkel Fritz, Timmy und Derrik - an der Humboldt-Universität vorbei durch das Brandenburger Tor bis hin zur Siegessäule, von der aus die römischen Siegesgöttin Victoria über die Stadt wachte. Die "Goldelse", wie sie die Berliner liebevoll nannten, strahlte und funkelte dabei im Schein der sinkenden Herbstsonne, als wolle sie ihren Besuchern aus aller Herren Länder zurufen: "Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!". Hier übernahm nun Fritz Salomon wieder die Reiseleitung, und führte seine Gäste zum Reichstag. Der Onkel tippte im Angesicht des altehrwürdigen Regierungssitzes seinem Neffen sanft auf die Schulter und sprach: "Na Junge, ick glaube, seit Deinem letzten Besuch hat sich hier in unserer Big City ganz ordentlich was getan, wie?!". Lukas aber erwiderte ein wenig verunsichert: "Ach, weißt Du, es kommt mir irgendwie so vor, als wäre ich gerade erst vor ein paar Tagen hier gewesen".

Den Rest des zur Neige gehenden Tages verbrachte das abenteuerlustige Fünfergespann in einem der zahlreichen kleinen Caferestaurants nahe dem Bahnhof Friedrichsstraße mit einem ausgedehnten Abendmahl. Sie aßen, tranken und erzählten sich ausgiebig all ihre kleinen und großen Lebensgeschichten. Dabei kam man in geselliger Runde schließlich auch auf die kleinen Geheimnisse zu sprechen, die jeder der Anwesenden so hatte. Yelena, die nach drei Gläsern Weißwein schon ein wenig beschwipst war, buffte dabei Fritz kräftig in die Seite und lallte: "Na komm schon, Onkelchen, Du doch sicher auch etwas haben, was sonst keiner wissen von Dir, oder?!". Onkel Fritz dachte einen Moment lang angestrengt nach, dann nickte er: "Naja gut, jetzt wo Du schon fast zu unserer Familie gehörst, kann ich's Dir ja verraten. Ich hab da noch einen zweiten Vornamen väterlicherseits. In meiner Geburtsurkunde bin ich nämlich als Friedrich Wilhelm Salomon aufgeführt. Aber außer meiner seligen Minna - die mich, wenn wir unter uns waren, immer Willi nannte - wußte das bis jetzt keiner". Yelena schüttelte den Kopf: "Kerle! Immer das Gleiche! Mein Ex genauso gewesen! Auch ständig ein Riesengeheimnis um seinen zweiten Vornamen haben gemacht. Nur seine engsten Vertrauten gewußt, daß er von Vaterseite aus nochmal gleiches Vornamen getragen haben. Er immer sein - ihm als Kind prügelndes - Erzeuger nur Iwan der Schreckliche genannt haben". Onkel Fritz kratzte sich nachdenklich am Kopf, dann meinte er: "Nun ja, wie dem auch sei, meinen zweiten Vornamen kannte jedenfalls bis eben noch nicht mal mein Lieblingsneffe hier". Damit deutete er augenzwinkernd auf Lukas. Der hatte den Worten seines Onkels allerdings gar nicht zugehört, da er noch immer niedergeschlagen und fassungslos war, was die Nachricht von der Ermordung seines früheren Vorgesetzten und Freundes Harold Freakadelly betraf. Onkel Fritz, der das erst jetzt bemerkte, versuchte einmal mehr, die Stimmung wieder aufzulockern. Mit einem Faustschlag auf den Tisch verschaffte er sich kurzerhand die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Gäste und sprach: "Was meint Ihr, die Herren?! Wie wärs mit einem kleinen Spielchen unter Freunden? Kennt Ihr Armdrücken?!". Derrik und Timmy nickten eifrig, und auch Lukas ließ sich für einen Moment von seinen trüben Gedanken ablenken und erwiderte: "Wer kennt das nicht, Onkel?". Fritz Salomon krempelte bereits den Ärmel seines weißen Oberhemds hoch und meinte siegessicher: "Na, dann mal los, Jungs! Ihr Drei gegen mich!". Derrik und Tim knöpften daraufhin milde lächelnd auch ihre Hemdsärmel auf und stellten sich nacheinander dem kräftigen Unterarm ihres hochbetagten Herausforderers. Das überhebliche Grinsen verschwand dabei rasch aus ihren Gesichtern und wich einem Ausdruck kraftvoller Anstrengung. Doch auch das nützte ihnen nichts, mit leichter Hand schickte Onkel Fritz die Arme der beiden innerhalb weniger Sekunden auf die Bretter der Holztischplatte. Lukas, der noch aus seiner Kindheit um die ungeheure Stärke seines Onkels wußte, war im Gegensatz zu seinen Jungs bei seinem Versuch von Anfang an hochkonzentriert bei der Sache. Doch nach anderthalb Minuten hielt auch sein Unterarm dem gleichbleibenden Druck seines ihm überlegenen Gegners nicht länger stand. Triumphierend erhob Fritz Salomon sein Bierglas: "Männers, es tut mich leid, aber mit meinen in langen, harten Arbeitsjahren gestählten Gliedmaßen kann nun mal keiner von Euch mithalten!".

Wieder knallte eine Faust auf die Tischplatte und brachte damit die daraufstehenden Gläser für Sekunden ins Wanken. Es war Yelena, die sich auf diese Weise - eine kräftige Schnute ziehend - zu Wort meldete: "Nö, Jungs, so das aber nicht gehen! Ihr hier Männerabend machen! Únd wo denn da bleiben Emma ... Emann ... Emanzi ... Gleichberechtigung?! Ich wollen mitspielen, ich sein starkes Mädchen! Nichts da sein mit Drei gegen Onkel Fritz - jetzt spielen Vier gegen Willi!". Demonstrativ krempelte sie den Ärmel ihres Pullovers nach oben und stellte ihr schlankes Ärmchen mit dem Ellenbogen auf dem Tisch auf. Tim, Derrik und auch Lukas standen die Münder weit offen, während Onkel Fritz anerkennend nickte und seinen Arm neben dem ihren wieder in Position brachte: "Also Mumm hat Deine Kleine, Lucky, alles, was recht ist! Na dann, zeig mal, was Du so drauf hast, Wonder Woman!". Mit leichtem Druck begann der Onkel den Wettkampf. Yelena aber spannte alle Muskeln ihres Körpers an und hielt ihm stand. Fritz erhöhte seine Anstrengungen, aber Yelenas Unterarm gab keinen Millimeter nach. Der Onkel gab noch einmal alles, doch so verbissen er sich auch bemühte, Yelena blieb eisern. Nach zwei Minuten drückte ihr stählernes Unterärmchen die gewaltige, muskelbepackte Pranke von Onkel Fritz auf die Tischplatte. Mit dem strahlenden Lächeln einer Siegerin warf Yelena beide Fäuste in die Luft und rief: "Ich sein Gewinnerin!". Und die Männer am Tisch applaudierten ihr dabei einmütig. Nur der besiegte Onkel schnaufte schulterzuckend: "Na, ick hab Dir halt gewinnen lassen, und?! Ick konnte einer schönen Frau doch noch nie nich wehtun, schon gar nich, wenn sie mir mit so großen Rehaugen anguckt wie Du, mein Mädchen!". Yelena aber erwiderte lächelnd: "Schon klar, Onkelchen! Wenn angekratztes Männerego von Dir sich besser fühlen damit?!".

Die Stimmung in der Runde blieb noch eine ganze Zeit lang recht heiter und gelöst. Gegen Mitternacht aber erhob Lukas Svensson sein halbvolles Sektglas, bat die Anwesenden um einen Moment der Stille und sprach einen Toast aus: "Meine Lieben, auf unsere Freundschaft! Liebste Yelena, auf Deine Rettung, unsere untrennbare Liebe zueinander sowie auf unsere bevorstehende Hochzeit! Und last but not least: Auf das ehrenvolle Andenken meines guten Freundes Harold Freakadelly, der leider nicht mehr unter uns weilt! Möge sein Mörder nicht ungestraft davonkommen!". Yelena, Timmy und Onkel Fritz erhoben gerührt ihre Gläser und stießen mit Lukas an. Nur Derrik, der seinen Orangensaft gerade erst ausgetrunken hatte, mußte passen und wirkte dabei ein wenig betroffen. Eine Stunde später machten sich Svensson und Co auf den hell erleuchteten, nächtlichen Straßen Berlins auf den Weg zurück zum inzwischen gewiß menschenleeren U-Bahnhof Hausvogteiplatz, wo nun ihr Abstieg in die Berliner Unterwelt beginnen sollte ...

[Wird fortgesetzt]

+++ CRIMINAL MINDS +++ DALLAS +++ CASTLE +++ DOCTOR WHO +++ 24 +++

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sven1421

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19

Samstag, 15. September 2012, 08:59

Episode 19: Überraschende Enthüllungen

Beeindruckt stand Lukas mitten auf dem großflächig angelegten Platz des Gendarmenmarktes, welcher links vom Deutschen und rechts vom Französischen Dom kunstvoll eingerahmt wurde. Vor ihm aber erhob sich mit einer gewaltigen Steintreppe das prachtvolle Gebäude des Königlichen Schauspielhauses. Hier lag ihm sozusagen die ganze Welt der hohen Bühnenkunst zu Füßen. Der Ex-Inspektor seufzte ehrfürchtig, dann machte auf dem Hacken kehrt und begab sich - festen Schrittes dem Rest seiner Truppe folgend - hinüber zum U-Bahnhof Hausvogteiplatz, gleichsam den letzten Akt der abenteuerlichen Suche nach dem verschollenen Bernsteinzimmer eröffnend.

Die Taschenuhr des Ex-Inspektors zeigte exakt 1 Uhr und 24 Minuten, als er den Eingang zum unterirdischen Bahnhof erreichte. Yelena, die der Männerriege schon ein paar Schritte vorausgeeilt war, blieb zu seinem Erstaunen nun recht unvermittelt vor dessen Treppe stehen und rief: "Verdammt! So ein Mist!". Damit tippelte sie aufgeregt die Treppenstufen hinunter und rüttelte kräftig an dem verschlossenen, gußeisernen Gittertor, welches vor ihr den Zugang zu den Bahnsteigen versperrte. Lukas Svensson, der inzwischen ebenso wie die anderen drei Herren der Schöpfung oben an der Treppe eingetroffen war, faßte sich an die kahle Stirn und raunte: "Daran haben wir natürlich nicht gedacht, daß der Bahnhof hier während der Nachtstunden abgesperrt wird. Scheint so, als sei unsere Mission schon gescheitert, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat". In diesem Moment kam Derrik mit einem ziemlich ungewöhnlichen Vorschlag: "Ich hab da doch noch die zwei Handgranaten in meiner Jacke. Vielleicht können wir uns den Zugang ja freisprengen?!". Und während Lukas Svensson nur bedächtig sein Haupt schüttelte, bemerkte Timmy sarkastisch: "Klar, Du Einfallspinsel, und damit holen wir dann erstmal halb Berlin aus den Betten und sichern uns ganz nebenbei ein lauschiges Nachtquartier auf der nächsten Polizeiwache! Nein, mein Lieber, laß mal stecken!". Onkel Fritz, ein Liebhaber alter Krimifilme, meinte derweil - während er Yelena anschaute: "Ja, wenn wir jetzt ein paar Haarnadeln hätten! Du hast nich zufällig ein paar dabei, Kleines!". Die Befragte aber schüttelte bedauernd den Kopf. Stattdessen meldete sich nun wieder Timmy zu Wort: "Im Notfall geht ja vielleicht auch sowas hier!". Damit präsentierte er den Anderen freudestrahlend ein ganzes Bund mit verschiedengroßen Dietrichen, welches er zuvor aus seiner Hosentasche hervorgeholt hatte. Und dem allseitigen Erstaunen Rechnung zollend, ergänzte er rasch: "Manchmal vergeß ich auf Arbeit meinen Wohnungsschlüssel. Dann brauch ich den Zweitschlüssel, den ich bei uns im Keller hinter einer der Waschmaschinen versteckt hab. Um aber in den ebenfalls verschlossenen Keller zu gelangen, benötige ich wiederum ...". Derrik Crawler unterbrach den Redefluß seines Nebenmann schroff: "Soll das jetzt eine abendfüllende Geschichte werden, Timothy?! Vielleicht darf ich Dich daran erinnern, daß wir nur begrenzt Zeit haben für unsere Schatzsuche. Also quatsch hier keine Opern, sondern mach endlich das verdammte Tor auf!". Leicht eingeschnappt kam Tim Hackerman der Aufforderung des Inspektors nach und öffnete in Sekundenschnelle das Schloß. Leise knarrend gewährte das Tor dem Svensson-Quintett endlich den heißersehnten Zugang zu Berlins düsterer Unterwelt. Yelena wollte den verwaisten Bahnsteig gerade als Erste betreten, als sie Lukas am Arm packte und zurückhielt. Dazu sprach er: "Ich glaube, es ist besser, wenn Du hier auf uns wartest und Wache schiebst, Liebes. Nach allem, was Du gerade erst durchgemacht hast, möcht ich Dich nicht schon wieder in Gefahr sehen. Das verstehst Du doch hoffentlich, ja?!". Yelena zögerte einen Moment, dann aber lenkte sie kopfnickend ein. Lukas streichelte ihr noch einmal sanft übers Gesicht, dann kramte er zum Abschied die Taschenlampe aus seinem Regenmantel hervor, machte sie an und reichte sie an seinen Onkel weiter. Gleichzeitig bat er Timmy um die - in dessen Jacke verstaute - Pistole, die einstmals Iwan Kowarno gehört hatte und mit der Derrik dessen Leben vor einigen Tagen so plötzlich beendete. Der Ex-Inspektor blickte einen Moment stumm erst auf Timmy, dann auf das Schießeisen. Schließlich übergab er die Pistole Derrik mit den Worten: "Nur falls uns da drinnen etwas Unvorhergesehenes passieren sollte. Du hast ja schon bewiesen, daß Du das Ding im Ernstfall zu benutzen verstehst!"

Unter der Führung des alten Fritz drangen die vier Männer, dem Lichtkegel ihrer Lampe folgend, langsam auf den Bahnsteig vor, von dem sie sich kurze Zeit später beherzten Sprunges auf die Schienen begaben und sich dann immer weiter ins Tunnelinnere der U-Bahn-Gleisanlage vorwagten. Sie liefen so einige hundert Meter, bis Onkel Fritz schließlich an einer rostigen Eisentür Halt machte. Wieder waren Tims Dietriche gefragt, und schon ging es weiter in einen der vielen unterirdischen Seitenschächte. Ein paar Mäuse und Ratten gesellten sich zu dem abenteuerlustigen Männerverein, der schließlich vor einem riesigen Haufen aus Schutt und Geröll erneut zum Stehen kam. Und Onkel Fritz erklärte seinen Begleitern: "Hier befand sich damals der Zugang zu jenem Gemäuer, wo der Klops und ich die Kisten abgestellt haben. Aber wie Ihr seht, ist da kein Durchkommen mehr. Und was nun?". Sein Neffe besah sich die Geröllmassen ganz genau und verkündete dann: "Jungs, ich hab da einen Plan! Der Zugang hier ist versperrt. Bei der von Dir geschilderten Explosion anno 1946 ist er komplett verschüttet worden, soviel steht fest. Wie wir aber wissen, ist Röder damals dennoch auf irgendeinem Wege dem somit scheinbar unzugänglich gemachten Versteck der Kisten entkommen. Ich vermute mal, es gibt noch einen zweiten Zugang, irgendwo hier ganz in der Nähe. Und genau den suchen wir jetzt!". Tim und Derrik nickten eifrig, während Onkel Fritz zugleich einen anerkennenden Pfiff ausstieß: "Mächtig gewaltig, Lukas! Darauf muß man erst mal kommen. Eine Kombinationsgabe hat der Junge wie Nick Knatterton höchstpersönlich! Na dann mal ausgeschwärmt, Ihr Schatzsucher!". Die vier Männer verteilten sich daraufhin im Dunkel in alle vier Himmelsrichtungen. Es dauerte einige Minuten, bis plötzlich Timmys aufgeregte Stimme zu vernehmen war: "Hey Leute, hier ist was! Ich fühle hinter dem Bretterverschlag in der Wand so eine Art schmalen Felsspalt, gerade breit genug für einen Menschen zum Durchschlüpfen". Derrik und Lukas begaben sich daraufhin vorsichtig - dem Licht der Taschenfunzel folgend - zu Onkel Fritz zurück, und gemeinsam suchten sie im fahlen Taschenlampenlicht in der Richtung, aus der sie Tims Stimme vernommen hatten. Tatsächlich fanden sie den jungen Hackerman hinter ein paar achtlos aufgestellten Brettern wieder. Derrik räumte, ohne zu zögern, die Holzansammlung zur Seite und gab damit die Sicht frei auf jene von Timmy zuvor eindrucksvoll beschriebene Felswandspalte. Nacheinander schlüpften die vier Männer vorsichtig hindurch, allen voran der Onkel mit der Lampe. Sie landeten in einer Art Höhle, bei derem Anblick es Fritz Salomon erst einmal sekundenlang die Sprache verschlug, bevor er schließlich in eine Art Jubelschrei ausbrach: "Jungs, das ist es! Das ist der Raum! Und dann müßten hier irgendwo auch die Kisten abgestellt sein". Lukas' Onkel begann vorsichtig, die Umgegend intensiv auszuleuchten. Am anderen Ende der riesigen Höhle tauchte dabei wieder jener Schuttberg auf, der auch von hier aus den Weg versperrte und an dessen anderer Seite sie bereits kurz zuvor gestanden hatten. Aus all dem Schutt und Geröll aber ragten an hier nun jede Menge große und kleine Knochen heraus und sogar ein paar menschliche Schädel. Onkel Fritz erschrak bei dem gruseligen Anblick und schluchzte: "Mein Gott, das müssen die Überreste von den anderen 11 sein, die damals mit mir und dem ollen Klops die Kisten hier runtergeschleppt haben. Der Mistkerl hat alle seine Mitwisser einfach mitsamt dem Ausgang in die Luft gejagt. Nur mir hat er gebraucht, damit ihn einer bei den Behörden als vermißt erklären kann. Ansonsten würden meine Knochen jetzt auch hier verstreut liegen". Den Onkel schüttelte es bei diesem Gedanken, und er richtete flugs den Lichtkegel zur gegenüberliegenden Höhlenwand hin aus. Und bei dem, was er und die anderen Drei dort entdeckten, fehlten nun sämtlichen mehr oder minder gestandenen Mannsbildern die Worte. Mit großen Augen starrten sie auf die vielen Holzkisten, 24 an der Zahl - allesamt mit einem großen aufgedruckten Pleitegeier und den Schriftzügen "Geheime Reichssache" sowie "BSZ" versehen. Onkel Fritz entdeckte am Boden eine rostige Brechstange, hob sie auf und öffnete damit den hölzernen Deckel einer der Kisten. Im Schein der Taschenlampe kam darin - unter den staunenden Augen der Hinzugeeilten - ein Stapel bernsteinfarbener Mosaiktafeln zum Vorschein. Zugegeben, der Zahn der Zeit und die ungünstigen Witterungsverhältnisse hier unten hatten den einst so strahlenden, kunstvoll gefertigten Tafeln ziemlich zugesetzt. Und dennoch konnte man, wenn man genau hinsah, den ehemaligen Glanz und die Schönheit des märchenhaften Wandschmuckes erahnen.

Lukas beendete schließlich seinerseits mit Freudentränen in den Augen die Phase der allgemeinen Sprachlosigkeit: "Onkel Fritz, Tim, Derrik! Wir sind am Ziel angekommen. Es ist uns gelungen, was zuvor Generationen von eifrigen Schatzsuchern und Kunstliebhabern verwehrt geblieben ist. Wir haben gemeinsam das seit Jahrzehnte verschollene, sagenumwobene Bernsteinzimmer wiederentdeckt. Unsere Aufgabe wird es nun sein, den Kunstschatz zu bergen und endlich wieder der breiten Öffentlichkeit zu übergeben. Was für ein Triumph! Und den kann uns niemand mehr nehmen ...".

Aus dem Dunkel der Höhlenlandschaft meldete sich in diesem Augenblick eine - Lukas Svensson nur allzu vertraute Stimme zu Wort: "Wenn Sie sich da mal nur nicht täuschen, mein Teuerster!". Es war kein Geringerer als Charles Wannabe, der eine Sekunde später mit der Dienstpistole im Anschlag aus dem Dunkel ins spärliche Licht trat. Onkel Fritz ließ vor Schreck die Taschenlampe fallen, die nun vom Boden aus alle Anwesenden in ein geradezu gespenstisches Licht tauchte. Im selben Augenblick taten sowohl Svensson als auch Wannabe einen Schritt aufeinander zu, wobei Lukas nun direkt neben seinem Onkel zu stehen kam. Derrik Crawler aber, der sich nahezu unbemerkt in eine der Ecken der großen Höhle zurückgezogen hatte, zückte nun seinerseits die - ihm vorher von Timmy übergebene - Pistole Kowarnos. Dann schrie er voller Entschlossenheit: "Das Spiel ist aus, Wannabe!". An dieser Stelle meldete sich auch Lukas Svensson zu Wort: "Ganz recht, das Spiel ist aus! Es ist an der Zeit, endlich die Maske des Verräters fallen zu lassen, oder?!". Die Waffe fest im Griff schaute Wannabe Svensson ein wenig mitleidig an: "Sie alter Narr glauben doch wohl nicht ernsthaft ...". Lukas Svensson verschränkte die Arme vor dem Bauch: "Daß Sie der Verräter sind, dem ich letztendlich die Verschleppung meiner Braut verdanke und der zudem auch Harold Freakadellys Leben auf dem Gewissen hat?!". Sekunden lang herrschte Stille, dann begann Lukas Svensson, deutlich sein kahles Haupt zu schütteln: "Nein! Das wissen wir Beide, denk ich mal, besser. Aber vielleicht kann uns ja Mister Crawler ein wenig mehr dazu sagen!". Onkel Fritz schaute seinen Neffen an und zog fragend die Schulterblätter nach oben: "Ich versteh kein Wort! Was ist denn hier nur los?". In Derriks Gesicht aber kehrte im selben Moment ein merkwürdig nervöses Zucken ein, und seine Augen funkelten wutentbrannt, während es aus ihm herausbrach: "Ok, Svensson! Ich hab Sie scheinbar ein wenig unterschätzt, Sie altes, seniles Schaf! Nun denn, wenn Sie es eh schon wissen ... Ja, ich hatte die Idee mit der Entführung Ihrer Herzdame, auch wenn sie all meinen Partnern - allen voran dem Genossen Kowarno - ganz gut in den Kram paßte. Zum einen ergab sich durch den enormen Kunstverstand Ihrer Yelena die Chance, mithilfe von Vorbergs Hinweisen und Kowarnos Zugang zu alten KGB-Quellen rasch auf die Spur des Bernsteinzimmers zu gelangen. Zum anderen hatte ich damit auch Sie in der Hinterhand. Denn obwohl ich Sie mit all Ihrem liebenswerten Getue noch nie leiden konnte, haben Sie während Ihrer Zeit im Yard mehr als einmal instinktiv den richtigen Riecher für die Lösung so manches kniffligen Falls bewiesen. Sie waren sozusagen meine zweite Wahl, was das Aufspüren des verschollenen Schatzes anging. Alles, was ich noch zu tun hatte, war, mich Ihnen reumütig anzubiedern, als wolle ich Sie ganz uneigennützig bei der Suche nach Yelena unterstützen. Klar haben Sie in Ihrer Einfältigkeit den Köder ohne weiteres geschluckt. Nachdem ich dann allerdings feststellen mußte, daß Kowarno sein eigenes Süppchen kochen und mich zusammen mit Ihnen in dem verdammten Bunkergefängnis in die Luft jagen wollte, hab ich den Mistkerl kurzerhand beseitigt, noch bevor er mich an Sie verraten konnte. Und mit einm Schlag waren Sie, was die Hilfe beim Aufspüren des Bernsteinzimmers anging, meine unumstrittene Nummer 1. Und, ich muß schon zugeben, Sie haben mich keineswegs enttäuscht. Hier stehe ich nun, und bin endlich im Besitz jenes Kunstschatzes, den ich schon in Kürze in Unterweltkreisen gegen ein paar Millionen Aufwandsentschädigung an den den kaufbereiten Privatmann bringen werde. Zu schade nur, daß Ihr alle hier meinem großen Triumph nicht mehr beiwohnen könnt! Euch ist doch schon irgendwie klar, daß ich keine Mitwisser brauchen kann, oder?!".

Lukas schaute grimmig zu Crawler herüber: "Das haben Sie ja mit der Ermordung Freakadellys mehr als deutlich bewiesen! Vielleicht verraten Sie uns ja noch, wen Sie da für sich die Drecksarbeit machen lassen haben?!". Derrik Crawler grinste dämonisch: "Diese Aufgabe wurde meiner Janet zuteil, meiner langjährigen Geliebten. Und sie hat sie geradezu meisterhaft gelöst, auch wenn es sie sicher einiges an Überwindung gekostet haben muß, den eigenen Vater ...". Crawler schaute gespannt zu Charles Wannabe hinüber, in dessen Gesicht mit einem Male das blanke Entsetzen einkehrte. Sichtlich zufrieden mit dem, was seine Offenbarung da auslöste, fuhr er fort: "Ja, ganz recht, Charles! Deine Frau und ich! Wir treiben es schon jahrelang hinter Deinem Rücken. Das hättest Du nicht von mir gedacht, oder?! Natürlich nicht, für Dich und all die andern Idioten im Yard war ich ja immer nur der Kaffeeholer und Laufbursche. Keiner ahnte auch nur im Geringsten, was da so alles in mir schlummerte. Nur Deine Janet, die erkannte gleich - kurz nachdem Du uns bekannt machtest - meine verborgenen Qualitäten". Das war zuviel für Wannabe. Er ballte wütend seine Fäuste und schrie: "Das ist nicht wahr! Du lügst doch, Du elender Mistkerl!". Hier meldete sich nun wieder Lukas Svensson zu Wort: "Ich fürchte, das tut er nicht, Wannabe! Crawler stand mit Ihrer Frau die ganze Zeit unserer Reise über telefonisch in Kontakt. Und er war dabei skrupellos und abgebrüht genug, ihr den verschlüsselten Mordauftrag - in dem er ihren Schwiegervater kurzerhand als Ratte abstempelte - seelenruhig im Beisein von Tim Hackerman über dessen Handy zu erteilen. Mehr noch, er war sich sogar dermaßen sicher, daß er die private Handynummer Ihrer Gattin in Tims Kurzwahlverzeichnis hinterlegte. Tim und ich haben die entsprechende Rufnummer gestern nachmittag während eines Kirchenbesuchs persönlich überprüft, und siehe da, wir hatten - für mich klar zu erkennen - Ihre sichtlich überraschte Nochehefrau am Apparat". Derrik Crawler, der den Ausführungen des Ex-Inspektors sichtlich gelassen gelauscht hatte, grinste nun dreckig in Wannabes Richtung. Er wartete noch eine Sekunde, dann setzte er seine zuvor unterbrochene Ansprache fort: "Ok, genug der schlüpfigen kleinen Details! Zurück zum Wesentlichen, nämlich zu mir und meinem Genie! Über meine private Leidenschaft für osteuropäische Autorennen kam ich mit Leuten zusammen, die mir halfen, Kontakte zu einflußreichen Kreisen in der ehemaligen Sowjetunion zu knüpfen. So traf ich vor einiger Zeit auch mit Kowarno zusammen, der mich in seine Pläne bezüglich des Bernsteinzimmers einweihte. Im Gegenzug für eine Beteiligung an der Schatzsuche bot ich ihm meine Hilfe beim Ausfindigmachen und Entführen seiner Exfrau an. Wie leicht sich die Erbringung dieser Gegenleistung gestaltete, davon war ich am Ende selbst ein wenig überrascht. Tja, und nun mach ich die liebe Yelena in wenigen Augenblicken gleich zum zweiten Mal zur Witwe, noch ehe sie überhaupt die Gelegenheit hatte, Ihre Braut zu werden, Svensson! Aber den Anfang mach ich jetzt erstmal mit jemand ganz anderem - einem kleinen angeberischen Hosenscheißer, der mir schon lang auf die Nerven geht...". Damit schritt er enschlossen auf den etwas abseits stehenden Timmy zu, umklammerte ihn mit der freien linken Hand und setzte dem Jungen mit der rechten die entsicherte Pistole an die Schläfe. Der Ex-Inspektor zeigte sich davon keineswegs beeindruckt. Stattdessen entgegnete er nur seelenruhig: "Ich glaub nicht, daß Sie Timmy oder einen anderen der hier Anwesenden erschießen werden, Crawler!". Wannabe starrte ihn entsetzt an: "Sind Sie jetzt ganz und gar meschugge, Svensson! Vernebelt Ihnen der langsam rieselnde Kalk im Hirn die klare Sicht?! Oder wird das hier wieder so ein Musterbeispiel Ihrer achso tollen Menschenkenntnis". Lukas Svensson lächelte nur mild: "Meine Überzeugung diesbezüglich hat weniger mit Menschenkenntnis zu tun, als vielmehr mit Logik. So weit ich weiß, kann man mit einem leeren Magazin niemanden erschießen, oder?!". Damit blinzelte er Timmy zu, der daraufhin vorsichtig in seine Jacke griff und zum Erstaunen Crawlers und Wannabes geräuschvoll eine Handvoll Patronen auf den staubigen Boden rieseln ließ. Entsetzt drückte Crawler auf den Abzug der Pistole in seiner Hand. Es machte Klick, aber kein Schuß löste sich. Verzweifelt wiederholte er die Prozedur ein paar Mal. Dann kramte er nervös in Timmys Jackentasche, so als hoffe er, hier noch eine weitere Patrone zu finden. Wutentbrannt ließ er schließlich die Waffe zu Boden fallen und schubste Tim Hackerman zur Seite. Kurzzeitig durchwühlten seine freigewordenen Hände nun seine eigenen Jackentaschen, und die linke zog schließlich eine der dort - seit dem Ableben Kowarnos - aufbewahrten Handgranaten hervor. Crawler umklammerte mit seinen Fingern krampfhaft deren Bügel, während er zeitgleich mithilfe seiner Zähne den Sicherungsstift herauszog. Wildentschlossen schrie er Wannabe ins Gesicht: "Wenn Sie jetzt auf mich schießen, dann sterben wir alle! Also weg mit der Waffe!". Wannabe zögerte für einen Moment. Crawler aber nutzte die sich daraus ergebende Chance, lief auf ihn zu und zerrte ihn vom Ausgang weg, so daß er strauchelte und schließlich direkt in den - sich vor ihm öffnenden - Armen Lukas Svenssons landete. Timmy versuchte noch, dem flüchtigen Crawler zu folgen. Doch der hatte die scharfgemachte Handgranate inzwischen fallen gelassen und war schnellen Fußes durch den Felsspalt nach draußen entwichen.

Tim und Lukas, die noch von der Bombendetonation im russischen Bunker her mit dem schildkrötenhaften Prinzip des "Duck & Cover" vertraut waren, gingen in Anbetracht der unmittelbar bevorstehenden Explosion sofort und nahezu gleichzeitig in die Knie und preßten dabei ihre Oberkörper fest auf den schmutzigen steinernen Untergrund. Während Tim nur seine Hände schützend über dem Kopf hielt, hatte Svensson allerdings noch instinktiv in feinster Schutzengelmanier die breiten Flügel seines Regenmantels über Wannabe und seinen Onkel Fritz ausgebreitet und Beide kurzerhand mit sich zu Boden gerissen. Im selben Augenblick gab es einen ohrenbetäubender Knall im Höhleninnern, verbunden mit einem heftigen Beben des Erdbodens. Dann herrschte geradezu bedrückende Stille. Eine dicke Staubwolke hüllte das unterirdische Gewölbe minutenlang in einen dichten gräulichen Nebel. Erst als der sich lichtete, sah man unter der angehäuften Staubschicht die Umrisse der vier leblos am Boden liegenden Gestalten. Es war Timmy, der sich als Erster wieder hochrappelte. Vorsichtig wischte er sich mit den staubfreien Innenflächen seiner Hände über die Augen und den Mund, dann entdeckte er den ausgebreiteten Mantel des Ex-Inspektors und fiel unmittelbar neben ihm erneut auf die Knie. Wild rüttelte er abwechselnd an jedem der drei darunterliegenden Männer, ohne daß sich zunächst auch nur bei einem von ihnen ein Lebenszeichen zeigte. Hüstelnd, mit Millionen feinster Staubpartikel in der Kehle, schrie er, ganz außer sich: "Oh Gott! Bitte, bitte kommt doch zu Euch!". Es war die markante Stimme Wannabes, die seiner Aufforderung nach einer gefühlten Ewigkeit schließlich als erstes nachkam: "Heulen Sie hier nicht so rum, Hackerman! Ihr mädchenhaftes Geflenne weckt ja Tote auf!". Damit löste er sich aus der Umklammerung Svenssons und richtete sich langsam wieder auf. Sorgsam tastete er seinen Körper nach möglichen Wunden ab, doch außer ein paar Schrammen schien der amtierende Yardchef völlig unversehrt. Erst als sein zufriedener Blick auf den staubbedeckten und an mehreren Stellen zerschlissenen Armani-Anzug fiel, änderte sich schlagartig sein Gesichtsausdruck, und er begann zu fluchen: "Nun schau sich das einer an! So ein verdammter Mist! Der war maßgeschneidert und nigelnagelneu. Über 500 Pfund hat mich das Schätzchen gekostet. Und meine Gucci-Treter sind auch völlig ruiniert. Wär ich bloß in London geblieben! Was hat mich nur geritten, mich freiwillig in die Katakomben dieses preußischen Dreckskaffs zu begeben?!".

Während sich nun auch Onkel Fritz nahezu unverletzt dem schützenden Zugriff seines Neffen entwand, tönte unter dessen ausgebreitetem Mantel als Antwort auf Wannabes Fluchen ein leises und dennoch recht tiefes Stimmchen: "Die reine Nächstenliebe, schätze ich mal!". Und nach einem kräftigen Nieser fügte die Stimme hinzu: "Sie sind eben ein echter Teufelskerl, Charles, mit einer beispiellosen Todesverachtung und einem sündhaft teuren Fummel am leidgeprüften Leib". Lukas Svensson erhob sich langsam niesend. Er schüttelte den Staub von seinem geliebten Schutzmantel und begann sogleich - mit beiden Händen wild kramend - den umfangreichen Inhalt seiner Taschen zu ordnen. Timmy, welcher derweil den glücklicherweise von der Detonation unversehrt gebliebenen Eingangsspalt ins Auge faßte, meinte zornig: "Dieser verfluchte Crawler! Der Mistkerl hätte uns doch tatsächlich alle hier verrecken lassen, und das, ohne mit der Wimper zu zucken. Und jetzt versucht der Feigling zu türmen, Aber nicht mit mir! Ich schnappe mir nämlich gleich mal mein Handy und dann rufen wir die ...". Seine Finger durchwühlten krampfhaft seine Jackentaschen. Dann plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: "So ein Aas! Dieser elende Verräter hat mir zu allem Übel auch noch mein geliebtes Handy geklaut. Jetzt wirds persönlich! Na warte, Bürschchen, Dich greife ich mir ...". Mit einem einzigen Satz war Tim Hackerman durch den Felsspalt verschwunden, noch ehe Lukas überhaupt die Chance gehabt hätte, ihn aufzuhalten.

Der Ex-Inspektor machte sich in Anbetracht des flüchtigen Gewalttäters Crawler zudem nun auch immer größere Sorgen um seine Yelena. Was, wenn der miese Kerl sie draußen am Ausgang überfallen und erneut als Geisel nehmen würde?! Noch einmal würde er das Ganze nicht durchstehen! Deshalb klopfte er seinem Onkel auf die verstaubten Schultern und raunte, von heftigen Niesern unterbrochen: "Onkel Fritz ... schau doch mal ... was ... was ... Yelena ... draußen macht!". Fritz Salomon, der ein paar Staubteilchen eingeatmet hatte und nun selbst kräftig zu husten begann, nickte und erwiderte: "Klar, Junge! Das mach ick doch glatt! Ick werde Deiner Yelena draußen ein wenig Gesellschaft leisten. Mit meinen mehr als 90 Lenzen sind meine Lungenflügel ja eh nicht mehr die besten. Und die gute Berliner Luft ist da für meine Gesundheit sicher förderlicher als der ganze Feinstaub hier drin!". Und mit einem kritischen Blick hinüber zu Charles Wannabe ergänzte er: "Der feine Pinkel und Du, Ihr kommt doch ohne mir klar, oder?!" Lukas nickte: "Keine Sorge, geh nur ruhig! Und hab mir ein wachsames Auge auf meine zukünftige Frau!".

Wannabe, der nun ganz allein mit Svensson zurückblieb, winkte nur müde ab: "Um Ihre Braut sollten Sie sich weit weniger Sorgen machen als um Ihre grauenhafte Stauballergie. Ihre Yelena ist draußen bei Ihrem Freund Jack eh schon in sicheren Händen". Svensson stellte für ein paar Sekunden das Niesen ein und fragte erstaunt: "Jack ist hier? Mein Freund Jack aus L.A.?". Wannabe aber schüttelte mitleidig den Kopf: "Nein, der hat nun in London mit der vorübergehenden Übernahme meines alten Postens als Leiter unserer Antiterroreinheit CI7 wahrlich Besseres zu tun, als hier mit auf Schatzsuche zu gehen. Ich meine ihren Kumpel Black Jack - den kleinen, mit allen Wassern gewaschenen Ex-Ganoven. Was seinen amerikanischen Namensvetter angeht, so hat der mich allerdings überhaupt erst auf Ihre Spur gebracht. Im Zuge meiner Ermittlungen bezüglich Freakadellys Tod und dem rätselhaften Verschwinden Ihrer Braut mitsamt ihren Entführern und dem Munchgemälde hab ich mich nämlich auch in Ihrer Wohnung umgeschaut. Keine Bange, ich hatte zwar keinen Durchsuchungsbeschluß, aber es war ja irgendwo Gefahr im Verzug. Und so eine ramponierte Wohnungstür ist ja auch schnell ersetzt, denk ich mal. Aber ich schweife ab! Auf Ihrem Anrufbeantworter - ich war übrigens erstaunt, daß sie so ein Teil überhaupt besitzen - fand ich eine Nachricht von eben jenem Jack aus L.A., der sich fragte, warum sein geschenktes Armband nebst Peilsender schon tagelang auf russischem Gebiet rumkurvte. Außerdem hinterließ er in der Nachricht seine aktuelle Handynummer, über die ich sofort Kontakt zu ihm aufnahm. Schon mit dem nächsten Flugzeug kam Ihr Freund nach London und leitete fieberhaft mit mir gemeinsam die weitere Spurensuche. Eins muß man Ihrem Ami-Agenten lassen, der hat einen siebten Sinn für Leute, die einem die richtigen Hinweise liefern können, und er weiß, wie man sie aus den Typen möglichst schnell und effektiv rauskitzelt. Mein neuer Amtsnachfolger im Yard, ein gewisser Herr Powerich, teilte uns bei unseren Nachforschungen zunächst einmal mit, daß mittels meiner CI7 Zugangsdaten in der streng vertraulichen Kowarnoakte zwei Änderungen getätigt wurden. Änderungen, die einzig und allein dazu dienten, zu verschleiern, daß seine Exfrau und Ihre zukünftige Braut ein und dieselbe Person sind. Da ich diese kriminellen Manipulationen nicht vorgenommen hatte, kamen Ihr Freund Jack und ich rasch zu dem Schluß, daß jemand aus dem Umfeld des Yard mein Paßwort geknackt haben mußte. Gleichzeitig berichtete uns Powerich, daß seit der Flugzeugentführung neben Ihnen auch mein ehemaliger Kollege Crawler ganz plötzlich verschwunden sei. Von Ihrem Freund George erfuhren wir zusätzlich, daß der gute alte Derrik sich auf Ihrem Junggesellenabschied mit Hochprozentigem reichlich zugeschüttet und meinem Schwiegervater dann eine Szene gemacht habe. Das ließ mich sofort noch stutziger werden. Aus unserer gemeinsamen Zeit beim Yard wußte ich schließlich noch, daß er gar keinen Alkohol vertrug und beim kleinsten Schluck sofort ähnlich heftige Niesattacken bekam wie sie von dem Staub hier. Also hakte ich nach. Und George verriet mir, daß er sich nach dem Nach-Hause-Bringen Crawlers und einem kleinen Absacker in dessen Wohnung plötzlich an nichts mehr erinnern konnte. Ein totaler Filmriß, wobei er erst nach fünf Stunden wieder aufwachte, und das, obwohl er eigentlich versprochen hatte, sie nach der Party nach Hause zu bringen. Da dämmerte es mir. Dieser Wurm Derrik mußte ihm irgendwas ins Glas getan haben. Jetzt mußte ich nur noch Eins und Eins zusammenzählen. Klar verfügte Derrik über genug Insiderwissen, um mein leicht zu erratendes Paßwort zu knacken. Wie oft hatte ich schließlich gerade ihm in unseren Mittagspause von meiner herrlichen Yacht vorgeschwärmt. Daß er allerdings mit meiner eigenen Frau im wahrsten Sinne des Wortes unter einer Decke steckte und mit ihr gemeinsam ein Mordkomplott zur Beseitigung meines Schwiegervaters schmiedete, darauf wäre ich nie im Leben gekommen. An dieser bitteren Pille werde ich wohl auch noch eine Weile zu schlucken haben. Wie dem auch sei: Ich schnappte mir Ihren alten Freund Black Jack Holmes als Flugbegleiter, und wir nahmen gemeinsam den nächsten Flieger nach Berlin. Et voila, hier bin ich! Gerade noch rechtzeitig zum explosiven Finale Ihrer Schatzsuche! Eine Frage hätte ich da allerdings noch, um mal eine Ihrer - von mir so lang vermißten - Lieblingsfloskeln zu bemühen: Wie um alles in der Welt kamen Sie denn nun dahinter, daß Derrik Crawler quasi der Wolf im Schafspelz war?".

Lukas Svensson fühlte sich sichtlich geschmeichelt, daß sein alter Widersacher Wannabe unterschwellig andeutete, ihn zu vermissen. Und so errötete er sogar ein wenig, während er die ihm gestellte Frage möglichst ausführlich zu beantworten versuchte: "Es machte mich natürlich erst einmal stutzig, als mir Crawler am Abend meiner Abreise plötzlich wie aus heiterem Himmel seine Mithilfe anbot. Wie schnell er mir dann Ihr geheimes Passwort präsentieren konnte, gab mir ebenfalls zu denken. Und auch seine überschwengliche Freundlichkeit mir gegenüber ließ mich nur noch skeptischer werden. Dennoch bemühte ich mich, letzteres einfach als eine Art Besinnung und Läuterung seinerseits anzusehen. Doch schon bei unserer Zugreise nach Moskau wurde ich erneut hellhörig. Die Sache mit der mysteriösen Alkoholallergie Crawlers irritierte mich genauso wie Sie. Beim Junggesellenabschied hatte der Kerl schließlich kein einziges Mal geniest. Also mußte er uns allen den ganzen Abend über den Betrunkenen nur vorgespielt haben. Mit diesem Wissen blieb ich argwöhnisch, auch als er wenig später mit mir zusammen - in einem Bunker eingesperrt - fast selbst ein Opfer Kowarnos wurde. Was meine Zweifel nur noch bestärkte, waren seine plötzlich so zahlreich vorhandenen Talente und Fähigkeiten, die ihn praktisch jede noch so aussichtslose Situation mit Bravur meistern ließen. Wir entkamen schließlich durch sein kaltschnäuziges Handeln dem sicheren Tod. Und dann wurde aus dem scheinbar so unterwürfigen Derrik mit einem Male ein zorniger Racheengel, der uns furchtlos schnurstracks zu Kowarnos Unterschlupf führte, als hätte er ihn bereits erahnt. In seiner Wut machte er gleich den nächsten großen Fehler. Er sprach Iwan Kowarno mit seinem zweiten Vornamen Iwanowitsch an, der aber nirgends in seinen Akten auftauchte und den er somit nur wissen konnte, wenn er Kowarno schon vorher persönlich kannte. Meine Yelena hat mir diesen Verdacht heute abend dann noch einmal bestätigt, als sie verriet, daß überhaupt nur Kowarnos engste Vertraute von seinem zweiten Vornamen wußten. Tja, als ich den guten alten Iwan dann kräftig in die Mangel nahm und er zum Auspacken bereit war, da knallten dem bisher so abgebrühten Crawler mit einem Male die Sicherungen durch, und er erledigte mit einem gezielten Schuß seinen unbequem gewordenen Teilhaber. Hinzu kam noch ein mysteriöses Telefonat mit seiner kleinen Freundin, einer gewissen Janet, die sich bei telefonischer Überprüfung dann als Ihre Noch-Ehefrau entpuppte. Aber auch beim Besuch im Hause meines Onkels hatte sich der gute Derrik in gleich drei Fällen recht stümperhaft verplappert. Er wußte sowohl um Ihre bevorstehende Scheidung als auch um das Hörgerät und die Ausstiegspläne Ihres Schwiegervaters, obwohl der mir all diese Dinge nur unter dem Mantel des Stillschweigens anvertraut hatte. Da erinnerte ich mich daran, daß Harold Freakadelly bei unserem letzten Zusammentreffen von einem komischen Knacken im Telefon sprach. Mit ziemlicher Sicherheit hatte Crawler das Büro seines Chefs verwanzt und unser ganzes Gespräch von einem Nebenzimmer aus belauscht. Das erklärte mir auch, wieso er von meinen Reiseplänen wußte und behaupten konnte, der Chiefsuperintendent selbst hätte ihn gebeten, mich auf der Suche nach meiner Yelena zu unterstützen. Alles in allem eine nette Ansammlung kleiner und großer Indizien, aber immer noch kein stichhaltiger Beweis. Und so kamen Timmy und ich beim Besuch der Berliner Gethsemanekirche - wo er in biblischer Weise seinem Verrat an mir mit einer Art Judaskuß quasi die Dornenkrone aufsetzte - auf eine recht ausgefallene Idee. Wir wollten ihn mittels der Aushändigung einer nicht geladenen Pistole im Angesicht des gefundenen Schatzes dazu bewegen, seine Maske selbst fallen zu lassen. Nun, und das tat er ja dann auch". Wannabe runzelte nachdenklich die Stirn: "Und Sie hatten dabei also von Anfang an auch nicht nur eine einzige Sekunde mich als den Drahtzieher hinter dem Ganzen in Verdacht?". Lukas schmunzelte ein wenig und erwiderte: "Klar standen Sie bei all den Verdachtsmomenten gegen Derrik Crawler dennoch als möglicher Yardmaulwurf lange Zeit an erster Stelle. Erst als ich von Harold Freakadellys gewaltsamem Ableben erfuhr, da war ich mir absolut sicher, daß Sie rein gar nichts damit zu tun haben. Und diese wichtige Erkenntnis verdanke ich einzig und allein dem Ermordeten selbst". Wannabe schien bei der Andeutung seines Gegenüber nur Bahnhof zu verstehen, und so erklärte Svensson weiter: "Nun, Ihr vestorbener Schwiegervater hat mir mehr als nur einmal deutlich zu verstehen gegegen, daß Sie neben sich selbst nichts mehr lieben auf der Welt als die Ihnen von ihm geschenkte Yacht, der Sie den Namen Ihrer leider viel zu früh verstorbenen Frau Mama verliehen haben. Nie im Leben hätten Sie Ihr geliebtes Mutterschiff in die Luft jagen können!". Charles Wannabe senkte andächtig sein Haupt und seufzte leise. Svensson registrierte die bedrückende Traurigkeit im Gesicht seines alten Kontrahenten und sah sich daher zu einem raschen Themenwechsel genötigt. So ergänzte er: "Nur mit Ihrem Auftritt hier und heute hatte ich dabei so ganz und gar nicht gerechnet, das muß ich anerkennend zugeben".

Wannabes Kopf schnellte augenblicklich wieder nach oben. Dabei zuckten seine Mundwinkel sogar ein wenig, fast so, als wollten sie ein Lächeln hervorbringen: "Alter Knabe, mit mir muß man immer rechnen. Außerdem konnte ich Sie ja nicht einfach so sterben lassen, ist mir doch Ihre schrullige Einfalt über all die gemeinsamen Jahre irgendwie ans Herz gewachsen. Und wenn Sie mir versprechen, es nicht weiterzuerzählen, dann verrat ich Ihnen noch etwas ...". Gespannt wartete Charles Wannabe auf die Reaktion des Ex-Inspektors, der sogleich schulterzuckend entgegnete: "Wie Sie sehen, ist hier außer Ihnen und mir keine Menschenseele. Und was mich betrifft, so kann ich schweigen wie ein Grab!". Einen Augenblick lang zögerte der amtierende Yardchef noch, dann aber raunte er: "Ach was solls! In ein paar Jahren ruht Ihr greises Haupt vermutlich eh in einer wohl eher bescheidenen Gruft. Und bis es soweit ist, werd ich Sie schon irgendwie vom Ausplaudern meines kleinen Zugeständnisses abhalten können. Warum soll ich einem kauzigen Mann wie Ihnen nicht auch mal ein kleines Erfolgserlebnis gönnen?! Was ich sagen will: Ich hab Sie irgendwie stets beneidet, um all Ihre Freunde und den kindlich-naiven Optimismus, mit dem Sie durchs Leben mit all seiner Boshaftigkeit und Mißgunst tappen. Ein aufrichtiger und von Grund auf ehrlicher Mensch unter all den kleinen und großen Speichelleckern, den ganzen bornierten Affen und überheblichen Snobs. So, nun ist es endlich raus! Und wie gesagt, wagen Sie bloß nicht, das rumzutratschen bei einem Ihrer wöchentlichen Seniorenkaffeekränzchen oder wo Sie sich nach Ihrer Pensionierung jetzt sonst noch so rumtreiben mögen". Abermals klopfte sich der kommissarische Yardchef notdürftig den verbliebenen Staub vom Maßanzug: "Gut, das wäre dann auch geklärt. Und nun bitte ich Sie, mich zu entschuldigen. Ihr schon jetzt mächtig staubaufwirbelnder Fund bringt nämlich noch so Einiges an Konsequenzen mit sich, wie ich fürchte: Zähe Verhandlungen zwischen Rußland und Deutschland um den Verbleib des Fundstücks, den leidigen Papierkrieg mit den zuständigen Behörden und vielleicht sogar die eine oder andere Pressekonferenz. Und nicht zu vergessen: Falls Ihr Freund Tim Hackerman erfolglos zurückkehren sollte, müssen auch noch ein paar internationale Haftbefehle gegen den flüchtigen Derrik Crawler sowie meine mörderische Noch-Gattin beantragt werden. Wenn Sie nichts dagegen haben, kümmere ich mich darum. Erstens haben Sie mit Ihren erneuten Hochzeitsvorbereitungen sicher andere Dinge im Kopf, und zum zweiten ist das eh eher etwas für einen - ich zitiere - karrieresüchtigen Armleuchter wie mich. Ja, ganz recht, Ihr Freund Jack Holmes hat sich da während unseres gemeinsamen Fluges ein wenig verplappert, was Ihre durchaus recht einfallsreichen Umschreibungen meiner Person betrifft. Nun, was solls?! Schwamm drüber! Wir sind uns also einig, daß ich all die beschriebenen Formalitäten rund um Ihren Fund in die Hand nehme?!". Wannabe schaute dem völlig sprachlos dastehenden Svensson sekundenlang tief in die Augen, dann räusperte er sich kurz und sprach: "Ich werte Ihr Schweigen als eine Art unausgesprochener Einverständniserklärung. Nun denn, an die Arbeit, Herr Ex-Kollege!". Damit machte er ohne ein weiteres Wort auf dem staubigen Hacken kehrt und verließ durch den Eingangsspalt das Gewölbe. Lukas Svensson aber blieb noch eine ganze Weile wie versteinert stehen. Dann griff er in seine Manteltasche und zog seinen - ihm von Harold Freakadelly überreichten - Pocket Dictator hervor. Der rote Aufnahmeknopf war gedrückt, und eine ebenso rote Leuchtdiode blinkte wild, und auf dem Display veränderten sich die Ziffern der angezeigten Aufnahmezeit im Sekundentakt. Kopfschüttelnd bemerkte der Ex-Inspektor schließlich: "Tja, da muß ich beim Aufräumen meiner Manteltaschen wohl zufällig draufgedrückt haben. Und nun hat das kleine Gerät hier alles aufgezeichnet, was mir Mister Wannabe ganz im Vertrauen erzählt hat. Ob ich das Eingeständnis seiner Bewunderung für mich für die Nachwelt aufbewahren sollte?! Ach was, ich werds wohl nach meiner Rückkehr in die Heimat einfach löschen, glauben würde mir das im Kreise meiner Bekannten eh keiner, denke ich!". Damit drückte er schmunzelnd die Stoptaste des Diktiergeräts und ließ es wieder in seiner Tasche verschwinden. Und dann verließ auch er das stickige Gemäuer mit den Worten: "Wenn wir uns statt in Berlin in Casablanca befänden, und wenn es sich nicht gerade um Wannabe handeln würde, dann wäre ich fast dazu geneigt zu behaupten, das hier eben könnte durchaus der Beginn einer langen Freundschaft unter Männern sein. Na gut, Spaß beiseite! Ich glaub, ich sollte mich jetzt lieber mal um meine Yelena kümmern und meinen Freund Jack draußen begrüßen!". Und mit einem letzten Blick auf die 24 eingestaubten und dennoch wie durch ein Wunder völlig unversehrt gebliebenen Schatzkisten um ihn herum ergänzte er sichtlich bewegt: "Was für ein denkwürdiger Tag!".

Lukas Svensson hatte gerade von den Gleisen aus den Bahnsteig der U-Bahn-Station Hausvogteiplatz erklommen, als ihm dort im Halbdunkel - völlig außer Atem - sein Freund Jack Holmes entgegenstolperte: "Lukas, mein Freund! ... Mensch, was bin ich froh ... Dich unversehrt wiederzusehen!". Jack Holmes riß seinen alten Kameraden an sich, nur um ihn schon im nächsten Augenblick wieder aus der Umarmung zu entlassen. Dabei verschwand mit einem Schlag all die Wiedersehensfreude aus seinem Gesicht, und an ihre Stelle trat blankes Entsetzen, während er zu stottern begann: "Mein Gott ... Lukas ... es ist ... ist etwas ... etwas ganz ... ganz Schreckliches geschehen!". Von unguten Vorahnungen getrieben, begann der Ex-Inspektor, seinen Freund sofort wie wild zu schütteln. Dazu brüllte er: "Was?! Was ist los? Ist etwas mit Yelena? Hat dieser Hundesohn Crawler ...". Jack Holmes entzog sich der verzweifelten Attacke seines Freundes und schüttelte stattdessen seinen Kopf wild hin und her: "Nein, Lukas! Mit Yelena ist alles in Ordnung. Aber die Einsatztruppe der Berliner Polizei, die inzwischen vor Ort ist, hat gerade über Funk durchgegeben bekommen, daß es am nächstgelegenen U-Bahnhof Stadtmitte eine gewaltige Explosion und einen tragischen Verkehrsunfall gegeben hat. Wie es aussieht, ist ein Mann, der von einem anderen auf den U-Bahngleisen verfolgt wurde, dort von einem leeren Zug erfaßt worden. Und das just in dem Moment, da er - um seinen Verfolger abzuschütteln - eine scharfgemachte Handgranate in Händen hielt. Der Fahrer der U-Bahn wurde durch die Wucht der folgenden Explosion mitsamt dem Führerhaus des Zuges regelrecht zerfetzt, und auch von dem flüchtigen Mann scheint nicht mehr viel übriggeblieben zu sein. Die Gleisanlage soll einem Schlachtfeld gleichen, überall nur Blut und Wrackteile. Und der Schienenverkehr ist verständlicherweise erst einmal bis auf weiteres unterbrochen". Lukas hatte Jack die ganze Zeit über entgeistert angestarrt, jetzt aber fragte er zögernd: "Und was ist mit dem, der den Mann verfolgt hat? Sag schon, Jack, was ist mit meinem Schützling und Freund Timmy?". Jack Holmes senkte seinen Blick, dann stammelte er: "Der dritte Mann soll sich durch die Detonation schwerste Verletzungen zugezogen haben. Und die hinzugerufenen Rettungsmannschaften kämpfen derzeit vor Ort verzweifelt um sein Leben". Nun senkte auch Lukas sein Haupt und sprach mit tränenerstickter Stimme: "Mein Gott, der arme Junge! Ich muß sofort zu ihm!". Beherzt sprang Svensson zurück auf die Gleise und rannte - als ginge es um sein eigenes Leben - in Richtung des U-Bahnhofs Stadtmitte in den Tunnel hinein, dessen düsteres Inneres ihn Sekunden später wieder völlig in sich aufgenommen hatte ...

[Wird fortgesetzt]

+++ CRIMINAL MINDS +++ DALLAS +++ CASTLE +++ DOCTOR WHO +++ 24 +++

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sven1421

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20

Samstag, 15. September 2012, 09:05

Episode 20: Eine Hochzeit und ein Todesfall

Blinzelnd öffnete Lukas Svensson die Augen. Die Morgensonne lugte vorsichtig durch das Fenster ins Schlafzimmer seiner Londoner Wohnung hinein und kitzelte sein Gesicht mit ihren ersten feinen Strahlen. Seine rechte Hand tastete die Bettstelle neben sich ab, wo sie zu seiner Verwunderung allerdings nicht den faszinierenden Körper Yelenas, sondern nur ein - noch warmes - weiches Federkissen und eine akurat zusammengelegte Bettdecke vorfand. Der Ex-Inspektor riß seine Augen weit auf und drehte den Kopf zur Seite. Tatsächlich, sie war nicht da und das Bett ordentlich gemacht. Mit einem Satz war Svensson aus dem Bett gesprungen und stand nun - immer noch ein wenig verschlafen - neben seinem eigenen, arg zerwühlten Nachtlager. Er blickte auf den Reisewecker auf seinem Nachttisch. Es war exakt 6.45 Uhr. Wo war sie nur? Er schaute sich im Zimmer um. Über die Lehne des Stuhls in der Ecke hingen ein weißes Hemd mit weinroter Krawatte und ein schwarzer Anzug sorgsam zusammengelegt, zu seinen Füßen standen die frischgeputzten schwarzen Lackschuhe Svenssons. Vom Flur her vernahm er in diesem Moment aus dem nahegelegenen Badezimmer ein leises Rauschen. Er folgte seiner Wahrnehmung und erspähte durch die leichtgeöffnete Badtür die Silhouette Yelenas hinter dem Duschvorhang. Vorsichtig öffnete er die Tür ein Stück weiter und trat ein. Yelena zog den Vorhang im selben Augenblick ein wenig zur Seite und strahlte ihn lächelnd an, während das heiße Duschwasser von ihren nassen Haaren herabtropfte: "Guten Morgen, Liebes! Schön, daß Du wach sein schon. Du haben heute volles Terminkalender. Du Dir auch sicher sein, daß Du das alles schaffen?". Svensson nickte verschlafen: "Keine Sorge, mein Schatz, ich bekomme das schon gebacken. Schließlich hatte ich zu meiner Zeit im Yard häufig noch viel mehr Termine an einem Tag". Yelena schüttelte den Kopf hin und her, daß die Wassertropfen zu Dutzenden nach beiden Seiten von ihrem feuchten Haar absprangen: "Nein, das ich nicht meinen, Luki! Ich mich sorgen, ob Du das überstehen von Gefühl her". Lukas verstand, was sie sagen wollte. Und sein Gesicht blickte betroffen auf den gefliesten Badezimmerboden, während er seufzte: "Ja, ich denke, ich packe das schon, auch emotional. Auch wenn es mir teilweise nicht ganz leicht fallen wird, vor allem die Beerdigung gleich heute morgen". Yelena riß den Duschvorhang nun ganz beiseite und entstieg dem feuchten Duschbecken. Notdürftig trocknete sie mit einem bereitliegenden Froteehandtuch ihren nassen Körper. Dann trat sie behutsam von hinten an ihren zukünftigen Mann heran und hauchte: "Dafür wir dann aber machen zweites Hälfte von Tag mit Hochzeit und Taufe von kleines Junge Luke um so schöner. Und gar nicht zu vergessen, wenn erstes Nacht brechen herein, wo Du und ich sein ganz offiziell Mann und Frau". Ganz eng preßte sie dabei ihren Körper an den seinen und küßte sanft seinen Nacken, daß ihm für einen Moment sogar die zahlreich vorhandenen Brusthaare unter seinem Pyjama zu Berge standen. Schließlich löste sie ihre Lippen wieder von seiner warmen Haut und hauchte ihm ins Ohr: "Und jetzt Du solltest gehen frühstücken. Heißes Kaffee und frisches Brötchen schon warten auf Dich in Küche". Lukas drehte sich zu ihr um und schenkte ihr ein erstes kleines Lächeln, gefolgt von einem zarten Kuß auf die noch ungeschminkten Lippen: "Ach, Yel, was würde ich nur tun, wenn ich Dich nicht hätte!". Yelenas Zeigefinger stupste frech gegen Lukas' Nase, während sie augenzwinkernd erwiderte: "Du jetzt würden küssen anderes frischgeduschtes, unbekleidetes Frau?!". Svensson aber schüttelte entschlossen sein fast haarloses Haupt: "Nein, mein Schatz! Früher, ja da hätte ich wahrscheinlich ganz genauso gedacht. Wenn nicht die, na dann eben eine andere. Aber seit ich Dich kennen und lieben gelernt habe, da bin ich mir absolut sicher, daß es im Leben einen Mannes nicht 5 oder 6 oder was weiß ich wieviel Richtige gibt, sondern nur die Eine, nach der man als Mann oft sein ganzes Leben lang sucht. Und wenn man ganz viel Glück hat, dann findet man sie, noch bevor es an der Zeit ist, seine Augen wieder zu schließen - so wie ich!". Noch einmal schmiegte sich Yelena ganz eng an ihren Lukas und sprach verzückt: "Das Du haben wieder einmal wunderschön gesagt. Überhaupt Du immer finden richtiges Wort für rechtes Moment. Und das ich so unheimlich bewundern an Dir. Auch ich nach schweres Zeit bei Dir endlich haben gefunden großes Liebe von mein Leben". Einen kurzen Moment lang lockerte sie die Umklammerung ihres Verlobten und ergänzte bedrückt: "Schade nur, daß wir zusammen nicht können haben Kind als Frucht aus großes Liebe". Lukas streichelte ihr tröstend mit dem Handrücken über die Wange: "Aber wir haben doch Kinder. Meine Tochter Lisa mag Dich sehr, das hast Du doch bei ihrem Überrschungsbesuch vorgestern gespürt oder nicht?!". Yelenas gesenkter Kopf nickte vorsichtig: "Ja, das ich haben gespürt. Sie sein ganz wunderbares junges Frau, so wie Vater!". Lukas aber ergänzte: "Und was Deine Tochter angeht, da hab ich schon jemanden drauf angesetzt, der sie mithilfe seiner umfangreichen Kontakte ganz gewiß aufspüren wird. Eigentlich sollte es ja eine Überraschung sein, aber was solls! Mein Informant hat mir nämlich gestern abend mitgeteilt, daß er noch heute im Laufe des Tages den neuen Familiennamen Deiner Tochter erfahren wird". Yelenas Blick erhob sich mit einem Ruck wieder, und sie schaute verblüfft: "Bosche moij! Mein Gott, Ich endlich werden wiederfinden mein Tochter? Oh, das ja zu schön sein würde um zu sein wahr! Ich so sehr haben vermißt mein Kind ganzes Zeit und haben soviel versäumt von ihr Leben! Daß Du das haben getan für mich, ich Dir nie im Leben werden vergessen. Ich Dich so sehr lieben!". Yelena schlang ihre beiden Arme zur Untermauerung ihrer Worte einmal mehr ganz fest um Lukas Hals und übersäte sein Gesicht wieder und wieder mit dankbaren Küssen.

Einige Stunden später stand der Ex-Inspektor in seinem schwarzen Anzug vor einem frisch ausgehobenen und mit Kunstgrasteppich ausgelegten schmalen Erdloch. Um ihn herum waren etwa dreißig Leute versammelt, die - wie er - mit ineinenander gefalteteten Händen ihren trauernden Blick gesenkt hielten. An der Stirnseite des Grabes, in das in diesem Augenblick eine silberne Urne herabgelassen wurde, stand ein Mann, dessen graues Hemd einen weißen Kragen trug, und der nun in feierlichem Ton das Wort an die Versammelten richtete: "Liebe Trauergemeinde! Auf grausamste Weise wurde ein Mensch aus unserer Mitte herausgerissen. Es geschah ganz plötzlich, und niemand konnte sich auf diesen Verlust vorbereiten. Das aber macht ihn nur umso schmerzlicher für uns, die wir heute hier als seine Witwe, seine Familie, seine Freunde und Kollegen im Angesicht seiner sterblichen Überreste traurig und fassungslos zurückbleiben. Harold Freakadelly war ein herzensguter und beliebter Chef. Er war stets bemüht, trotz all seiner verantwortungsvollen Arbeit auch für seine Familie da zu sein. Seiner Frau war er zu allen Zeiten ein liebevoller Ehemann, seiner Tochter ein guter Vater. Und dennoch hat eine dunkle Macht von seinem Kinde Besitz ergriffen, die es dazu verlockte, seiner sprühenden Lebenslust ein so jähes Ende zu bereiten. Sie dafür heute und hier zu richten, das aber liege uns ferne. Wir sollten diese Aufgabe den weltlichen Gerichten und letztlich unserem Schöpfer überlassen, der einst über uns alle Recht sprechen wird am Tage des Jüngsten Gerichts. Was uns an diesem Tage bleibt, ist die stille Erinnerung an einen Menschen, der gerade im Begriff war, vor seinem geistigen Auge seinen Lebensabend in den schillernsten Farben zu planen, als unverhofft die düstere Todesnacht über ihn hereinbrach. Wir sollten Harold Freakdelly dabei so im Gedächtnis mit uns tragen, wie wir ihn gekannt haben. Ich persönlich zum Beispiel kannte ihn als eifrigen Vorstand unserer Kirchengemeinde, der stets entschlossen und dennoch auch gütig und einlenkend für die Belange unserer Kirche eintrat. So manches Mal war es sein gewinnendes Wesen, das bei unseren großzügigen Spendern ein paar Pfund für notwendige Baumaßnahmen und Investitionen loszueisen vermochte. Mit ebenso fester Hand leitete er seine Untergebenen. Und auch hier zeigte er sich durchaus immer wieder kompromißbereit, wie mir die ihm Unterstellten in Vorbereitung meiner heutigen Rede zu berichten wußten. Nun, da sich seine unsterbliche Seele auf den Weg gemacht hat, vor ihren Schöpfer zu treten, um dann auf ewig bei ihm im Paradiese zu weilen, verneigen wir uns noch einmal in Ehrfurcht vor den spärlichen Überresten seines vergänglichen Leibes. Leb wohl, Harold Freakadelly! Unsere Gedanken sind bei Dir, und unser ganzes Mitgefühl ist bei denen, die mit uns gemeinsam trauernd hier auf Erden zurückbleiben". Damit gab er dem Urnenträger ein Zeichen, auf welches dieser das silberne Behältnis langsam in das dunkle Erdloch absinken ließ. Der Geistliche aber bekreuzigte sich mit zu Boden gerichtetem Blick vor der Brust, während er sprach: "Asche zu Asche, Staub zum Staube. Von Erde bist Du genommen, zu Erde sollst Du wieder werden. Der Herr aber wird Dich dereinst auferwecken von den Toten und mit sich zum ewigen Leben führen. Amen!". Ein einzelner kräftiger Sonnenstrahl kämpfte sich im selben Moment durch die dichten Kronen der umstehenden Bäume und erleuchtete dabei strahlend den mit goldenen Lettern im schwarzem Granit des aufgestellten Grabsteins eingemeißelten Namen des Verstorbenen. Die Trauernden erhoben ihren Blick zum wolkenlos blauen Himmel und stimmten auf das Zeichen des Pfarrers mit dem wohlkingenden Namen Matthew Prayer das Lied "Nearer My God to Thee" an. Nur Janet Freakadelly, die Tochter des Toten, die eingerahmt von zwei Polizeibeamten in Zivil in Handschellen ein wenig abseits stand, hielt ihren versteinerten Blick gesenkt und blieb stumm.

Am Grabe Freakadellys war das gemeinschaftlich angestimmte Trauerlied inzwischen verklungen, und die Anwesenden traten nun einzeln an die Grabstätte heran. Sie legten dort ihre Blumen und Kränze nieder - allen voran die Witwe, gefolgt von Charles Wannabe, der im Namen des Yard einen großen Kranz mit goldfarbener Schleife niederlegte. Darüber aber breitete er kniend den sorgsam zusammengefalteten Union Jack aus. Und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte der nahe dabei stehende Svensson mit seinem eigenen tränenschwangeren Blick auch im Auge seines ehemaligen Kollegen ein leichtes feuchtes Glitzern zu erkennen. Sollte Wannabe tatsächlich soetwas wie ehrliche Gefühle haben? Er wollte diesen Gedanken schon beiseite wischen, aber der inzwischen vom Grabmal zurückgetretene amtierende Yardchef schien ihn bereits erahnt zu haben. Und so wischte er sich mit dem Ärmel seines dunkelgrauen Nobelanzugs über die zusammengekniffenen Augen und raunte Lukas Svensson im Vorübergehen zu: "Nur keine falschen sentimentalen Schlüsse, Sie alter Knochen! Mir ist da nur ein Sandkorn ins Auge geflogen. Der Wind, Sie verstehen?!". Damit war er auch schon am Ex-Inspektor vorbeigehuscht und verließ schnellen Schrittes - vorbei an der Menge der Trauernden - durch einen Seitenausgang das Friedhofsgelände. Lukas aber feuchtete den Zeigefinger seiner rechten Hand mit der Zunge ein wenig an und hielt ihn prüfend in die Höhe. Kein Windzug war zu verspüren, auch nicht ein einziges laues Lüftchen. Kopfschüttelnd trat nun auch er an die Grabstelle Freakadellys heran. Dabei fiel sein sich senkender Blick erst auf den goldenen Namenszug auf dem Grabstein und dann auf die im Erdreich versenkte Urne. Eine Sekunde lang ballten sich wütend seine Fäuste, dann aber faltete er die sich wieder öffnenden Hände ruhig vor seinem recht umfangreichen Bauch. Tränen schossen ihm in die Augen und strömten über sein Gesicht dem kühlen Erdreich entgegen. Und schluchzend flüsterte er: "Du wirst mir fehlen, alter Freund. Ich hätte Dir Deinen langersehnten Ruhestand im 'Gasthaus an der Themse' so sehr gegönnt. Doch es hat nicht sollen sein! Ja, Harry, das Leben ist kurz, oft kürzer als wir denken. Wir sollten uns angewöhnen, jeden Tag und jede Stunde so zu leben und auszukosten, als könnten es unsere letzten sein. Augenblicke wie dieser erinnern einen immer wieder recht schmerzlich an diese Einsicht. Du hast mir einst das Leben gerettet, bei jener großen Gefängnisrevolte in Nordirland vor drei Jahren. Dein Verhandlungsgeschick vollbrachte es damals, den Geiselgangster zum Aufgeben zu bewegen, als er mich während eines gescheiterten Alleingangs überwältigt hatte und die herbeigerufene Spezialeinheit schon mit der gewaltsamen Stürmung der Haftanstalt drohte, ohne Rücksicht auf mich und die anderen 11 Geiseln. Ich wünschte, ich wäre vor ein paar Tagen auch zur Stelle gewesen, um Dich zu retten. Doch es war mir leider nicht vergönnt. Ich danke Dir, mein Freund, für alles! Und ich werde Dein Andenken auf ewig in meinem Herz bewahren! Leb wohl, Harry! Und das hier ist für Dich! Klein und unscheinbar wie wir Menschen und dennoch von Gott mit aller Liebe zum Deteil wunderbar und einzigartig kreiert!". Mit diesen Worten zog er die weiß-gelbe Blüte eines Gänseblümchen aus dem Knopfloch seines Anzugs hervor und legte es sorgsam auf dem Deckel der Urne ab. Lukas verbeugte sich noch einmal tief vor dem Grabe, dann trat er zurück in den Trauerzug, der sich wenige Momente später in Richtung Friedhofstor entfernte - an seiner Spitze der Pfarrer und am Ende die mit Handschellen gefesselte Tochter des von ihr Ermordeten, beidseitig dicht gefolgt von den zwei sie begleitenden Beamten.

Die trauernde Gemeinde passierte auf dem langen, sandigen Friedhofsweg auch eine noch recht frisch anmutende Grabstätte, die kein teurer Grabstein und keine Blumen zierten. Nur ein schlichtes, aus zwei krummen Holzpflöcken selbstgezimmertes Kreuz stand lieblos in den weichen Erdboden gerammt. Und ein mit Plastikfolie ummanteltes Blatt Papier zeugte von dem Namen des hier im feuchten Erdreich zu Grabe Liegenden: "D.Crawler". Eine Sekunde lang blieb Lukas Svensson auch vor jenem armseligen Erdhügel stehen. Er bekreuzigte sich, und in Gedanken an Crawler und seine Gespielin Janet sowie Kowarno und seine Gehilfin Katja formten seine zitternden Lippen dabei ein leises: "Vater, vergib ihnen! Denn sie wußten nicht, was sie taten!".

Der restliche Trauerzug war inzwischen nur noch wenige Schritte von der Eingangspforte des Friedhofs entfernt. Auch Janet Wannabe war schon im Begriff, am stehengebliebenen Ex-Inspektor vorbeigeführt zu werden, als Svensson in unmittelbarer Nähe seines rechten Ohres ein kurzes pfeifendes Geräusch vernahm. Ein paar Meter von ihm entfernt sank zeitgleich die Freakadellytochter zum Entsetzen ihrer Bewacher zu Boden und blieb dort regungslos liegen. Aus ihrem Oberkörper aber sickerte schon wenige Augenblicke später Blut auf die sorgsam geharkte Erde des Friedofsweges und bildete eine immer größer werdende, dunkelrote Lache. Panik hatte die gesamte Trauergemeinde ergriffen, und so liefen nun unzählige Menschen weinend und kreischend völlig ziellos durchs Gelände, um schließlich irgendwo mit schlotternden Knien hinter Bäumen und Grabsteinen in Deckung zu gehen. Lukas Svensson war als Einziger seelenruhig stehengeblieben und hielt dabei Ausschau nach der Position eines vermeintlichen Heckenschützen. Dank seiner jahrzehntelangen kriminalistischen Erfahrung wurde er dabei auch rasch fündig. Das Dach des hiesigen Krematoriums bot geradezu perfekte Sichtverhältnisse für die Optik eines Scharfschützengewehres. Einer der beiden anwesenden Polizeibeamten hatte wohl die gleichen Schlüsse gezogen und rannte bereits in Richtung des zirka 200 Meter entfernten Gebäudes. Sein Kollege kauerte über der am Boden liegenden Freakadellytochter und orderte über sein Funkgerät einen Rettungswagen. Lukas lief zu ihm herüber und erkundigte sich aufgeregt: "Was ist mir ihr? Ist sie etwa ...?". Der Polizist legte sein Walkietalkie beiseite und schüttelte den Kopf: "Nein, tot ist sie nicht. Aber sie ist schwerverletzt und verliert unheimlich viel Blut. Die Kugel scheint etwas oberhalb des Herzens in ihren Brustkorb eingedrungen zu sein und dort festzustecken. Jedenfalls gibt es keinerlei Austrittswunde". In diesem Augenblick kehrte auch der andere Beamte völlig außer Atem von seiner Jagd auf den Attentäter zurück. An seinen Kollegen gewandt, keuchte er: "Der Kerl ... muß auf ... auf dem Dach gelauert ... haben. Ich ... ich hab da ein ... Snipergewehr plus einer leeren Patronenhülse gefunden und ... und einen Zigarrenstummel ... Aber der Schütze selber ... war schon ... schon weg". Seine Schultern zuckten, während aus der Ferne bereits das lauterwerdende Geräusch mehrerer Sirenen zu vernehmen war. Wenig später bahnten sich ein Notarzt und ein Rettungsassistent mit einem Notfallkoffer den Weg durch die Traube der Schaulustigen, die sich am Eingangsbereich des Friedhofs versammelt hatte. Niemand der Anwesenden bemerkte in dem Getümmel, wie ein Typ im schwarzen Regenmantel über die Friedhofsmauer sprang und dann am Straßenrand in einen bereitstehenden schwarzen Mercedes stieg. Der Mantelträger startete den Motor und schaute mit seinem einen grünen Auge in den Rückspiegel, während sein anderes blaues Auge die Menschenansammlung im Blick behielt. Dabei murmelte er: "Tja, Täubchen, tut mir leid! Aber ich kann nun mal niemanden gebrauchen, der weiß, wie ich aussehe. Schließlich hab ich mir meine Tarnidentität hier in England nach dem Ende der DDR nicht so mühevoll über all die Jahre bewahrt, um sie mir dann von Typen wie Kowarno, Crawler oder gar Dir wieder kaputtmachen zu lassen. Und nun, da ich auch Dich mundtot gemacht habe, gibt es da eigentlich nur noch eine einzige Person, die mich wiedererkennen könnte, Kowarnos Exfrau Yelena. Aber keine Sorge, um die kümmere ich mich zu gegebener Zeit auch noch, so wahr ich Paul Vorberg heiße!". Dreimal laut hupend bahnte sich daraufhin der Wagen mit dem silberglänzenden Stern auf der Kühlerhaube den Weg durch die Menschenmassen hindurch, nur um Sekunden später sogleich wieder inmitten des dichten vormittäglichen Verkehrs auf Londons überfüllten Straßen spurlos zu verschwinden.

Die Taschenuhr des Ex-Inspektors zeigte exakt 12 Uhr mittags, als Lukas Svensson nach kurzer Fahrt durch die schmalen Gassen der englischen Haupstadt sein Fahrrad im Ständer des "Chelsea and Westminster Hospital" abstellte. Er hatte den Friedhof nach Aufnahme seiner Personalien durch die herbeigerufene Metro Police verlassen und noch einen kurzen Abstecher zu Tim Hackermans Wohnung gemacht, wo er als Überraschung für seinen jungen Freund noch ein - für Timmy nahezu unentbehrliches - Mitbringsel abgeholt hatte. Selbiges klemmte sich der Ex-Inspektor nun eilends unter den Arm und raste damit durch die Eingangshalle sowie über die Stufen im Innern des angrenzenden Treppenhauses. Zahlreiche Gedanken spukten dabei die ganze Zeit durch seinen Kopf: Wer hatte auf Janet Wannabe geschossen? Wollte jemand den Tod Harold Freakadellys rächen? Oder handelte es sich um einen Terrorbruder aus Crawlers und Kowarnos Umfeld, der eine unliebsame Mitwisserin zum Schweigen bringen wollte? War es vielleicht gar dieser Stasi-Vorberg, von dem ihm Yelena erzählt hatte? Oder gab es da noch einen ganz Anderen - einen Unbekannten, von dem weder er noch seine zukünftige Braut etwas ahnten? Fragen über Fragen. Und dennoch hatte er keine Zeit für die Suche nach Antworten - nicht heute. Nein, er war außer Dienst und mußte die Ermittlungen vertrauensvoll Charles Wannabe und seinen Polizeikollegen überlassen. Und außerdem war er jetzt unterwegs zu einem wichtigen Krankenbesuch. Und so lief Svensson nun über den langen hellblauen Flur der Unfallchirurgie im ersten Obergeschoß und blieb schließlich vor dem Zimmer mit der Nummer 241 stehen. Hier lockerte er noch kurz die am Hals recht eng anliegende Krawatte und klopfte dann aufgeregt an die Tür, hinter der ihn eine dünne, junge Männerstimme sogleich zum Nähertreten aufforderte.

Lukas Svensson folgte der Aufforderung und stand nun vor dem Bett eines - bis auf die Arme - nahezu am ganzen Körper mit weißen Binden umwickelten Patienten, der auf seinem Lager langsam den Kopf ein wenig zur Seite drehte. Das sichtlich schmerzverzerrte Antlitz Timmys starrte dem Besucher entgegen: "Mensch Lukas! Was bin ich froh, Dich gesund und munter hier zu sehen! Ich hab nämlich grad in den Nachrichten gehört, daß es bei der Beisetzung unseres Chefs ein Attentat mit einer schwerverletzten Person gab. Und da war ich schon in großer Sorge, es könne sich um Dich handeln. Erzähl doch mal, was ist denn geschehen?". Haargenau berichtete Svensson seinem Schützling alles über den Anschlag auf Freakadellys Tochter. Timmy lauschte den Ausführungen des Ex-Inspektors gespannt, und die ganze Zeit stand sein Mund dabei weit offen. Als Lukas seine Schilderung schließlich beendet hatte, blieb es noch etwa eine Minute lang ganz still im Krankenzimmer. Lukas nutzte jenen stillen Moment, um das Gesicht und den Körper seines - fast bis zur Unkenntlichkeit einbandagierten - Freundes eingehender zu betrachten. Immer größer wurde dabei der Kloß, der sich in seinem Hals bildete. Da endlich brach Timmy das bedrückende Schweigen mit der in den Raum geworfenen Frage: "Sag mal, was wird denn nun eigentlich aus Deiner bevorstehenden Trauung? Willst Du die nach dem Anschlag auf dem Friedhof jetzt vielleicht erstmal verschieben?". Energisch winkte Lukas Svensson ab: "Ich habe nach dem Vorfall natürlich gleich mit Yelena telefoniert. Und in einem sind sie und ich uns hundertprozentig einig. Die Hochzeit findet wie geplant statt. Nichts und niemand könnte uns diesmal davon abhalten!". Timmys Augen strahlten, während er ausrief: "Recht so, Lukas!". Dabei streckte er, so gut es in seinem Zustand eben ging, den Daumen seiner - zur Faust geballten - rechten Hand anerkennend in die Höhe. Und mit einem Blick auf die große Wanduhr im Zimmer ergänzte er rasch: "Allerdings solltest Du Dich dann möglichst bald mal auf den Weg zur Kirche machen, anstatt hier stundenlang meinen stark mumifizierten Körper anzustarren. Die Ärzte nennen mich übrigens aufgrund meiner unfangreichen Verhüllung scherzhaft Tim-Ench-Amun. Und weißt Du, was das einzig Positive an meinem derzeitigen Zustand ist?! Die jungen hübschen Schwestern kümmern sich morgens und abends eingehend um Körperteile, zu denen zuvor - außer meiner Frau Mama in meinen ersten Lebensjahren - noch nie eine Frauenhand vorgedrungen ist". Lukas, der noch bis eben mit äußerst betretener Miene dagestanden hatte, mußte nun unweigerlich schmunzeln: "Na, den Humor hat man Dir jedenfalls trotz all der zahlreichen Verletzungen und der daraus resultierenden Schmerzen anscheinend nicht nehmen können". Timmy schüttelte behutsam sein eng umwickeltes Haupt: "Nein, für die Schmerzen bekomm ich ja auch meine Drogen. Ganz legal und vom Chefarzt höchstpersönlich als meinem Dealer". Lukas schmunzelte nochmals, dann jedoch wurde sein Gesichtsausdruck sogleich wieder deutlich ernster: "Nun aber mal ehrlich, Timmy, was sagen denn die Ärzte?". Timmys Blick entzog sich dem seines Gastes. Und von Lukas abgewandt in Richtung Fenster blickend, stammelte der junge Mann ein wenig traurig: "Was sie sagen, ist bitter. Bitterer als jede Medizin. Es werden Narben bleiben, überall am Körper, auch im Gesicht. Und ein Granatsplitter steckt in meinem Rücken fest. Sie haben gestern versucht, ihn rauszuoperieren, aber er sitzt zu dicht am Rückenmark. Ein Spezialist aus den Staaten wird übermorgen eingeflogen, der einen weiteren Eingriff versucht. Bleibt auch der erfolglos, dann bin ich vermutlich zeitlebends von der Hüfte ab gelähmt und an den Rollstuhl gefesselt. Und selbst wenn die OP glücken sollte, stehen meine Chancen, wieder laufen zu können, maximal bei 50 Prozent". Dicke Tränen kullerten aus den eingesunkenen Augenhöhlen heraus unter die Verbände von Timmys vermummtem Gesicht. Auch Lukas Svensson mußte schlucken. Um seinen Schützling ein wenig aufzumuntern, reichte er ihm das mitgebrachte Notebook herüber, welches er bislang sorgsam hinterm Rücken verborgen gehalten hatte. Timmy wischte sich mit einem Papiertaschentuch aus der Box auf seinem Nachttisch die Tränen fort und umklammerte mit aller Kraft die Hand des Ex-Inspektors: "Das Du bei all der Aufregeung vorhin noch daran gedacht hast! Danke, Lukas! Jetzt hab ich wenigstens wieder ein paar kleine Fenster, über die ich Verbindung zur Außenwelt aufnehmen kann. Ich werde mir die Zeit bis zur OP damit verkürzen, daß ich mich schonmal nach geeigneten Reha-Angeboten umschaue. Und für den Fall der Fälle such ich mir auch schon ein paar elektrische Rollstühle raus, mit allen technischen Raffinessen versteht sich. Geld genug dafür hab ich ja jetzt mit den umgerechnet 100.000 Pfund, die die Deutsche Regierung für das Wiederauffinden des Bernsteinzimmers für jeden von uns vier am Fund beteiligten Männern hat springen lassen. Nur zu schade, daß unsere sensationelle Entdeckung auf Beschluß von Rußland und Deutschland noch ein paar Jahre geheim gehalten werden soll. Zumindest solange, bis es von Fachleuten komplett restauriert ist und in das dann hoffentlich fertiggestellte Berliner Stadtschloß einziehen kann. Übrigens eine kluge und gerechte Übereinkunft beider beteiligten Staaten, die Vertäfelung nun doch wieder an ihrem ursprünglichen Platz ausstellen zu lassen, während Rußland die - erst vor ein paar Jahren so mühevoll fertiggestellte - Kopie behält. Und wie ich gehört habe, war unser Charlie Wannabe ja auch ziemlich maßgeblich an den Verhandlungen darüber beteiligt. Apropos Wannabe und Co, was gibts eigentlich Neues in unserem geliebten Yard, Lukas?".

Im Stil eines Oberlehrers hob Lukas seinen Zeigefinger bedeutungsvoll in die Höhe und antwortete: "Oha, da tut sich so einiges, mein Freund! Die Führung des Yard übernimmt Anfang kommenden Jahres provisorisch noch einmal der alte Eddi Wallace, der zurückkehrt, um das Erbe seines Nachfolgers würdig fortzuführen. Zumindest solange, bis wieder ein geeigneter Mann für den Posten gefunden ist. Mein Freund Jack aus L.A. leitet bis auf Weiteres kommissarisch die Antiterroreinheit CI7, während sich Charles Wannabe nun gänzlich aus dem Polizeidienst zurückzieht und stattdessen beruflich ganz neue, eigene Zukunftspläne verfolgt". Timmy schaute ein wenig nachdenklich, dann sagte er: "Nun ja, dann steckt Mister Wannabe seine Belohnung also nicht nur in einen neuen Maßanzug, neue Lackschuhe und eine neue Yacht, sondern auch in einen kompletten Neuanfang. Soviel Mut zum Risiko hätte ich dem karrieresüchtigen Schnösel ehrlich gesagt gar nicht zugetraut. Aber nun mal wieder zurück zu Dir. Da wäre noch was, was ich Dich unbedingt fragen wollte. Daß Dein Onkel Fritz den Großteil des Geldes für die Kirche und den Wiederaufbau des Stadtschlosses spendet, das weiß ich ja. Und was Wannabe mit seinem kleinen Vermögen vorhat, weiß ich jetzt auch. Aber was machst Du eigentlich mit dem ganzen Geld?!". Lukas zögerte einen Moment, dann antwortete er: "Ich werd einen Teil für die Zukunft meiner Tochter Lisa anlegen, ein anderer Teil wird in die ausgedehnte Hochzeitsreise von Yelena und mir investiert. Und mit dem Rest hab ich etwas vor, was ich vorerst noch ein wenig geheimhalten möchte. Ich verrat es Dir, wenn Du erstmal wieder auf den Beinen bist". Svenssons Blick fiel dabei unweigerlich auf die zwei unteren Extremitäten seines Freundes, die regungslos unter der Bettdecke am Fußende des Krankenhausbettes lagen. Lukas schaute in Tims Gesicht und probierte, ein wenig zu lächeln, um seinem Schützling Mut zu machen. Doch es gelang ihm ebenso wenig wie Timmy selbst. Es war einfach zu schrecklich zu sehen, wie hilflos der einst so lebenslustige Jüngling hier vor ihm lag und dabei versuchte, tapfer und stark zu sein, obwohl ihm innerlich sicher permanent nur zum Heulen zumute war. Timmy hob bedächtig den linken Arm und klopfte Lukas gegen die Brust: "Kopf hoch, Sir! So schnell geben wir Zwei doch nicht auf, haben wir doch in den vergangenen Tagen ganz andere Katastrophen und Tiefschläge überstanden. Apropos Katastrophe! Wenn Du Dich jetzt nicht schleunigst vom Acker machst, dann blüht Dir ganz sicher auch eine, und zwar von Deiner vorm Altar auf Dich wartenden Braut! Einen Hochzeitstermin mußtet ihr Beiden ja schließlich schon sausen lassen. Also los jetzt! Ach ja, und grüß Deine Yelena von mir! Und falls Du auf der Hochzeitsfeier heute abend diese neue Chefsekretärin Sabrina Meltstone mit dem süßen Stimmchen unter Euren zahlreichen Gästen entdeckst, dann bestell auch ihr einen ganz lieben Gruß von Bandagen-Timmy. Sag ihr, unser - seinerzeit in Berlin telefonisch vereinbartes - Treffen verschiebt sich um ein paar Tage, weil ich gerade einen mehrwöchigen Erholungsurlaub in Chelsea und Westminster mache. Und frag sie doch mal, ob sie nicht eine Emailadresse hat, die sie Dir für mich geben kann. Machs gut, mein Freund! Ich wünsch Dir und Deiner Frau alles Glück der Welt!". Kräftig schüttelte er minutenlang Lukas' Hand. Der Ex-Inspektor aber flüsterte: "Danke Timmy! Und auch Dir alles Glück! Ich werde für Dich und Deine baldige Genesung beten!". Dann drehte er sich verstohlen um und verließ schnellen Schrittes das Krankenzimmer. Draußen ließ er die Tür leise hinter sich zufallen. Und innerlich wie äußerlich in sich zusammensinkend, murmelte er - mit dem Rücken an der hellblaue Flurwand Halt suchend: "Lieber Gott! Bitte hilf dem Jungen! Nimm Dich seiner an und gib ihm Kraft, all das durchzustehen, was auf ihn zukommt! Vergib mir, und laß mich mir auch selbst vergeben, daß ich nicht da war, um ihn vor diesem Schicksalschlag zu bewahren! Amen!"

Es war 13.56 Uhr, als Lukas - völlig außer Atem und mit einem Strauß aus 24 roten und weißen Rosen bewaffnet sowie einem kleinen Ansteckstrauß im obersten Knopfloch seines Anzugs - mit seinem Drahtesel vor der gigantisch anmutenden "Saint Pauls Cathedral" anlangte. Sein Freund George stand bereits parat, um das zweirädrige Gefährt des Inspektors in Empfang zu nehmen. Dabei warf er einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr und raunte: "Meine Güte, Lukas! Wie immer auf den letzten Drücker. Zieh Deinen Schlips gerade, wisch Dir den Schweiß aus dem Gesicht und dann nichts wie ab zum Altar!". Lukas zerrte aufgeregt an seiner Krawatte und tupfte sich dann mit seinem - der Hosentasche rasch entrissenen - Stofftaschentuch die feuchte, kahle Stirn. Dabei schaute er George ganz erwartungsvoll an und fragte: "Und alles klappt so wie ausgemacht?". George nickte: "Alles wie verabredet! Deiner Yelena wirds bestimmt gefallen. Und was Eure Gäste angeht, die werden Black Jack und ich inzwischen schon bei Laune halten". Lukas begab sich schnellen Schrittes zum Seitenportal der Kathedrale, wo bereits Onkel Fritz - herausgeputzt im schwarzen Anzug - auf ihn wartete. Der Onkel packte seinen Neffen am Ärmel und zerrte ihn mit sich ins Kathedraleninnere, während just im selben Moment vor dem Haupteingang eine blumengeschmückte weiße Kutsche vorfuhr und hielt. Lukas Svenssons Augen mußten sich erst an das Halbdunkel des Kircheninnern gewöhnen, dann aber sah er sich um und war überwältigt von der Größe und Pracht des monumentalen Bauwerks. Hier hatte einst Prinz Charles seine Lady Diana - die Königin der Herzen - geehelicht. Und nun stand er unmittelbar davor gleiches mit seiner Herzenskönigin zu tun und war dabei fest davon überzeugt, daß seine Ehe von mehr Erfolg gekrönt sein würde als die seiner königlichen Vorreiter. An der Seite von Onkel Fritz schritt Lukas langsam und bedächtig zum Altar, während im Hintergrund die anwesende Kapelle die ersten Takte des Hochzeitsmarsches von Felix Mendelssohn Bartholdy zu intonieren begann.

Auch auf der Gegenseite der Kapelle öffnete sich die kleine Eingangspforte, durch die sogleich Inspektor Powerich und Chiefsuperintendent Wannabe die Kirche betraten. Powerich blieb unmittelbar in Türnähe neben einer hübschen, jungen Lady stehen, die ihn durch ihr attraktives Äußeres und ein verführerisches Lächeln sofort in ihren Bann zog. Mit dem Zeige- und Ringfinger seiner rechten Hand griff er sich an die Stirn, während er dazu - um einen Flüsterton bemüht - seine sanfte Baßstimme ertönen ließ: "Maam, gestatten Sie, daß ich mich Ihnen bekanntmache?! Powerich, mein Name, John Wayne! Nicht verwandt oder verschwägert mit dem gleichnamigen Westernhelden. Von Beruf Inspektor beim Yard, altersmäßig in den besten Jahren und - das dürfte Sie wohl am meisten interessieren - ledig und noch zu haben". Die junge Lady mit dem Pferdeschwanz schüttelte lachend den Kopf, wobei ihre Mähne verwegen hin und her flatterte: "Spinner! Aber wenn Sie unbedingt wissen möchten, wer sich da gleich Ihrem unwiderstehlichen Charme zu entziehen vermag: Ich heiße Lisa, Lisa Svensson. Ich studiere Musik, spiele Geige und bin schätzungsweise ein Dutzend Jahre jünger als Sie. Auch ich bin ledig und durchaus noch zu haben. Nur muß, wer mich will, schon ein wenig mehr aus dem nicht vorhandenen Hut zaubern als ein paar plumpe Machosprüche! So long, Cowboy!". Damit stolzierte sie lächelnd von dannen, nicht ohne nochmal einen kurzen Blick zurück zu werfen, um sodann in einer der vorderen Holzbankreihen Platz zu nehmen. Powerich aber schaute ihr leise pfeifend nach, während er bei sich dachte: 'Das Fohlen von meinem berühmten Amtsvorgänger gefällt mir. Die Kleine hat Feuer im Blut und Haare auf den Zähnen. Eine Kombination, die durchaus ihre Reize hat. Genau wie ihr schnuckliges Äußeres. Alter Schwede, ich glaube, Johnny hat sich soeben verliebt!'. Die Svenssontochter schaute währenddessen noch einmal zu ihm herüber und lächelte verschmitzt, bevor sie ihrem Vater am Altar zuzwinkerte, der ihr Eintreffen erst jetzt bemerkt zu haben schien. Lukas Svensson winkte ihr aufgeregt zu, wobei sich das Lächeln in seinem Gesicht noch einmal deutlich verbreiterte. Es bedeutete ihm unheimlich viel, seine kleine Lisa hier und heute an seiner Seite zu wissen, wo für ihn ein so neuer und wichtiger Lebensabschnitt beginnen sollte. Zu schade nur, daß nicht auch ihre Mutter dabei anwesend sein konnte. Schließlich wäre ohne ihre selbstlose Hilfe für ihren Ex-Mann die Hochzeit so vermutlich gar nicht erst zustande gekommen. Eingeladen hatten Lukas und Yelena Nina Svensson ja, und auch zugesagt hatte sie schon. Aber dann hatte die Botschaftsangestellte am späten Vorabend der Trauung doch noch überraschend absagen müssen und Lukas als Grund dafür unter dem Deckmantel strengster Verschwiegenheit anvertraut, daß im russischen Murmansk auf der Halbinsel Kola mehrere Trägerraketen für Nuklearsprengköpfe abhanden gekommen seien. Man gehe in Rußland nach ersten Unteruchungen davon aus, daß dies einmal mehr eine Aktion der momentan kopflos agierenden Terrorgruppe "Nowoij Djehn" gewesen sei und schließe daher auch nicht aus, daß die heiße Ware am Ende in England oder einem anderen europäischen Staat wieder auftauche. Was die Terroristen wohl mit den Dingern vorhatten? Ohne die zugehörigen Atomsprengköpfe waren die Raketen ja schließlich vorerst relativ wertlos. Während Lukas Svensson so seinen Gedanken nachhing, war Charles Wannabe unterdess gänzlich unbemerkt von hinten an ihn herangetreten. Und nun, da der Hochzeitsmarsch verklungen war, flüsterte er dem Ex-Inspektor ins linke Ohr: "Hören Sie zu, Svensson! Bevor Sie sich hier gleich in Ihr Verderben stürzen, hab ich noch eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie und Ihre Braut. Zuerst die schlechte: Die Adoptiveltern der verschollenen Tochter Ihrer Yelena sind schon seit Jahren tot. Und auch an die aktuelle Adresse des Kindes ist beim besten Willen kein Herankommen. Sie wissen ja, Datenschutz und so weiter. Nun aber die gute Nachricht: Ich konnte nämlich meinem Informanten mit viel gutem Zureden zumindest den aktuellen Familiennamen der verschollenen jungen Dame entlocken, und der ist Webster. Jana Webster. So, das wärs! Hat mich echt viel Mühe gekostet, das rauszufinden. Ich hoffe, Sie wissen das gebührend zu würdigen. Es bleibt doch bei dem, was wir als Gegenleistung ausgemacht haben, oder?!". Svensson, der durch die überraschende Ansprache Wannabes zunächst ein wenig zusammengezuckt war, drehte nun seinen Kopf zur Seite und blickte dem Mann in seinem Rücken tief in die Augen: "Klar doch! Ich stehe zu meinen Versprechen! Auch wenn ich mich ehrlich gesagt schon jetzt frage, auf was ich mich da auf meine alten Tage noch einlasse. Aber naja, für das Glück meiner zukünfigen Frau ist mir letztlich kein Preis zu hoch! Also abgemacht, Charles!". Begeistert schüttelte der kommissarische Yardchef die Hand seines Ex-Kollegen: "Ok, man sieht sich! Und nun viel Vergnügen beim fröhlichen Schippern in den stürmischen Hafen der Ehe! Auf in den Kampf, alter Haudegen! Und einen schönen Gruß an die holde Gattin!". Nach diesen Worten trat Wannabe rasch ein paar Schritte zurück und hockte sich schließlich in eine der hinteren Kirchenbankreihen.

So langsam kehrte erwartungsvolle Stille ein im Kircheninnern. Nahezu alle Gäste hatten sich einen Sitzplatz gesucht und diesen auch eingenommen. Nun harrte man gemeinschaftlich der großen Dinge, die da kommen würden. Urplötzlich wurden die beiden Flügeltüren des Hauptportals der Kathedrale von außen aufgestoßen, und das strahlend helle Sonnenlicht flutete innerhalb einer einzigen Sekunde den Gang zum Altar. Lukas und die restlichen Hochzeitsgäste waren einen Moment lang geblendet, dann aber traten zwei Gestalten durch die erleuchtete Pforte, eine von ihnen im schwarzen Anzug und die andere ganz in Weiß gehüllt. Ihre glänzenden Erscheinungen ließen das Sonnenlicht in ihrem Rücken verblassen, während Beide unter den Orgelklängen von Richard Wagners Brautchor würdevoll dem Altar entgegenschritten. Ein Staunen erfaßte die Anwesenden, und die Augen des Bräutigams begannen zu glitzern und zu funkeln, als er erkannte, wer da auf ihn zukam. Es war niemand anders als sein Freund Jack aus L.A., der sichtlich gerührt an Stelle des Brautvaters die Braut zum Altar führen durfte. Neben ihm aber schwebte in einem Traum aus weißer Seide mit dem bezauberndsten Lächeln auf der ganzen weiten Welt seine Yelena wie in Zeitlupe auf ihn zu. Eine gefühlte Ewigkeit verging, bis sie endlich neben ihm zu stehen kam, vom nicht enden wollenden Beifall sämtlicher Gäste begleitet. Jack flüsterte Yelena etwas ins Ohr und zwinkerte Lukas dabei zu, während er die zitternde Hand der Braut in die gleichfalls stark bewegte ihres zukünftigen Gatten legte. Lukas aber strahlte überglücklich und überreichte Yelena den Brautstrauß. Die bekannte Melodie aus der Oper "Lohengrin" verstummte, und Pfarrer Marc Goody Shepherd trat am Altar vor das Brautpaar. Der mit indischen und südafrikanischen Wurzeln in England geborene Geistliche räusperte sich kurz, dann sprach er feierlich: "Liebe Yelena, lieber Lukas - liebes Brautpaar, werte Gäste! Wir alle sind heute hier zusammengekommen, um Zeugen zu werden, wenn sich Yelena Zladkaja und Lukas Svensson das Ja-Wort geben und damit den heiligen Bund der Ehe eingehen. Dabei wurde es Ihnen, liebes Brautpaar, in den vergangenen Tagen wahrlich nicht leicht gemacht, heute hier gemeinsam gesund und munter im Kreise ihrer Lieben vor mir am Altar dieses ehrwürdigen Gotteshauses stehen zu können. Und auch der nun vor Ihnen liegende gemeinsame Weg der Ehe wird nicht immer ein leichter sein. Nein, dieser Weg wird Ihnen Beiden sicher mehr als einmal steinig und schwer erscheinen. Nicht immer und in allem werden Sie sich einig sein. Und dennoch möchte ich Ihnen für all die Hindernisse, die auf Sie zukommen mögen, eines mit auf den Weg geben: Was Sie in Zukunft alleine nicht schaffen, das schaffen Sie dann ganz gewiß zusammen. Und alles, was es dafür bedarf, sind ein paar Tugenden: Verständnis und Kompromißbereitschaft, Ehrlichkeit und Vertrauen sowie Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Liebe aber - sowohl zueinander als auch zu Gott, der Sie Beide nach seinem Bilde erschuf und nach seinem Willen zusammenführte - das ist die wichtigste und größte unter ihnen". Damit blickte der Geistliche zu Onkel Fritz, der nun sichtlich nervös die Schachtel mit den Trauringen aus der Hosentasche hervorholte und sie an seinen Neffen weiterreichte. Daraufhin wandte sich der Pfarrer dem Bräutigam zu seiner Rechten zu und fuhr mit der Zeremonie fort: "Und so, Lukas Svensson, frage ich Dich vor Gottes Angesicht: Willst Du die hier anwesende Yelena Zladkaja zur Frau nehmen? Versprichst Du, ihr die Treue zu halten in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, und sie zu lieben, zu achten und zu ehren, solange Ihr Beide lebt?". Lukas schaute seiner Braut tief in die Augen und antwortete dann aus tiefster Seele: "Ja, ich will!". Der Pfarrer nickte zufrieden und wandte sich nun der Braut zu seiner Linken zu: "Ebenso, Yelena Zladkaja, frage ich Dich vor Gottes Angesicht: Willst Du den hier anwesenden Lukas Svensson zum Manne nehmen? Versprichst Du, ihm die Treue zu halten in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, und ihn zu lieben, zu achten und zu ehren, solange Ihr Beide lebt?". Yelena strahlte ihren Lukas ganz verliebt an und sprach dann mit aller Inbrunst: "Ja, das ich wollen!". Wieder nickte der Geistliche: "So tauscht denn nun als Zeichen Eures soeben vor Gott und aller Welt geschlossenen Ehebundes untereinander die Ringe". Aufgeregt kam Lukas der Bitte des Pfarrers nach und öffnete das schwarze Kästchen. Er holte den kleineren der beiden enthaltenen goldenen Ringe heraus und steckte ihn Yelena an den Ringfinger ihres zarten linken Händchens. Yelena tat daraufhin das gleiche mit dem verbliebenen größeren Ring, nur daß sie ihn ihm - wie in ihrer alten Heimat üblich - an den rechten Ringfinger steckte. Die beiden Brautleute legten daraufhin die frisch beringten Hände ineinander und schauten mit großen Augen erwartungsvoll auf den Geistlichen, der die Trauung mit den Worten vollendete: "Damit erkläre ich Euch, Yelena und Lukas Svensson, nach dem Willen Gottes rechtmäßig zu Mann und Frau! Lukas, Sie dürfen Ihre Braut jetzt küssen!". Das ließ sich der Bräutigam nicht zweimal sagen. Stürmisch umfaßte er den Hals seiner Yelena und drückte seine Lippen leidenschaftlich und dennoch sanft auf die ihren. Der Geistliche aber lächelte nur und sprach: "Was aber unser himmlischer Vater zusammengeführt hat, das soll der Mensch nicht scheiden! Amen! So gehet nun hin in Frieden!". Und während das Brautpaar sich nun unter dem sie segnenden Pfarrer zu seinen Gästen umdrehte, um dann zwischen ihnen allen hindurch über den langen Mittelgang aus dem Kirchgebäude hinaus ins neubegründete Eheleben zu schreiten, gab Onkel Fritz der eigens aus Deutschland mit angereisten kleinen Band um die Sängerin Vanessa ein Zeichen. Auf dieses Zeichen hin stimmte die in Italien geborene, junge Sängerin zum Auszug des Brautpaares die letzte Strophe des Silbermond-Liedes "Gib mir Sonne" an, so wie sie es schon einmal ein paar Jahre zuvor als damals ungekrönte Schlagerkönigin in einer Fernsehcastingshow getan hatte. Damals war das überaus herzliche Mädchen an diesem Titel gescheitert, doch heute sprach sie Lukas beim Anblick seiner wundervollen Frau aus dem Herzen, wenn sie sang: "Feier das Leben, feier den Tag! Feier uns Beide, es ist alles gesagt! Hier kommt die Sonne!". Die Sonne - ja das war sie für ihn. Licht- und wärmespendend, sein kleines Leben Tag für Tag aufs Neue erhellend. Seine Yelena, seine Frau!

Unzählige Hände wollten auf dem Wege geschüttelt, unzählige Gratulanten umarmt werden. Besonders innig fiel die Umarmung von Lukas Svensson und seiner Tochter Lisa aus. Sichtlich gerührt hauchte sie ihrem Vater dabei ins Ohr: "Oh, ich freu mich ja so sehr für Euch! Auch von Mutti soll ich Dir und Deiner Yelena ganz liebe Grüße und die besten Wünsche zur Vermählung ausrichten! Werdet glücklich, Ihr Zwei! Nach Euren Flitterwochen komm ich Euch dann zu den Weihnachtstagen mal für ein Wochenende besuchen, das ist ganz fest versprochen! Ich hab Dich lieb, Daddy!". Und mit einem zärtlichen Kuß auf die Wange entließ sie ihren überwältigten Vater aus ihrer Umklammerung. In ein paar Metern Entfernung aber schien sich bei diesem bewegenden Anblick ein völlig gedankenversunkener Inspektor Powerich lebhaft auszumalen, wie es wohl wäre, jetzt an der Stelle seines Amtsvorgängers zu sein und die zärtlichen Berührungen dieser aufregenden jungen Frau in vollen Zügen auskosten zu dürfen. Augenblicke später erwachte John Wayne jäh aus seiner schwärmerischen Versunkenheit und bemerkte, daß die Frischvermählten mittlerweile durch das große, weit geöffnete Kirchenportal ins Freie getreten waren, wo sich nun die restlichen Gäste wie auch er selbst innerhalb weniger Minuten in einer dichten Traube um sie scharrten. Yelena hob noch auf der Treppe ihr Brautkleid ein wenig nach oben und befreite sich dann von dem Sixpencestück in ihrem Schuh sowie von ihrem blauen Strumpfband, welches sie dem Bräutigam reichte. Lukas aber nahm es und warf es in hohem Bogen in die Menge, wo es sogleich von einem sichtlich überraschten Inspektor Powerich gefangen wurde. Auch Yelena entledigte sich nun traditionsgemäß ihres Brautstraußes, der daraufhin prompt in den Armen von Lukas' Tochter Lisa landete. Lukas schaute ein wenig skeptisch auf sein - von ihrem unerwarteten Fang - sichtlich geschmeicheltes Töchterchen, aber Yelena zwinkerte ihm nur zu und flüsterte: "Keine Sorge! Deine kleine Mädchen sein schon alt genug für Heiraten. Können ja nicht warten alle solang wie Du und ich mit Glück auf Erde!". Lukas nickte schmunzelnd: "Was für eine weise alte Dame ich mir da doch angelacht habe!". Yelena kniff ihrem Gatten daraufhin augenzwinkernd in die Seite und flüsterte: "Du aufpassen! Ich Dir heut nacht noch zeigen, wer oder was hier sein alt!". Lukas aber ergriff nur wortlos ihre Hand und zog sie mit sich - durch all die Menschen hindurch die Stufen der Treppe herab, hin zu seinem Freund George, der dort bereits mit einem weißen Tandem auf die Brautleute wartete. Das drahtige Gefährt hatte an seinem hinteren Sattel ein Schild mit dem Schriftzug "Just Married" angeschraubt. Und am Gepäckträger baumelte eine Schnur, an derem anderen Ende ein halbes Dutzend Blechbüchsen befestigt war. Lukas bedeutete seiner verdutzten Gemahlin, hinten auf dem Sattel Platz zu nehmen. Ohne zu zögern, raffte sie ihr langes Brautkleid beim Aufsteigen ein wenig zusammen und klemmte es vorsichtig im Gepäckträger ein, damit es beim Fahren nicht in die Speichen geraten konnte. Vor ihr nahm nun auch der Bräutigam auf dem vorderen Sattel platz und trat sogleich - im Einklang mit seiner Braut - kräftig in die Pedale. Laut scheppernd setzte sich das Hochzeitstandem in Bewegung. Dabei hauchte Yelena ihrem Mann zärtlich fragend ins Ohr: "Wohin die Reise denn sollen gehen?". Ihr Vordermann aber tat nur äußerst geheimnisvoll: "Na, da laß Dich mal überraschen, Misses Svensson!".

Eine halbe Stunde später befanden sich die beiden frischgebackenen Eheleute mitten im Londoner Hydepark. Die herbstliche Sonne strahlte durch die schattenspendenden Kronen der zahlreichen Bäume hindurch, und die Vögel in ihren Ästen zwitscherten vergnügt. Braut und Bräutigam saßen händchenhaltend auf einer Parkbank in unmittelbarer Nähe eines Imbißwagens und hielten je einen Hot Dog in ihren freien Händen. Yelena Svenssons Augen waren weit geöffnet, und sie konnte sich scheinbar gar nicht satt sehen am Anblick des wundervollen bunten Herbstlaubs, welches den Erdboden des riesigen Parks nahezu komplett bedeckte. Lukas Svensson aber blinzelte zur gleichen Zeit in den pardiesisch blauen Himmel über ihnen und atmete voller Wonne die herrlich frische Herbstluft in sich ein. Neugierig fragte er dabei seine Angetraute: "Sag mal, mein Schatz, was hat Dir eigentlich mein amerikanischer Freund Jack da am Altar ins Ohr geflüstert?". Yelena schwieg einen Augenblick lang. Ihr Blick löste sich dabei vom Erdreich und wanderte unumwunden in das sonnenbeschienene, strahlende Antlitz des geliebten Mannes an ihrer Seite. Lukas hatte unterdess für sich beschlossen, daß der Himmel noch warten konnte, und schaute nun ebenfalls zu seiner Frau herüber. Ihre Blicke fanden sich, und in der intensiven Begegnung ihrer blauen und braunen Augenpaare schienen für einige Sekunden Himmel und Erde miteinander zu verschmelzen. Und nun endlich lüftete Yelena das kleine Geheimnis, das bislang nur sie und ihr charmanter amerikanischer Brautführer geteilt hatten: "Jack haben mir gratuliert zu Dir und umgekehrt. Er sich sehr geehrt gefühlt haben, daß er mich dürfen begleiten anstelle von Vater von Braut. Er haben uns gewünscht alles Glück auf ganzes Welt. Und er haben gesagt, er hoffen, daß es sein kein schlechtes Omen für Ehe von uns Beiden, wenn er mich bringen zu Altar, wo er doch immer wieder haben soviel Unglück, was betreffen längere Beziehung zu weibliches Geschlecht. Und dann er noch haben gemeint, daß ich genauso herrlich und unbeschwert lächeln wie früher sein Teri". Lukas nickte: "Ja, der gute alte Jack. Die Bekanntschaft mit ihm hat vieles in meinem Leben verändert. Sein unbeugsamer Wille, stets das Richtige tun zu wollen, auch wenn er einen nahezu übermenschlich hohen Preis dafür zu zahlen hat, beeindruckt mich immer aus Neue. Wie viel hat er dabei verloren?! Seine Frau, sein ungeborenes Kind, viele seiner Freunde und Kollegen. Und auch, wenn er dabei viele Male in den Abgrund seiner irdischen Existenz schaute, so kämpfte er doch letztendlich immer weiter - für sein Land, seinen Glauben an den Sieg der Gerechtigkeit und für die Menschen, die er liebt. Denn seien wir doch mal ehrlich: Es gibt kaum ein größeres Verbrechen, als nicht kämpfen zu wollen, wo man kämpfen muß. Ja, liebste Yelena, ich verneige mich voller Ehrfurcht und Respekt vor diesem Mann und bin stolz, ihn meinen Freund nennen zu dürfen". Sichtlich gerührt von der Ansprache ihres Gatten streichelte Yelena über dessen rechte Wange und fing dabei mit ihrem Handrücken eine herunterlaufende Träne ab. Sie mochte ihren Lukas an diesem Freudentag nicht weinen sehen, und so suchte sie rasch nach einer Möglichkeit, ihn aufzuheitern. Ihr Blick fiel dabei unvermittelt auf den Hot Dog in ihrer Hand, und sie sprach lächelnd: "Ja, nun wir sein also hier in großes öffentliches Park an Tag von unseres romantisches Hochzeit. Und das also sein Dein Vorstellung von großes Hochzeitsbuffet. Heißes Wurst in Mantel aus Teig, verfeinert mit Sauce von erpreßte Tomate?!". Lukas lächelte verschmitzt, dann biß er noch einmal herzhaft in seine Wurstsemmel und erwiderte kaum verständlich: "Nun ja, hier hat schließlich alles angefangen mit uns, damals am Tag meines zehnjährigen Dienstjubiläums als Yardinspektor. Erinnerst Du Dich noch?". Yelena nickte entschlossen: "Natürlich, wie ich könnte das je vergessen?! Du und ich mit Eis in Hand. Du gekleckert, ich geschleckert! Und ich damals schon haben gewußt, daß Du sein mein. Dein Lächeln und Deine Hände, Deine Augen und Deine Lippen! Alles mir schon an dieses Nachmittag sein so vertraut gewesen. Und ich schon gewußt haben, daß ich lieben Dich, noch bevor ich überhaupt haben Dich richtig gekannt. Du und ich - das sein gewesen Schicksal göttliches! Das sein Bestimmung! In gutes wie in schlechtes Tage, bis daß Tod scheiden uns!". Unbemerkt von den beiden frisch angetrauten Turteltäubchen hatte sich ihnen unterdess aus einem naheliegenden Gebüsch heraus ein dunkel gekleideter Mann genähert, der sein Gesicht unter einem tief heruntergezogenen Basecap zu verbergen suchte. Er schlich langsam auf die beiden Svenssons zu und umklammerte dabei mit beiden Händen krampfhaft ein schwer zu identifizierendes längliches Objekt. Nur noch wenige Schritte trennten ihn vom Brautpaar, als der Unbekannte unvermittelt stehenblieb. Ein dumpfer Knall durchbrach die Stille der Parklandschaft und ließ die aufgeschreckten Vögel aus den Baumkronen hochflattern. Lukas aber - der sich im selben Moment gerade zu Yelena hinübergebeugt hatte, um sie zu küssen - griff sich unvermittelt an die kahle Stirn, wo er deutlich einen stechenden Schmerz registrierte. Etwas hatte ihn am Kopf getroffen. Und während er sichtlich benommen mit seinen Fingern die Umgegend der schmerzenden Stelle abtastete, erblickte er auf Yelenas schneeweißem Brautkleid unmittelbar vor sich in Brusthöhe zu seinem blanken Entsetzen einen großen, häßlichen roten Fleck.

Es dauerte ein Weilchen, bis Lukas begriffen hatte, was hier soeben geschehen war. Vor ihm kniete sein Freund Yusuf mit einer überschäumenden Magnumflasche Sekt in der Hand und bat händeringend: "Tschüldigung, Chef! Ich hab nix auf Dich schießen wollen. Der Korken ist bei der ganzen Schüttelei einfach so rausgeflogen und direkt an Deine großflächige Denkerstirn. Tut mir leid! Vor allem, daß vor Schreck von Deinem Hot Dog ein bißchen Ketchup auf das Kleid Deiner Frau getropft ist. Was für ein Unglück!". Der Ex-Inspektor schaute Yusuf noch immer ein wenig grimmig an, während er sich weiter die Stirn rieb. Schließlich aber winkte er lächelnd ab: "Ich bin sicher, meine Yelena kriegt den doofen Fleck wieder raus!". Die Svenssonbraut besah sich die betroffene Stelle an ihrem Hochzeitskleid genauer und nickte schließlich zustimmend. Svensson aber klopfte dem betrübten Yusuf freundschaftlich auf die herabhängende rechte Schulter: "Na also! Schwamm drüber! Und das im wahrsten Sinne des Wortes!". Yusuf hob kurz den gesenkten Kopf und schmunzelte. Doch nur für einen Augenblick, dann murmelte er erneut sichtlich bedrückt: "Aber so ein Fleck auf dem Brautkleid bedeutet doch immer Unglück, weißt Du?!". Lukas schaute seinem Freund tief in die traurigen Augen und schüttelte dabei energisch den Kopf: "Mensch, Alder! Laß bloß den Scheißendreck-Aberglaube! Und jetzt Schluß mit Kopfzerbrechen! Alles was zählt, ist schließlich die gute Absicht dahinter und daß Du hier bist! Und außerdem habe ich genau diesen roten Fleck auf dem weißen Kleid bereits vor ein paar Tagen im tiefsten Rußland in einer Art visionärem Traum vorausgesehen. So, und genau darauf stoßen wir jetzt an, auf die Erfüllung all unserer Träume und auf meine Eheschließung mit der tollsten Frau, die ich mir vorzustellen vermag!". Mit diesen Worten stand er auf und ließ sich vom Pächter des Imbißes drei Plastikbecher reichen, die Yusuf umgehend mit dem mitgebrachten edlen Sprudelwasser befüllte. Die Drei stießen an, tranken ihre Becher in einem Zuge aus und füllten sofort wieder nach. Das Ganze wiederholten sie solange, bis die große Sektflasche restlos geleert war. In diesem Moment fiel Svenssons bereits leicht verklärter Blick auf Yussufs Armbanduhr, deren kleiner Zeiger inzwischen der Fünf des zugehörigen Ziffernblatts bedrohlich nahekam. Entgeistert sprang er von seinem Sitzplatz auf und rief: "Du meine Güte, wir kommen wegen unserem kleinen nicht geplanten Umtrunk hier am Ende noch zu spät zur Taufe von Klein-Luke". Yusuf aber zügelte die Aufregung seines Freundes: "Keine Panik, Chefe! Guckst Du da hinten um die Ecke am Parktor! Da wartet schon Euer Chauffeur George mit einem extra für Euren großen Tag angemieteten schneeweißen Rolce Royce auf Euch Beide. Und was Euren Doppeldrahtesel angeht, den schieb ich derweil ganz in Ruhe nach Hause. Wir sehen uns ja dann heute abend im 'My Redemption' wieder zur großen Hochzeitsfeier". Lukas schüttelte Yussuf kräftig die Hand: "Ja, klar! Darauf freu ich mich schon. Und danke für die unvergeßliche Überraschung mit dem feucht-fröhlichen Blitzangriff hier, mein Freund!". Der türkischstämmige Schrankenwärter aber schaute ein wenig verlegen zu Boden und stammelte: "Wozu hat man denn schließelich Freunde?!". Als er den Kopf wieder zu heben wagte, waren Lukas und Yelena samt Chauffeur George und seinem Luxusschlitten längst über alle Berge verschwunden.

In der kleinen Vorstadtkapelle wartete man schon recht ungeduldig und nervös auf das Eintreffen des noch fehlenden Taufpaten. Umso erleichterter waren Cathrin Napolitani, ihre Freundin Jane und der kleine Luke, als der weiße Traumschlitten mit Lukas und Yelena an Bord endlich fast auf die Minute genau vorm Eingang hielt. George entstieg in standesgemäßer Chauffeurstracht eilends dem noblen Gefährt und öffnete dessen Hintertür, so daß nun auch Yelena und ihr Bräutigam unter dem Beifall der staunenden Anwesenden aussteigen konnten. Hand in Hand begab sich das Paar ins Innere des kleinen Kirchengebäudes und dort wiederum schnurstracks zum Taufbecken. Yelena postierte sich ein wenig abseits, während ihr Göttergatte unmittelbar neben Lukes Mutter Jane Aufstellung nahm. Dann hatte einmal mehr an diesem denkwürdigen Tag ein Mann der Kirche das Wort: "Lieber Täufling, lieber Pate, liebe Eltern, werte Anwesende. Mit dem symbolischen Akt der Taufe nehmen wir als Christen einen Menschen als neues Mitglied in unsere Gemeinschaft auf. Wir stellen ihn damit unter den besonderen Schutz und die Obhut unseres lebendigen Gottes. Er muß fortan nicht mehr einsam durchs Leben gehen. Nein, er darf Jesus Christus sowie als dessen irdische Vertreter seinen Paten im Besonderen und die Gemeinde im Allgemeinen an seiner Seite wissen, die ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen werden und darauf Acht geben mögen, daß er durch alle Irrungen des Lebens hindurch stets den rechten Weg beschreitet. Der Täufling selbst erkennt in seiner Taufe an, ein Geschöpf Gottes zu sein. Er bekennt seinen festen Glauben an Jesus Christus, dessen Tod am Kreuz ihn vor Gott von all seinen menschlichen Verfehlungen freispricht und ihm das ewige Leben an der Seite seines himmlischen Vaters ermöglicht. Die symbolische Handlung der Taufe macht dem Täufling zugleich das wertvolle Geschenk des Heiligen Geistes, der ihm das Wort Gottes und damit auch das Wort vom Kreuz verständlich machen wird, auf daß er sein ganzes weiteres Leben mit Gottes Hilfe danach auszurichten vermag!". Damit bat Pfarrer John Baptist den kleinen Luke, seinen Kopf über das Taufbecken zu neigen. Und nachdem dieser dem Wunsch nachgekommen war, schöpfte der junge Geistliche mit der rechten Hand Wasser aus jener steinernen Schale und ließ es über den Hinterkopf es Täuflings fließen. Dazu redete er: "Ich taufe Dich hiermit im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Dein Taufspruch aber sei das Wort aus dem Buche des Propheten Jesaja Kapitel 43 Vers 1: 'Ich, der Herr, habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein!'. Und so sollst nun auch Du ganz dem Herrn gehören, der Dich bei Deinem Namen gerufen hat ... Dich, Luke Webster!" ...

[Wird fortgesetzt]

+++ CRIMINAL MINDS +++ DALLAS +++ CASTLE +++ DOCTOR WHO +++ 24 +++

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Samstag, 15. September 2012, 09:06

Episode 21: Im Namen des Großvaters

Lukas kratzte sich nachdenklich am Kopf, während der kleine Luke vor ihm mit einem dargereichten weißen Tuch seinen Hinterkopf abtrocknete. Webster? Aber ja! Daß er da nicht gleich ... Zwei Hände zupften an seinem Hosenbein und rissen ihn damit jäh aus seiner Gedankenwelt heraus. Der frischgetaufte Luke zerrte voller Eifer an der Hose seines Patenonkels: "Toll, Onkel Lukas! Ich freu mich, daß Du da bist! Hast Du mir auch was mitgebracht zu meiner Taufe, vielleicht ein kleines Präsent oder eine schöne Geschichte". Der Ex-Inspektor schaute ein wenig entgeistert drein: "Was? Ja, Luke, schon möglich, daß ich da eine ganz tolle, geradezu märchenhafte Geschichte für Dich hab! Gib mir nur mal eine Sekunde, ich muß da noch rasch was mit Deiner Mami bereden". Damit nahm er den Jungen zu sich auf den Arm und trat dann von hinten an dessen Mutter heran. Er klopfte ihr mit dem Zeigefinger solange auf die Schulter, bis sie sich aus der angeregten Unterhaltung mit ihrer geliebten Cathrin löste, und fragte aufgeregt: "Jane Webster?! Sie heißen Jane Webster, oder auch Jana Webster, richtig?!". Jane sah den Ex-Inspektor erstaunt an und erwiderte: "Ja, richtig! Aber das wußten Sie doch bereits! Und was das Jana angeht, so hat mich seit meiner Kindheit niemand mehr genannt. Alle sagen Jane, so wie es auch in meinem Paß steht". Lukas nickte, noch immer etwas abwesend wirkend: "Ja, klar doch! Im guten alten England wird aus einer Jana von Amts wegen rasch mal eine Jane! Eigentlich doch ganz offensichtlich! Nur hab ich im entscheidenden Moment einfach nicht dran gedacht. Und in Ihrer Akte stand ja auch, daß Ihre Pflegeeltern bei einem Unfall ums Leben kamen. Und auch, daß Sie Kunst studiert haben, genau wie sie ...". Jane Webster schaute verdutzt: "Wie sie? Wen meinen Sie damit?". Lukas' Augen begannen zu leuchten: "Na sie - Ihre Mutter, Jane. Ihre leibliche Mutter meine ich damit!". Lukes Mutter begann mit einem Male am ganzen Körper zu zittern. Ungläubig fragte sie: "Sie kennen meine Mutter, Lukas?! Meine leibliche Mutter, die ich nie kennenlernen durfte und die ich über all die Jahre immer wieder verzweifelt gesucht habe?! Niemand hat mir sagen können, wer sie ist und wo sie lebt. Und nun kommen Sie als Taufpate meines Sohnes daher, und wissen, wo sie sich befindet?!". Lukas winkte seine Frau zu sich. Und als Yelena herangetreten war, verkündete er schluchzend: "Yelena, liebste Yelena, ich hab Dir doch versprochen, daß ich Deine Tochter für Dich ausfindig mache - Deine Jana, die Du nach ihrer Geburt schweren Herzens aus Angst um ihr Leben weggeben mußtest, nicht wahr?!". Yelena verstand kein Wort und nickte zögernd. Lukas aber rannen dicke Tränen über beide Wangen, während er fortfuhr: "Dann darf ich Dir jetzt die Mutter des kleinen Luke vorstellen, Jane Webster alias Jana Webster, geborene Jana Zladkaja, Deine Tochter!". Sekundenlang standen sich beide Frauen wie angewurzelt gegenüber und schauten sich dabei tief in die Augen. Keine von ihnen wollte recht glauben, daß in diesem Moment all ihr Suchen und Bangen ein Ende haben sollte. Schließlich war es Yelena, die als Erste in der Lage war, ihr Glück zu begreifen. Sie schlang beide Arme um Janes Hals und sprach weinend: "Mein Kind, geliebtes mein Kind! Daß ich das noch darf erleben!". Die Tränen Yelenas, die in wilden Sturzbächen die Schulterpolster von Janes Seidenbluse fluteten, schienen nun auch deren Erstarrtheit zu lösen. Und so erwiderte sie die Umarmung jener noch so unbekannten Frau und schluchzte: "Mama! Liebste Mum! Ich hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, Dich jemals zu finden!".

Angelockt vom Weinen ihrer Geliebten trat nun auch Cathrin Napolitani näher und erkundigte sich, was denn so Schlimmes geschehen sei. Lukas aber verpaßte ihr zu ihrem Erstaunen ein Küßchen auf die Wange und flüsterte: "Ich glaube, Deine Freundin Jane kann ab heute Vater zu mir sagen. Meine Braut Yelena ist nämlich ihre leibliche Mutter. Und nun: Küß mich, Kate!". Sie zögerte einen kleinen Moment, doch dann drückte sie dem Ex-Inspektor einen feuchten Schmatzer auf die Stirn. Und zärtlich abwechselnd über Janes und Yelenas Wange streichelnd, fragte sie: "Ist das wahr, Ihr Zwei?! Ihr seid Mutter und Tochter?!". Die beiden Frauen aber zu ihrer Rechten und Linken nickten synchron. Der kleine Luke, der der ganzen Enthüllung um das neuaufgedeckte Verwandtschaftsverhältnis seiner Frau Mama bislang nur stumm beigewohnt hatte, wurde nun auf dem Arm seines Patenonkels recht zappelig. Schließlich platzte es neugierig aus dem kleinen Kerl heraus: "Du, Onkel Lukas, dann sind wir Beide jetzt also auch miteinander verwandt?!". Lukas Svenssons Augen füllten sich stolz und glücklich mit ein paar Freudentränen: "Ja, mein Junge! Und ich glaube, Du solltest mich jetzt Großvater nennen". Der kleine Luke jedoch schüttelte nur energisch den Kopf: "Aber Du siehst doch gar noch nicht aus wie ein Großvater!". Und lachend entgegnete ihm sein neuer Opa Lukas: "Da kann ich Dir allerdings nur zustimmen!" ...

[ENDE]

+++ CRIMINAL MINDS +++ DALLAS +++ CASTLE +++ DOCTOR WHO +++ 24 +++

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Angel (15. September 2012, 13:55)

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